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04/04/2018 17:35 CEST | Aktualisiert 04/04/2018 18:04 CEST

Kopftuchverbot in Österreich: Diesmal sind Grundschulkinder dran

Da bleibt einem glatt das Kopftuch weg.

GETTY IMAGES

In Österreich sollen Kinder in Vor- und Grundschule schon bald kein Kopftuch mehr tragen dürfen. Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) sagte am Mittwoch, er werde bis zum Sommer ein entsprechendes Gesetz ausarbeiten lassen, im Auftrag unter anderem des Kanzlers Sebastian Kurz (ÖVP) und des Vizekanzlers Heinz-Christian Strache (FPÖ).

Ich bin Muslima, ich trage aus Überzeugung Kopftuch. Und ich halte es tatsächlich für keine gute Idee, wenn kleine Mädchen eines tragen, weil Mädchen unter einem bestimmten Alter die Bedeutung des „Hijabs“ nicht verstehen können.

Genauso wenig bin ich von Make Up, High Heels und Hot Pants bei Grundschülerinnen begeistert, aus demselben Grund.

Was ich aber vor allem als Mutter sehr unterstütze, ist die Neugierde junger Mädels, die dies und das ausprobieren möchten. Und hier müssen wir einen langen Atmen haben, sie forschen und die eigene Persönlichkeit formen lassen – als Kinder, als junge Damen, als Frauen, aber vor allem als Menschen. 

Aber deswegen ein Kopftuch-Verbot für kleine Kinder einzuführen, ist aus mehreren Gründen eine vom Populismus gestützte Idee.

1. Aus rechtlichen Gründen

Wie heikel die Sache rechtlich ist, zeigt sich schon daran, dass dazu die Verfassung mit einer Mehrheit von zwei Dritteln geändert werden muss.

Kurz braucht für seinen Plan also auch die Zustimmung der SPÖ oder der Neos. Gut möglich, dass er sie bekommen wird.

Mehr zum Thema: “Meine Töchter würde ich am liebsten auch verschleiern” - was ich als Kopftuchträgerin im Zug erlebt habe

SPÖ-Chef Christian Kern sagt schließlich, seine Partei lehne es ab, wenn schon so junge Mädchen Kopftuch trügen. Aber er sagt eben auch: “Reale Probleme brauchen konkrete Lösungen, Einzelmaßnahmen alleine lösen nur wenig.”

2. Es geht an der Realität vorbei

Und damit ist Kern schon nahe dran: Das Gesetz soll wohl Integration fördern, gar dem Kinderschutz dienen. Aber genau das tut es nicht. Weil es das Kopftuch im Kindergarten eben kein Massenphänomen ist, Rassismus aber schon – der wird natürlich nicht bekämpft, sondern bestärkt. 

Die Mehrheit der MuslimInnen in Österreich hält, genauso wie ich, nicht viel vom Verschleiern der eigenen Töchter vor dem Pubertätsalter und somit wäre so ein Verbot eigentlich gleichgültig, denn es würde nicht viel an ändern.

Genauso war es auch mit dem Oktober 2017 eingeführte Verbot der Gesichtsverschleierung. Wichtig wäre es hier zu erwähnen, dass es in Österreich keine einzige Burkaträgerin gibt - sondern Niqabträgerinnen, die unter 150 Personen fallen, oder aus touristischen Gründen im Lande sind.

3. Das Gesetz behindert die Integration und lenkt von den wichtigen Themen ab

Was angeblich der Integration dienen soll, hat den gegenteiligen Effekt. Es schürt Hass, Hetze und spaltet die Gesellschaft. 

Den Mechanismus konnte man beim sogenannten Burka-Verbot gut beobachten: 

Bei keinem anderen Gesetz sind die österreichischen Bürger so eifrig, wenn es um die Umsetzung geht. Eine Frau ist wegen ihres Kopftuchs viermal angezeigt worden. 

Dass Mädchen in Kindergärten und Volksschulen Kopftücher tragen, die verboten werden sollen, erinnert mich auch an die Diskussion über den “Traditionshasen“ und andere sinnlose Umbenennungen christlicher Feiern, die angeblich von MuslimInnen eingefordert werden.

Es werden von der Regierung Diskussionen geschaffen, die es nicht gibt, damit Gesetze in Kraft treten, die von den wahren Problemen der Gesellschaft ablenken sollen.

Das Thema Kopftuch war für österreichische PolitikerInnen im Jahre 2017

► doppelt so wichtig wie Frauenquoten für die Politik


► dreimal so wichtig wie sexuelle Belästigung


► über dreimal so wichtig wie Frauenpolitik allgemein


► viermal so wichtig wie Sexismus
und

► um ein vielfaches wichtiger als Frauen am Arbeitsmarkt, Alleinerzieherinnen, Gewalt gegen Frauen, usw. 

Diese Studie kann man hier nachlesen.

4. Solche Gesetze schränken die Freiheit aller ein

Eigentlich ist diese Strategie ein alter Hut, aber viele fallen da immer wieder darauf ein, sobald es in das eigene Weltbild hineinpasst. 


Was passt in das eigene Weltbild hinein? Dass man die eigene Definition von Freiheit anderen aufzwingt. Halten diese nichts davon, oder haben gar eine andere Definition davon, sind sie unterdrückt und unterwerfen sich patriarchalischen Strukturen- so sind die Regeln.

Hier taucht aber folgender Gedanke auf: Wenn meine Definition von Freiheit andere in ihre einengt, inwiefern steuere ich dann gegen und nicht für das Patriarchat? 

Dass solche Gesetze nicht durchdacht sind, zeigt sich auch darin, dass etwa das Burka-Verbot in vielen Fällen absurde Auswüchse zutage förderte:

Das Maskottchen des Parlaments bekam Ärger, weil es im Hasen-Kostüm mit Kopfteil herumlief.



Man muss sich als Muslima in Österreich wirklich geschmeichelt fühlen. So, wie man sich hier um uns kümmert?!

Sogar jene Regierung, die auf unserem Rücken Politik macht und für unser Wohl über unsere Kleidung und Körper bestimmen möchte, sorgt sich plötzlich um unsere Kinder. Da bleibt einem glatt das Kopftuch weg.

5. Die Bedeutung des Kopftuchs an sich wird falsch eingeschätzt

Kein anderes “religiöses Symbol“ wird so oft diskutiert, wie das Kopftuch. Es ist nicht das einzig Sichtbare, aber das Einzige, das für Diskussionen, Klicks und Spaltung der Gesellschaft sorgt.

Es ist das einzige Thema, wo links und rechts in der Politik gar nicht mehr so leicht auseinander zu halten sind und jeder weiß, was es bedeuten darf und wie die Frau, die es trägt tickt, sogar ohne mit der Betroffenen zu sprechen – Google weiß es in diesem Fall besser.

Wir sind aber keine homogene Gruppe, sondern Individuen. Ein Kopftuch muss nicht immer ein religiöses Tuch sein. Nirgends im Koran steht etwas von einem “heiligen Tuch“. “Hijab“ bedeutet respektvolles Verhalten und ist keine Erfindung des Islam.

Mögen unsere christlichen Geschwister bitte an die Jungfrau Maria denken, denn diese trug immerhin auch eines, sowie Rastafaris und unsere jüdischen Geschwister tragen ebenfalls eines. 

Wenn es um Frauenkörper geht, dann darf nur Frau bestimmen. Wenn es um Mädchenkörper geht, dann müssen Mädchen ausprobieren dürfen.

Sie sollten Tücher, Schminke, Nagellack und Haarfarben ausprobieren dürfen, wenn und wann sie dies entscheiden.

Wir wissen alle wo Verbote enden, die auf weibliche Körper anfangen: Vor einigen Wochen haben wir die Frauen im Iran beklatscht, die ihre Tücher - gegen dem Staatswillen- abgenommen haben. 

Die Musliminnen im deutschsprachigen Raum sind keine Gegnerinnen der Frauen im Iran, ganz im Gegenteil – wir kämpfen für dasselbe Recht: Das Recht die Nase des Staates außerhalb unserer Körper zu halten und das gilt auch für die Körper unsere Töchter. 

Worum es wirklich geht

Es geht in dieser ganzen Diskussion ums Kopftuch nicht um die Kinder.

Weil die Kopftuchthematik bei erwachsenen Frauen wegen der Religionsfreiheit in Österreich nicht zieht, und Frauen  auch für sich selbst sprechen und auftreten können – sogar auf Deutsch – braucht die österreichische Regierung eben ein neues Opfer, um das rechte Lager bei Laune zu halten: kleine Mädchen. 

(tb)