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11/04/2018 17:40 CEST | Aktualisiert 11/04/2018 17:40 CEST

Kopftuch an Grundschulen: Integration heißt, es nicht zu verbieten

Ich als Feministin finde, jeder muss selbst entscheiden.

Blend Images - KidStock via Getty Images
Mädchen mit Kopftuch gibt es an einer Hamburger-Brennpunkt-Grundschule mit vielen Muslimen derzeit nicht (Symbolbild)

Ich bin Grundschullehrerin einer Brennpunktschule in Hamburg. 60 bis 70 Prozent meiner Drittklässler sind Muslime aus der Türkei, Syrien, Afrika und dem Libanon. In den anderen Klassen ist das ganz ähnlich.

Keines unserer Mädchen – wir haben tatsächlich weniger Mädchen als Jungs an der Schule – trägt ein Kopftuch.

Ich sehe aber, dass fast alle Mädchen aus türkischen Familien nach dem Schulwechsel, also ab der fünften Klasse, eines tragen. Eine Kollegin erzählte mir kürzlich, wie sehr sich eine ihrer Schülerinnen schon aufs Kopftuch freut.

Ein Junge hatte auf Klassenfahrt seinen Gebetsteppich dabei

An unserer Schule haben wir zwei indische Jungs, die aus religiösen Gründen eine Kopfbedeckung tragen müssen. Sie tragen die Haare lang und haben sich entschieden, die unter coole Nike-Mützen zu packen.

Und auf meiner Klassenfahrt im September packte ein Junge einen ganz kleinen Gebetsteppich aus. Sein Vater hatte ihm gesagt, dass er das tun muss. Erst war dem Jungen das so peinlich, weil er der einzige war.

Ich habe den anderen Kindern dann gesagt, dass sie ihn im Zimmer auch mal allein lassen sollen. Den Grund habe ich ihnen nicht genannt. Sie sollen sowieso lieber draußen spielen.

Ich muss aus sowas kein großes Ding machen. Sich hinzuknien und zu beten – das ist eigentlich eine banale Sache. Mit Teppich fällt es nur mehr auf.

Für den Jungen schien das dann jedenfalls okay zu sein. Deshalb habe ich mit dem Vater nach der Klassenfahrt auch nicht mehr darüber gesprochen.

Genauso wie es auch noch nie einen Anlass gab, mit Eltern über Kopftücher zu reden oder über den Schwimmunterricht. Da nehmen bei uns alle Mädchen teil, in normalen Badeanzügen.

Wir sorgen als Schule dafür, dass ein Kind nicht gezwungen wird

Wir als Lehrer sind genau dafür da, die Kinder jeden Tag von 8 bis 16 Uhr zu begleiten. Geht es einem Kind schlecht, werden wir Lehrer das erkennen. Im besten Falle merken wir, wenn ein Kind zu etwas gezwungen wird

Dann werden wir als Hamburger Schule dafür sorgen, dass ein Kind nichts tun muss, was es nicht will. Wir werden das schaffen! Ohne Gesetz! 

Gerade religiöse Eltern vertrauen uns Lehrern

Religiöse Eltern sagen mir oft, dass sie ihre Kinder ermahnen, uns Lehrern Respekt zu zeigen. Die Vokabel fällt in Gesprächen mit ihnen viel öfter als bei anderen. Was nicht heißt, dass sich die Kinder deswegen anders benehmen. Aber es zeigt, dass die Eltern der Schule vertrauen.

Im schlimmsten Fall könnten wir als Schule den Eltern mitteilen, dass ein Kind, das den Kopf nur aus Zwang bedeckt, bei uns kein Kopftuch tragen darf.

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Dann könnte es vorkommen, dass ein Kind, das freiwillig Kopftuch trägt, neben einem sitzt, das keines tragen darf, weil es das nicht freiwillig täte.

Das wäre sicher schwierig. Aber ich glaube, es wäre der richtige Weg.

Integration heißt, das Kopftuch nicht zu verbieten

Ich bin vor einigen Wochen durchs Viertel gelaufen und habe ein Plakat irgendeiner Partei gesehen, ich weiß nicht mehr, von welcher. Darauf stand die Frage: “Was ist Integration?”

Ich denke, Integration ist ganz klar, Kindern das Kopftuch nicht aus Prinzip zu verbieten. Denn das würde ein Diktat unserer westlichen Auffassung von Freiheit bedeuten.

Mehr zum Thema: “Mehr Kopf als Tuch: Warum wir Muslimas aufhören müssen, uns über das Kopftuch zu definieren”

Ich als Feministin finde, jeder muss selbst entscheiden

Ich bin sehr feministisch erzogen worden, es war meiner Mutter wichtig, sich bloß nicht unterdrücken zu lassen. Sie hat mir erzählt, dass sie sich mal mit einer jungen Frau unterhalten hat, die Nikab trug – nicht weil sie müsse, sondern weil sie sich sonst nackt fühle. Meine Mutter fand die Frau sympathisch. Ich finde: So muss es doch laufen.

Wenn ein Kind in eine religiöse Familie hineingeboren wird und diese Haltung für sich übernommen hat, muss es schon alleine darauf kommen, wenn es etwas nicht mehr will. Wir haben nicht das Recht, das zu verbieten. Das gleiche gilt auch umgekehrt.

Zum Glück hat mich noch keines der Kinder auf die Verbots-Diskussion angesprochen. Ich finde das beruhigend. Das heißt doch, dass es keine Rolle spielt. Sondern nur medial forciert wird und Politiker bestimmte Wählergruppen damit ansprechen wollen.

In der Schule gilt eine Regel: Respekt

Ich selbst gehöre keiner Religionsgemeinschaft an. Aber meine Erfahrung ist, dass für viele der Kinder Religion ein wichtiger Teil der Identität ist. Und dass der Kern jeder Religion Gemeinschaft, Mitgefühl und Liebe ist.

Auch wenn es auf dem Schulhof nicht um Religion geht, sondern um die neusten Barbies und Spielkarten.

Bei uns an der Schule gilt: Unsere gemeinsame Sprache ist Deutsch, unsere Gemeinschaft gründet sich auf Respekt. Da muss ich weder Allah noch Jesus hinzuziehen.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.