POLITIK
22/03/2018 13:26 CET | Aktualisiert 22/03/2018 13:26 CET

Konferenz der Putin-Kritiker: Psychiater hält Putin für Diktator mit psychischem Knacks

In New York diskutieren Gegner des russischen Präsidenten.

Boris Reitschuster
Die Konferenz der Putin-Kritiker Putincon in New York

Manchmal ist es gar nicht der Kreml, der seine Kritiker mundtot macht.

In ganz ungewohntem Ambiente versammelten sich kurz vor der “Präsidentschaftswahl” am Sonntag Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin und Russland-Fachleute im New Yorker “New Word Stages“ –einem Theater nur einen Steinwurf vom Broadway entfernt – zur Putincon.

Ziel der Konferenz mit 380 zahlenden Zuschauern am vergangenen Freitag: Die Menschen im Westen über den Kremlchef aufzuklären. Was dann gar nicht einfach wurde.

Video offline: Diesmal war wohl nicht der Kreml schuld

Zunächst musste das Video-Grußwort des Oppositionsführers Alexej Nawalny aus dem fernen Moskau mehrmals neu gestartet werden –
immer wieder kam es zu technischen Problemen. Erst nach Stunden war Nawalnys Botschaft auf der Leinwand zu sehen.

Doch es kam noch schlimmer: Kaum war die Konferenz beendet, schon war die Aufzeichnung auf Youtube nicht mehr aufrufbar – wegen angeblicher Urheberrechts-Verletzungen erschien nur noch ein schwarzer Bildschirm

Schuld daran war aber offenbar weniger der Kreml und seine Geheimdienst als die Auswahl der Musik, die in den Pausen gespielt wurde – und für die keine Online-Lizenzen vorlagen.

Erst nach knapp einem Tag zog wieder Glasnost ein – die Aufzeichnung ist inzwischen wieder online

Verfolgte Redner, hohe Sicherheitsvorkehrungen

Doch solche Organisationspannen blieben die Ausnahme: Zeichnen sich Veranstaltungen von Kreml-Gegnern sonst eher durch Improvisation und ein gewisses Maß an Chaos aus, so war in New York alles stramm durchorganisiert und nichts dem Zufall überlassen.

Sicherheitskontrollen am Eingang und Security-Leute mit Hunden sollten vor unangenehmen Überraschungen schützen. Der Hintergrund: Russische Oppositionelle werden immer wieder attackiert, bis hin zum Bewerfen mit Fäkalien.

Die Vorsicht erklärt sich auch beim Blick auf die Liste der 25 Redner (darunter auch der Autor dieses Berichts):

Zwei von ihnen wurden in Russland festgenommen oder ausgewiesen, gegen zwei gab es Giftanschläge, neun mussten vor den russischen Strafverfolgungsbehörden fliehen, gegen sieben hat Russland bei Interpol Haftbefehle beantragt, zwei waren schon einmal Kandidaten für das Präsidentschaftsamt in Russland. Zusammen haben die Redner 45 Bücher veröffentlicht.

Kreml-Kritik als Show

Der Veranstalter, Thor Halvorssen, Gründer und Leiter der Menschenrechtsorganisation Human Right Foundation (HRF), orchestrierte die Konferenz wie ein Theater-Regisseur.

Mit seiner Sprechgarnitur war der drahtige Mann mit venezolanischen und norwegischen Wurzeln allgegenwärtig – und sorgte dafür, dass die Vortragenden sich halbwegs an ihre Redezeit hielten – angesichts der sonst oft quälend langen Monologe bei Zusammenkünften von Kreml-Kritikern eine wohltuende Ausnahme.

Spaltung der Opposition ist eines ihrer größten Probleme

Im Zentrum der Konferenz stand Garry Kasparow: früherer Schach-Weltmeister, seit vielen Jahren einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Kreml-Kritiker, und Vorsitzender des Konferenz-Veranstalters HRF.

Viele seiner ehemaligen Mitstreiter halten Kasparow vor, dass er sich ins Ausland abgesetzt habe und die Opposition entzweie. Der Champion wiederum wirft seinen Kritikern in Russland zu große Nähe zum Kreml und dessen Diensten vor.

Diese Spaltung der Opposition in Emigranten und in Russland Gebliebene ist eines ihrer größten Probleme.

Warum Nawalnys Grußwort so erstaunlich war

Umso erstaunlicher und symbolträchtiger war es denn auch, dass Nawalny, inzwischen eindeutig und mit Abstand die stärkste Figur in der Opposition, aus Moskau eine Grußbotschaft zu der Konferenz schickte. Mehr noch: Dass er die Kremlkritiker im Exil mit “liebe Freunde“ ansprach und sie explizit lobte.

“Es ist wichtig, dass die Menschen weltweit erfahren, dass unser Regime in Moskau einen kriminellen Charakter hat“, sagte Nawalny in leicht holprigem, aber gut verständlichem Englisch: “Die Konferenz ist der wichtigste Schritt in diese Richtung.“ 

Putin und sein System hätten seine russischen Landsleute “um mehr als eine Trillion Dollar an Einkünften von Öl, Gas und anderen Naturschätzen”, so Nawalny, der von den Präsidentschaftswahlen am Sonntag ausgeschlossen war.

Mehr zum Thema: Wie Putin seinen bekanntesten Kritiker bekämpft: Alexej Nawalny

Der überwältigende Teil der russischen Wirtschaft sei in den Händen von korrupten Oligarchen und Staatskapitalisten. Putin-Treue und Strafverfolgungsbehörden missbrauchten den Staat als Instrument zur Verfolgung Andersdenkender und feindlicher Übernahme von Firmen, so Nawalny.

Dieses “System der Korruption“ sei auch die Wurzel für Putins Aggression gegen das Ausland. Er hoffe, dass die Putin-Konferenz in New York dazu beitrage, dass die Verantwortlichen im Westen endlich “entschiedener gegen Putin und seine Kleptokraten vorgehen“, sagte der Kremlkritiker.

Kasparow: “Putin braucht keine Freunde, er braucht Feinde”

Der frühere Präsident von Estland, Toomas Hendrix Ilves, mahnte, Russland wolle die Demokratien im Westen “hacken“: “Korrupte Regime brauchen den Westen, weil dort der Rechtsstaat herrscht und die Gesetze dort ihr Geld beschützen. Sie senden ihre Kinder in unsere Schulen. Wir sollten sie rausschmeißen.“

Garry Kasparow mahnte den Westen vor Illusionen über Putin: “Als er sagte, dass der Westen ihm keinen Widerstand leistete, musste er sich nicht mehr länger als Demokrat ausgeben. Er zerstörte die Opposition und begann das Endstadium, eine Diktatur. Er brauchte keine Freunde mehr, er brauchte Feinde – Angreifer von außen.“

Mehr zum Thema:Mord ist sein Hobby: Wie Putin sein Mafia-Image pflegt

“Putins Instinkte als Diktator haben ihm gesagt, dass ihm das die größten Chancen bietet – Chaos zu verbreiten“, sagte Kasparow: “Chaos bietet Diktatoren immer die Chance, schneller zu reagieren als freie Länder, in denen die Politiker auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen müssen und auf endlose Sitzungen im Parlament.“

Ein Diktator habe keinerlei solche Rücksichten zu nehmen, so der frühere Schachweltmeister: “Darum erhöht Putin weiter seinen Einsatz. Er hat zwar schlechte Karten – aber beim Poker geht das. Im Gegensatz zu Schach. Man kann durch Bluffen gewinnen, wenn die Gegner einen nicht zwingen, die Karten aufzudecken.“

Journalist: “Putins größte Waffe ist seine Propaganda” 

“Putins größte Waffe ist nicht ein Atom-U-Boot, sondern seine Propaganda-Maschine“, mahnte der im Kiewer Exil lebende russische Journalist Arkady Babtschenko.

Er erzählte, wie große Ängste er vor der Flucht nach Kiew in Moskau ausstehen musste: “Jedes Mal, wenn ich ein Gebäude betrat hatte ich Angst, verprügelt zu werden. Jedes Geräusch, wie das Rauschen eines Liftes, machte mich nervös, weil ich dachte, jetzt holen sie mich. Ich glaubte, dass sie mich jahrelang wegsperren werden.“

Psychiater hält Putin für Diktator mit psychischen Problemen

Einer der spannendsten Momente der Konferenz war der Auftritt des prominenten Psychiatrie-Professors und Bestseller-Autors James Fallon.

Der kräftige 70-Jährige betonte zwar zu Beginn seines Auftritts unter dem Titel “In Putins Kopf“, er wolle keinesfalls eine Ferndiagnose betreiben.

Anhand der aufgeführten “typischen Charaktermerkmale von Diktatoren“ machte Fallon dann aber sehr deutlich, dass er Putin in eine Reihe mit anderen Diktatoren mit psychischen Problemen stellt: “Sie heiraten meistens jemanden, der nicht so smart ist wie sie … und das mit dem Napoleon-Komplex stimmt, viele von ihnen sind klein.“

Putins Frau galt als sehr zurückhaltend; er ist von kleinem Wuchs.

Auch viele weitere von Fallon aufgezählte “typische Züge“ für Diktatoren schreiben Kreml-Kritiker dem russischen Staatschef zu: charmantes Auftreten, Charisma, Dominanz, aber eben auch pathologisches Lügen, das Fehlen von Schuldgefühlen und Empathie, das Ablehnen von Verantwortung für die eigenen Handlungen und das Manipulieren. 

Boris Reitschuster

“Alle Diktatoren und Massenmörder die ich untersucht habe, hatten ein Trauma in der Kindheit“, sagte der Wissenschaftler.

Und spielte dann darauf an, dass Wladimir Putin selbst erzählte, wie er von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen wurde.

Dass solche Gewalt gegen Kinder in Russland zumindest früher keine Ausnahme darstellte, ficht Fallon nicht an: Leute, die missbraucht wurden, würden entweder zu Psychopathen oder bekämen eine posttraumatische Störung (PTS).

Das kann ganze Familien und Völker treffen, ob das Gaza ist, Downtown L. A., oder Russland mit 400 Jahren Zarenherrschaft“, so Fallon: “Es kann ganze Nationen geben, die zu vielen Menschen mit PTS oder Psychopathie haben. Die Person, die so eine Nation dann auswählt, um von ihr geführt zu werden, könnte zu diesem PTS-Syndrom passen.“

Die Lacher im Saal hatte Fallon damit auf seiner Seite. Und sicher auch den massiven Unmut des Kremls und seiner Verteidiger im In- wie Ausland.

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(sk)