POLITIK
12/11/2018 13:07 CET | Aktualisiert 12/11/2018 17:04 CET

Berlin: Nach der Fahrrad- kommt die Fußgängerrevolution

Für den Fußgänger-Lobbyisten Roland Stimpel ist klar: Zu Fuß gehen ist schneller und kostet nichts.

ullstein bild via Getty Images
Eine Frau spaziert durch Berlin.
  • Im August wurde Berlin mit dem ersten Fahrradgesetz zum Mobilitätsvorreiter in Deutschland. 
  • Jetzt will sich die Stadt auch dem Wohle der Fußgänger annehmen.

Es gibt schlechte Nachrichten für Autofreunde. Berlin hat dem umweltschädlichsten Verkehrsmittel den Kampf angesagt und will Autos aus dem urbanen Raum mehr oder weniger verbannen.

Bereits im August wurdemit dem ersten deutschen Fahrradgesetz ein erster wichtiger Schritt getan. Jetzt soll die Fußgängerrevolution folgen. 

Wenn es nach dem Willen des Umweltbundesamtes UBA geht, lautet die Antwort: Ja. Die zentrale Umweltbehörde der Bundesrepublik hat es sich zum Ziel gemacht, Deutschlands Städte auch für Fußgänger attraktiver zu machen.

Nicht zuletzt der Dieselskandal macht deutlich, wie dringend ein Umdenken hinsichtlich der Zukunft deutscher Städte notwendig ist. Auch Berlin kämpft mit Feinstaub, Lärm, Engpässen im öffentlichen Personennahverkehr und mit Flächenknappheit durch zahlreiche parkende Autos. 

Mit mehr Fußgängern und weniger Autoverkehr sollen deutsche Städte lebenswerter gemacht und zugleich das Klima geschont werden. Außerdem kommt die saubere Luft und die Bewegung laut UBA auch der Gesundheit der Menschen zugute.

Die Vision: Die Zahl der Wege, die jeder Bürger zu Fuß zurücklegt, soll bis 2030 um 50 Prozent steigen.

Gestresste Autofahrer und hektisch klingelnde Radfahrer

Auch Roland Stimpel engagiert sich leidenschaftlich für den Fußverkehr. Er ist Sprecher des Verbandes Fuss e.V. mit Sitz in Berlin, der das Zu-Fuß-Gehen als Mobilitätsform fördern will. 

Gegenüber der HuffPost schwärmt er vom sonnigen Herbstwetter, das er viel besser genießen könne, wenn er zu Fuß in Berlin unterwegs sei. “Ich erlebe sehr viel, spüre das Wetter, sehe jetzt gerade bunte Herbstbäume, rieche das Laub und höre das Blätterrascheln auf dem Boden.”

Statt sich auf den Verkehr zu konzentrieren, könne er zu Fuß, einfach vor sich hinträumen, erzählt Stimpel. ”Über gestresste Autofahrer im Stau und hektisch klingelnde Radfahrer” könne er dann “entspannt den Kopf schütteln”.

Aber jenseits dem Mehr an persönlicher Romantik gibt es eine ganze Reihe guter Gründe, warum Städter mehr zu Fuß gehen sollten. 

Geht doch!

Obwohl alle Verkehrswege zu Fuß beginnen oder enden, wird der Fußverkehr laut UBA bisher nicht gleichberechtigt wahrgenommen. Das will der Umweltverband ändern und hat daher im Oktober das Grundzügepapier „Geht doch! Grundzüge einer bundesweiten Fußverkehrsstrategie“ vorgestellt.

Das Papier enthält folgende Ziele:

Mehr Menschen sollen bis 2030 zu Fuß gehen: Der Fußverkehr soll von durchschnittlich 27 Prozent in den großen Städten, um etwa die Hälfte, auf 41 Prozent zunehmen.

Zufußgehen soll sicherer werden. UBA will bis 2030 eine Reduzierung der durch Verkehrsunfälle getöteten Fußgänger um 20 Prozent erreichen. Langfristig soll es sogar gar keine tödlichen Unfälle mehr geben – das UBA spricht von der “Vision Zero”. 

Aktive Fortbewegung soll die Menschen fit halten. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung soll sich länger als 30 Minuten täglich bewegen.

Durch dieFußverkehrsförderung soll vor allem auch die Umwelt entlastet werden. Belastungen durch Lärm und Luftschadstoffe in den Städten sollen sinken.

Zufußgehen in Städten und Gemeinden soll dadurch attraktiver werden, dass bei der Stadtentwicklung die durchschnittliche Weglänge auf 8 Kilometer pro Weg oder 28 Kilometer pro Person und Tag reduziert werden soll.

Mehr Fußverkehr? So soll’s gehen:

Es sind ambitionierte Ziele, die das Umweltbundesamt vorstellt. So sollen sie erreicht werden:

Fußverkehr müsse “ressortübergreifend gestärkt” werden, da es sich um ein “Querschnittsthema” handele. Laut UBA müssen daher Verkehrs- und Städtebauressorts auch mit den Umwelt- und Gesundheitsressorts eng zusammenarbeiten.

Gemeinsam müssten diese “gesetzliche Rahmenbedingungen” für die Stärkung des Fußverkehrs ermöglichen. So fordert UBA folgende Änderungen des Straßenverkehrsgesetze:

1. Durch Änderungen in §25 der Straßenverkehrsordnung soll zum Beispiel Vorrang für Fußgänger an Einmündungen und Knotenpunkten geschaffen werden.

2. Innerorts soll künftig überall die Regelgeschwindigkeit von 30 Kilometer pro Stunde gelten, um den Verkehr für Fußgänger und Fahrradfahrer sicherer zu machen.

3. Außerdem soll der Vollzug des Straßenverkehrsrechts durch Anpassungen des Bußgeldkatalogs verbessert werden.

► Autos sollen aus den Städten verbannt werden: Zunächst will UBA die Parkflächen am Straßenrand und auf Wohngrundstücken auf maximal drei Quadratmeter pro Einwohner, schrittweise sogar auf 1,5 Quadratmeter reduzieren. Das UBA bezeichnet dies als “Rückbau der autogerechten Stadt”.

In Berlin würde das eine Halbierung der Parkplatzkapazität auf 550.000 Autos bedeuten, derzeit sind hier rund 1,2 Millionen Pkw angemeldet, wie der ”Tagesspiegel schreibt. Das entspricht 308 Autos pro 1000 Einwohner. Die eingesparten Flächen sollen dann für breitere Fuß- und Fahrradwege, sowie für Grün- und Freizeitflächen genutzt werden.

Darüber hinaus soll es “verbindliche Qualitätsstandards” für Gehwege und Querungen geben. Mit ausreichenden Gehwegbreiten (2,50 Meter) und rutschfesten Oberflächen, sowie mit dem Freihalten von Sichtfeldern soll Straßenverkehr sicherer werden.

Ampelschaltungen und Regelungen zu Kreuzungen und Einmündungen sollen so gestaltet werden, dass sich Fußgänger ohne lange Wartezeiten und Umwege “frei” und “sicher fortbewegen können”.

► Auch fordert das UBA eine “gezielte Förderung und ausreichende Ressourcen”, da “der Forschungsbedarf zum Fußverkehr” groß sei. Bestehende Förderinstrumente müssten verbessert werden. Und es müssten “klare Zuständigkeiten und mehr Personal” geschaffen werden, wie es in dem Papier heißt.

Fußverkehr hat großes Potential 

Laut UBA werden bereits über ein Fünftel aller Wege in Deutschland zu Fuß zurückgelegt. In Berlin werden derzeit rund 44 Prozent aller Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad zurückgelegt. Es sind Zahlen, die das noch ungenützte Potential erkennen lassen.

Das findet auch Roland Stimpel, der sich aber von dem Konzept des Umweltbundesamtes angetan zeigt. Auch er fordert “geräumige Wege ohne Hindernisse” und will sogar “Kneipentische, Werbetafeln, Fahrradständer und fahrenden Räder” an den Stadtstraßen verbannen.

► Ebenso weißt Stimpel auf die Gefahr von hohen Geschwindigkeiten hin. Denn: “Beim Auto-Crash mit 50 Kilometer pro Stunde ist für Fußgänger das Todesrisiko viermal höher als bei Tempo 30.”

► ”Fahrbahn-Übergänge” dürften nicht zugeparkt sein. Dies müsse “viel rigoroser verfolgt und strenger bestraft werden”. Und es brauche mehr Zebrastreifen und Mittelinseln.

► Außerdem sollten Ampeln so schalten, “dass man bei Grün über die gesamte Fahrbahn kommt”. Das sei für Menschen mit Kleinkindern, für Alte und Gehbehinderte wichtig, da diese bei Rotschalten von nur 5 Sekunden gerade mal bis in die Fahrbahnmitte kommen würden.

Am besten sollte es laut Stimpel “Rundum-Grün”-Schalten, wie zum Beispiel am Oxford Circus in London geben.

In Berlin gebe es Ähnliches nur am Checkpoint Charlie. Auch dort können Fußgänger aus allen Richtungen quer über die Kreuzung gehen.

Stimpel: “Oft schneller und kostet nichts”

Auf die Frage der HuffPost, ob eine Steigerung des Anteils an mit Fußwegen zurückgelegter Strecke in unserer immer schneller werdenden Gesellschaft überhaupt möglich sei, entgegnete Stimpel:

“Auf den Straßen werden wir nicht immer schneller, denn diese werden immer voller. Und viele Wege sind kurz und dauern mit ‘schnellen’ Verkehrsmitteln am längsten. (…) Wer z.B. mit dem Auto Brötchenholt , muss erst zum Parkplatz gehen, beim Bäcker einen zweiten finden und stellt Zuhause womöglich fest, dass der Platz vor der Tür weg ist.” 

Zu Fuß geht es laut Stimpel “oft schneller und kostet nichts”. Zugleich tue man “etwas für seine Gesundheit”:

“Nach medizinischen Studien erhöht jeder tägliche 20-Minuten-Gang die Lebenserwartung auf lange Sicht um 80 Minuten. Gehzeit kommt auf Dauer vierfach wieder herein. Es ist Verkehr, der Zeit schenkt!”

Was kostet die Fußgängerrevolution?

Zu den Kosten, die die Umstrukturierung des Verkehrsnetzes in  Berlin in Kauf nehmen müsste hielt Stimpel fest: 

“Vieles gibt’s geschenkt – zum Beispiel Tempo 30 als Regel oder einmal umgestellte Ampeln.” An einigen Veränderungen würde die Gesellschaft Stimpel zufolge sogar noch verdienen. Zum Beispiel an “angemessenen Bußgeldern für Schwarzparker und -radler”. Auch “gesparte Unfall- und Gesundheitskosten” kämen dem Staat letztlich zu Gute.

Die Infrastruktur gibt es laut Stimpel fast geschenkt: Denn ein laufender Meter Gehweg, der 2,5 Meter breit sei, koste “etwa 500 Euro” – während ein laufender Meter Stadtautobahn, wie die A 100, die gerade in Berlin gebaut wird, “150.000 Euro” kosten würde.
Auch wenn diese “300-mal teurer” sei, könnten sich dort “nicht 300-mal mehr Menschen bewegen, sondern wegen großer Fahrzeuge und nötiger Abstände nur dreimal mehr”, sagte Stimpel.

Stimpels simples Schlussfazit: “Preiswerter als Fußverkehr ist nichts. Das gilt auch für Verkehrsteilnehmer selbst: Man braucht kein Gerät und keinen Sprit, keinen Fahrschein und Führerschein. Sondern bloß die Schuhe.”

Das leuchtet ein. So könnte also die natürlichste Fortbewegungsart des Menschen dabei helfen, unsere Städte von Lärm und Abgasen zu befreien und diese so zu Orten der Begegnung und des Miteinanders zu machen.

(ben)