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15/03/2018 15:11 CET | Aktualisiert 15/03/2018 15:13 CET

Ich gehe in eine Selbsthilfegruppe, weil ich süchtig nach Männern bin

Ich hatte immer mindestens sechs Männer gleichzeitig in Reichweite.

Milkos via Getty Images
Nadia macht eine Therapie und besucht eine Selbsthilfegruppe. 

“Mein Name ist Nadia, und ich bin co-abhängig.“

Mit diesen Worten habe ich mich eines Abends einer Gruppe fremder Menschen vorgestellt.

Damals habe ich mich in der Arbeit zwischen Meetings regelmäßig davongestohlen und unter heftigen Heulkrämpfen in der Toilette eingesperrt, weil ich es nicht ertragen konnte, auch nur stundenweise von meinem neuen Partner getrennt zu sein.

Nur acht Monate zuvor war meine Ehe gescheitert. Zahlreiche Männergeschichten folgten, mit denen ich versuchte, die Lücke zu füllen, die mein Ex-Mann hinterlassen hatte – Chats, Abendessen, Flirts und sexuelle Begebenheiten.

Meine Droge waren Männer

Mein Bett durfte nicht leer sein. Ich wusste nicht, wie ich allein darin hätte liegen können, ich konnte meinen Kopf einfach nicht ausschalten. Und so wurde ich abhängig – nicht von Grass, Koks oder Tequila.

Meine Droge waren Männer.

Ich hatte immer mindestens sechs Männer gleichzeitig in Reichweite. Ich brauchte den Kick – das Aufleuchten meines Handy-Displays, wenn eine neue Nachricht voller zuckersüßer Worte einging, oder die Hand eines (noch) Fremden auf meinem Oberschenkel.

Der Höhepunkt war die Macht, die ich über einen Mann verspürte, wenn er sich auf mich legte. Dann gehörte er ein paar Sekunden lang vollends mir.

Obwohl das alles sehr reizvoll klingt, war es unglaublich anstrengend, ständig neue Bewunderer um mich zu scharen.  

Ja, man bekommt viele Blumen geschenkt, wird zu schicken Abendessen eingeladen und hin und wieder darf man ein T-Shirt von einem muskelbepackten Oberkörper reißen.

Es gibt allerdings auch unangenehme Seiten.

 Wenn du zum Beispiel die Namen deiner Liebhaber verwechselst (du wirst niemals darüber hinwegkommen, “Harry!“ im Bett mit Sam gestöhnt zu haben).

► Oder die zahlreichen Brazilian Waxings, mit denen ich meine Vulva zerstört habe.

► Oder die Situationen, in denen meine Dates fast ineinander gerannt wären (einmal hatte ich ein Treffen gleich nach dem anderen vereinbart, ein fliegender Wechsel der Männer quasi).

Ein Teil von mir wollte erwischt werden. Ein noch größerer Teil von mir wollte, dass es aufhört. Ich wollte keine Männer mehr benutzen, um dieses große Loch in mir zu füllen, das ständig drohte, mich zu zerreißen.

Dann traf ich ihn

Nach einer ziemlich Männer-reichen Phase lernte ich Kynan kennen.

Eines Abends tauschten wir flüchtige Nachrichten in einer Dating-App aus. Ich redete nicht gerne um den heißen Brei herum.

“Erzähl mir erst einmal etwas über dich“, schrieb er.

“Lass uns doch einfach persönlich treffen – so in einer Stunde, irgendwo in der Innenstadt?“, erwiderte ich sofort.

Kynan war ein paar Jahre jünger als ich – ein 26-jähriger, ambitionierter Bauingenieur mit einem zerfurchten Gesicht, Vollbart und stahlblauen Augen, die direkt durch mich hindurchzusehen schienen.

Seine Kleidung war düster und eintönig – er trug einen Kapuzenpulli, Cargo-Shorts und Flipflops.

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Als ich in der Bar eintraf, saß er allein an einem Tisch und hatte einen Gesichtsausdruck, als hätte er gerade schlechte Nachrichten erhalten. Als ich mich zu ihm setzte, schien er erst verwirrt und dann erleichtert.

“Du bist ja echt!“, rief er aus, bevor er zu einer enthusiastischen Hetzrede darüber ansetzte, wie stark die digitale Dating-Welt von Chatbots und Betrügern verseucht sei.

 “Dein Profilbild sah zu schön aus, um wahr zu sein. Und deine Nachricht war so direkt. Ich habe so etwas wie das hier noch nie getan, also wusste ich nicht, was ich von dir halten sollte“, sagte er.

“Du hast was noch nie getan?“, fragte ich.

“Mich so getroffen. Ich war noch nie auf einem Date.“

Ich dachte nur noch daran, wann ich ihn wiedersehen würde

Es stellte sich also heraus, dass unser erstes Treffen gleichzeitig Kynans erstes Date überhaupt war. Er erzählte mir von seinen früheren Beziehungen, die sich eher auf natürlichem – und vielleicht auch bequemerem – Wege in der Arbeit entwickelt haben.

Unsere Gesprächsthemen reichten von Politik bis Lieblings-Eissorten. Ein paar Margaritas später begann die Bedienung die Stühle hochzustellen, aber wir unterhielten und trotzdem weiter.

Erst als die Lichter ausgingen, verließen wir die Bar und Kynan begleitete mich nach Hause. Mit hoch kommen wollte er nicht, er sei altmodisch, sagte er. Er wollte mir nicht einmal einen Gute-Nacht-Kuss geben – aus Spaß fing ich eine Diskussion mit ihm darüber an, bis er endlich nachgab und mich überraschend warm und leidenschaftlich küsste.

Ab da trafen wir uns regelmäßig, und das erste Mal seit langem verspürte ich Frieden. Ich dachte nicht mehr darüber nach, wann ich den nächsten Treffer landen, sondern nur noch wann ich Kynan wiedersehen würde.

Nur der Sex gab mir Sicherheit

Aber als die Beziehung intensiver wurde, verlor ich wieder die Kontrolle.

Kynan musste mit mir schlafen – zwei, drei, vier, fünf Mal am Tag, nur, damit ich mich sicher fühlte. Wenn er weniger mit mir schlief, hatte ich das Gefühl, dass er sich von mir entfernte, dass er sich darauf vorbereitete, mich zu verlassen.

Die Blumen, die er manchmal spontan vor meiner Türe ließ, zählten nicht, ebenso wenig wie seine romantischen Post-It-Nachrichten und seine zahlreichen “Ich liebe dich”s.

Ich fühlte mich auf geradezu schmerzhafte Art und Weise leer, wenn er nicht auf körperlicher Ebene mit mir interagierte. Das Gefühl der Einsamkeit erstickte mich und drohte, alles Schöne zu vernichten.

Bald konnte ich nicht mehr arbeiten, ohne mindestens einmal stündlich von Kynan zu hören. Jedes Mal, wenn er übers Wochenende wegfuhr, brach ich völlig zusammen.

Verzweifelt wandte ich mich an einen Lebenscoach

Schließlich kam es, wie es kommen musste: Kynan sprach das aus, vor dem ich mich so fürchtete. “Du erstickst mich. Ich liebe dich, aber ich kann so nicht leben“, gestand Kynan mir während eines Streits, nachdem er wieder einmal spät von der Arbeit heimgekommen war.

Ich war mir ebenfalls nicht sicher, ob ich so weitermachen wollte, aber gleichzeitig wusste ich nicht, wie ich aufhören könnte. Die Lösung für meine Probleme hielt ein Lebenscoach für mich bereit, den ich verzweifelt am nächsten Tag kontaktierte.

Du erstickst mich. Ich liebe dich, aber ich kann so nicht leben“

Während er mir eine Packung Taschentücher hinhielt, sagte er nonchalant: “Du bist zutiefst co-abhängig, meine Liebe. Und wahrscheinlich auch sexsüchtig.“

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Diese Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube.

Ich ging heim, in der Hand eine Liste von Selbsthilfegruppen. Eine davon fiel mir besonders positiv auf: Ein Verband, der ähnlich wie die Anonymen Alkoholiker ein zwölfstufiges Programm zur Überwindung der Sucht aufgestellt hatte. Die Gruppe heißt CoDA, Anonyme Co-Abhängige.

Die Gruppe hatte mich neugierig gemacht, außerdem wollte ich meine Beziehung retten, deswegen machte ich mich an einem regnerischen Donnerstag nach der Arbeit auf den Weg zu einem Treffen.

Bevor das Treffen begann, war ich so nervös, dass ich die ganze Zeit so tat, als würde ich auf meinem Handy Nachrichten verschicken.

Die restlichen Anwesenden unterhielten sich miteinander, sie alle drückten sich gewählt aus, waren gut angezogen, Frauen und Männer aller Altersgruppen.

Ich fühlte mich nicht mehr alleine

Mein Herz schlug heftig. War ich im richtigen Raum gelandet? Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Menschen um mich herum Schwierigkeiten hätten, allein zurecht zu kommen.

Dann ergriff eine ältere Frau das Wort.

“Willkommen bei CoDA. Ist heute jemand neu?“

Ich hob schüchtern meine Hand, genauso wie eine junge Frau in ihren 20ern und ein silber-grau-haariger Mann in einem Anzug. Sie waren aus demselben Grund hier wie ich. Auch sie wussten nicht, wie man allein sein konnte.

► Aber als alle nach und nach anfingen, zu erzählen, fühlte ich mich nicht mehr allein.

Mir wurde bewusst, dass ich mit meinen 33 Jahren immer noch nicht wusste, wie eine gesunde, romantische Beziehung aussieht – und dass es okay ist, das nicht zu wissen.

Alle sprachen sehr offen und ehrlich, es wurden keine Wunderheilmittel oder falsche Versprechen propagiert, sondern nur eigene Geschichten erzählt.

Die einzige Verpflichtung ist, wiederzukommen.

Sechs Monate später gehe ich immer noch zu den Treffen. Ich mache eine Therapie und bin immer noch mit Kynan zusammen.

Ich lerne jetzt erst, wie wahre Liebe aussieht – und man findet sie nicht bei Treffen mit Fremden oder kleinen Notizzetteln mit süßen Botschaften, die Kynan immer noch an unseren Badezimmerspiegel klebt, oder in Selbsthilfegruppen.

Für mich bedeutet Liebe, in den Spiegel zu blicken und mit fester Stimme zu sagen: “Mein Name ist Nadia, und ich bin eine Co-Abhängige auf dem Weg der Besserung.“

Dieser Text erschien zuerst bei HuffPost USA und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt. 

(amr)