POLITIK
14/04/2018 11:36 CEST | Aktualisiert 14/04/2018 15:11 CEST

Warum Klischees in Diskussionen einfach nur nervig sind

Ich trage kein Kopftuch und bin trotzdem Syrerin.

Die Engländer können nicht kochen, die Deutschen haben kein Humor und die Araber sind barbarische Hinterwäldler.

Es könnte alles so einfach sein, wenn Klischees wahr wären. Dann müssten wir nicht unseren Denkapparat an – und die Finger von Stereotypen lassen. Bloß scheint nicht bei allen Menschen angekommen zu sein, dass die Realität ein bisschen komplizierter ist.

Kaum fällt mein Name, geht die Diskussion los

Als Journalistin habe ich auffallend oft mit Klischees zu kämpfen, die meinen Migrationshintergrund betreffen. Weil meine Texte vorrangig Themen behandeln, die mit Migration zu tun haben, ist der Rückschluss auf mich als Migrantin natürlich nicht verwunderlich. Das ist bei einigen meiner Texte auch so gewollt.

Ich möchte den Menschen mitteilen, dass ich aus Erfahrung spreche.

Leider bleiben viele an meinem Migrationshintergrund hängen. Mein arabischer Name reicht schon aus, um Diskussionen auszulösen, die nichts mit mehr mit dem eigentlichen Thema zu tun haben.

Ich habe meine Eltern für meinen Namen verflucht

Als Jugendliche habe ich unzählige schlaflose Nächte damit verbracht, über meinen Vornamen nachzudenken und meine Eltern dafür zu verfluchen. Auch wenn die meisten nicht drauf kommen: Er bedeutet auf Spanisch “nichts”. (Jetzt wisst ihr’s.)

Deswegen erwähne ich in Vorstellungsrunden direkt, dass mein Name arabisch ist und eigentlich die schöne Bedeutung “Morgentau“ hat. 

Meinen “exotischen“ Namen immer wieder zu erklären, finde ich normal, weil er weder typisch arabisch noch typisch deutsch ist. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass man diesen Namen schon einmal gehört hat, ist eher gering.

Einige Leser kaufen mir die Syrerin nicht ab

Seitdem ich in der Öffentlichkeit stehe, fällt mir auf jedoch auf, wie unterschiedlich meine Leser und ich das Wort “normal“ verwenden. Ich finde es zum Beispiel auch normal, als Syrerin kein Kopftuch zu tragen.

Für einige meiner Leser ist es nicht normal, dass ich kein Kopftuch trage. Immer wieder werde ich gefragt, wieso ich keines trage.

Andere User sind der Meinung, dass mein Deutsch zu gut sei, als dass ich wirklich einen Migrationshintergrund haben könnte. Dem würde ich gerne entgegnen, dass mein “gutes Deutsch” schlicht und ergreifend eine meiner Muttersprachen ist.

Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert. In meiner Kindheit habe ich zu gleichen Anteilen Arabisch und Deutsch gesprochen.

Trotzdem, die Tatsache, dass ich einen Migrationshintergrund habe und mich wie eine stinknormale Deutsche verhalte, bereitet einigen Menschen Kopfzerbrechen.

Jeder ist das, wonach er sich fühlt

Es gefällt ihnen nicht, dass ich nicht zum Klischee des frommen und gebrochen Deutsch sprechenden Ausländers passe.  

Dieses starre Denken in Stereotypen amüsiert mich, weil mir im Traum nicht einfallen würde, meinen deutschen Mitbürgern zu sagen: Nee, du, bei dir fehlen mir aber noch die weißen Tennissocken in den Adidas-Schlappen. Du kannst kein echter Deutscher sein.

Auch wenn ich über derartige Vergleiche lachen kann, finde ich es beängstigend, wie leichtfertig manche Klischees nutzen, um über ihre Mitmenschen zu reden. Die Stereotypen treffen nur selten auf die Menschen zu, die sie beschreiben sollen. Das kann wirklich jeder wissen, schließlich lernt man das schon als Kind.

Was ich damit sagen will: Unsere Gesellschaft ist divers, sie besteht aus facettenreichen, vielschichtigen Individuen. Das Leben, die Realität, wird nicht weniger komplex, nur weil man vereinfachende Klischees bemüht. Das klappt nicht.

Im Gegenteil: Klischees führen schnell zu Hass. Wer mit Vorurteilen konfrontiert wird, blockt fast zwangsweise ab. Jeder kennt das: Wer plump beschuldigt wird, geht in die Abwehrhaltung. Der Dialog, der ein Problem hätte lösen können, fällt aus. 

Ich weiß nicht, ob es eine Zeit gab, in der man bestimmte Eigenschaften brauchte, um sich besonders deutsch oder besonders syrisch zu fühlen. Wenn es diese Zeit je gab, dann ist sie vorbei.

In meinen Augen kann jeder selbst bestimmen, was er sein will.

Deutsche mit Migrationshintergrund sollten an die Öffentlichkeit

Ich vermute, dass Klischees von den Medien verstärkt werden, weil immer nur dieselben Menschen, wie zum Beispiel der Islamismus-Experte und Islam-Kritiker Ahmad Mansour über Themen wie Migration und Islam sprechen.

Auch wenn die Macher solcher Shows darauf achten, dass mit Politikerinnen wie der ehemaligen Grünen-Parteichefin Simone Peter Menschen eingeladen werden, die Themen wie Migration sehr positiv sehen, werde ich das Gefühl nicht los, dass die meisten Redner dort nur Werbung für sich oder ihre Partei machen wollen.

Von den Menschen, die in Talkshows sitzen und über Themen sprechen, die mich betreffen, fühle ich mich eigentlich nur selten angesprochen.

Umso mehr hat es mich gefreut, als die Kabarettistin und Iranerin Enissa Amani zu der Fernsehsendung “Hart aber fair” eingeladen wurde. Amani ist weltoffen, klug und in zwei Kulturen zu Hause. Sie hat einen modernen Lifestyle, den sie mit traditionellen Elementen verbindet. Wie ich spricht sie die Sprache ihrer Eltern und kennt sich in deren Traditionen aus.

Leute wie sie zeigen besonders deutlich, wie sehr das Klischeedenken an der Realität vorbeigeht.

Ich finde, dass man am Beispiel von Amani auch gut sehen kann, dass etablierte Politik-Talkshows mehr Menschen brauchen, die die dort diskutierten Dinge im Alltag auch wirklich betreffen. Das wäre ohnehin viel glaubwürdiger, als nur ständig über kontroverse Theorien zu diskutieren.

Debatten, die sich im Kreis drehen

Denn wenn immer nur dieselben Menschen zu einem Thema befragt werden, führt das in meinen Augen dazu, dass sich Debatten im Kreis drehen.

Die Kopftuchdebatte ist beispielsweise so festgefahren, dass es irrelevant geworden ist, ob eine arabische Frau religiös ist oder nicht. Das Kopftuch ist zum Erkennungszeichen der arabischen Frau geworden.

Das kann man natürlich auf alle Länder mit muslimischer Bevölkerung anwenden. Ich beziehe mich als Syrerin explizit auf die arabische Welt.

Klischees betreffen jeden, der in Deutschland lebt

Aber eigentlich betrifft das Klischee-Problem sowieso jeden. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Deutschen, die so gerne mit dem Kopftuch-Klischee hantieren, es gut fänden, wenn man sie auf das Klischee des chronisch schlecht gelaunten Sandalenträgers reduzieren würde.

Und es schmerzt, mich, wenn es allmählich im Ausland so wirkt, als wären wir eine Horde von vorverurteilenden Wutbürgern.

Der Mut, den eigenen Verstand zu nutzen

Deutschland hat viele Dichter und Denker hervorgebracht. Mir fällt zu diesem Thema der weltberühmte Philosoph Immanuel Kant ein. Er forderte: “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Ja, Nachdenken kostet Zeit und Kraft. Und auch mal gegen die anderen zu argumentieren, erfordert Mut.

Aber ich bin sicher, dass wir das hinkriegen können, wenn wir wollen. Weil wir ja alle keine wandelnden Klischee-Karikaturen sind. Sondern Menschen.