POLITIK
01/11/2018 09:59 CET

Warum das Klischee über den Hartz-IV-Ossi ausgedient hat

Der Osten ist zu einer Boomregion geworden.

getty
  • Die alte Ost-West-Teilung am Arbeitsmarkt ist zu großen Teilen verschwunden.

  • Offenbar hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan im Osten.

Dreißig Jahre ist der Fall der Mauer nun bald her. Doch einige Zerrbilder aus der Wendezeit halten sich bemerkenswert hartnäckig in den Köpfen.

Und wenn ich das sage, dann denke ich vor allem an ein besonders starkes Klischee: das des armen, arbeitslosen Ostdeutschen.

► Keine Frage, die 1990er-Jahre waren harte Zeiten für viele Menschen in Ostdeutschland.

 ► Im Jahr 1996 lag die Arbeitslosenquote in den fünf jüngeren Bundesländern bei 19,1 Prozent.

► Die Entwertung von Erwerbsbiografien und ein Gefühl der Abstiegsangst waren Erfahrungen, die weit verbreitet waren zwischen Ostsee und Elbsandsteingebirge.

Die schlechten Nachrichten haben den Blick auf den Osten über Jahrzehnte geprägt. Und für die östlichen Bundesländer war es schwer, aus dieser Situation heraus sowohl ein eigenes Selbstbewusstsein als auch ein positives Image zu kreieren.

Die alte Ost-West-Teilung am Arbeitsmarkt verschwindet

Doch das Klischee stimmt im Jahr 2018 schon lange nicht mehr.

Am Dienstag gab die Bundesagentur für Arbeit die aktuellen Daten für Oktober bekannt. Erstmals seit der Wende liegt die Arbeitslosenquote in Gesamtdeutschland bei unter 5 Prozent.

► Was aber fast noch verblüffender ist: Die alte Ost-West-Teilung am Arbeitsmarkt ist zu großen Teilen verschwunden.

► Das Land mit der weitaus höchsten Arbeitslosenquote ist heute Bremen. Hier sind 9,5 Prozent der Erwerbspersonen ohne Job.

► Gleich drei östliche Bundesländer weisen eine Quote von unter 6 Prozent auf: Thüringen, Sachsen und Brandenburg. Hier gibt es anteilig weniger Arbeitslose als in Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder dem Saarland.

Ines Arnshoff via Getty Images
Bremer Hafen – Hauptstadt der Arbeitslosen

Natürlich trägt auch die alternde Bevölkerung im Osten dazu bei, dass die Arbeitslosenquote sinkt. Doch das ist nur ein Teilaspekt der Entwicklung.

Allein in Sachsen sind seit 2005 etwa eine Viertelmillion sozialversicherungspflichtiger Jobs entstanden.

Es hat sich viel getan im Osten – doch bleiben die Erfolge größtenteils unbemerkt

Und eine jüngst erschienene Studie legt nahe, dass viele Jobs, die im Osten entstehen, auch „gute Jobs“ sind.Überdurchschnittlich viele Arbeitnehmer bekommen hier zum Beispiel einen unbefristeten Vertrag.  

Offenbar hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan im Osten. Das muss man nicht kleinreden. Man könnte auch stolz darauf sein.

Leider sorgen aktuelle Debatten dafür, dass wir diese positiven Entwicklungen nicht wirklich wahrnehmen.

Die hohe Zahl von ausländerfeindlichen Gewalttaten in den fünf östlichen Bundesländern trägt dazu bei, dass wir wieder einmal über den eigentlich schon vergangenen Niedergang im Osten reden.

Das Buch der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping („Integriert doch erst mal uns!“) kreist zum Beispiel um die Frage, wie der Fremdenhass in Ostdeutschland entstehen konnte. Ihre Antwort: Man sollte anfangen, die Kränkungen und Demütigungen in Ostdeutschland gesamtdeutsch aufzuarbeiten.

Das ist sicher ein wichtiger Diskussionsbeitrag. Und doch verkürzt sich die Debatte über die östlichen Bundesländer auch hier wieder auf das Bild des ostdeutschen Wendeverlierers.

Im Ruhrgebiet gab es viele ostddeutsche Probleme

Sind wir nicht eigentlich schon viel weiter? 

Und wenn wir diese Debatte schon aufmachen, dann sollten wir sie wirklich gesamtdeutsch führen.

► Im Ruhrgebiet, wo die Arbeitslosenquote in manchen Städten doppelt so hoch ist wie im sächsischen Landesschnitt, gab es viele ostdeutsche Probleme auch.

► Auch dort sind binnen drei Jahrzehnten eine Million Menschen abgewandert. Auch dort wurden mit den diversen Kohle- und Stahlkrisen binnen kurzer Zeit hunderttausende Arbeitsplätze vernichtet.

► Und auch dort gab es internationale Konzerne, die sich einen feuchten Kehricht um die Region scherten, und nur Subventionen abgreifen wollten.

Nokia lässt grüßen.

Und die Proteste gegen die Kohleindustrie im Hambacher Forst tragen sicherlich auch nicht zur Aufwertung der Biografien von Hunderttausenden Menschen bei, die einst untertage am Flöz gearbeitet haben.

Reuters
Proteste für die Rodung des Hambacher Forsts.

Trotzdem bekommt die AfD im Ruhrpott nicht 27 Prozent der Stimmen , so wie die AfD bei der Bundestagswahl in Sachsen. Und auch die Zahl der ausländerfeindlichen Gewalttaten ist nicht so hoch – wenngleich es auch im Westen ein Problem mit wachsender Ausländerfeindlichkeit gibt.

Es spricht jedenfalls vieles dafür, dass die ständige Reproduktion der ostdeutschen Opferrolle maßgeblich dazu beigetragen hat, die AfD groß zu machen.

Denn die Scharfmacher von Pegida und der Alternative für Deutschland boten den Ostdeutschen eine Ersatzidentität an.

Lutz Bachmann sagte schon 2014 auf einer Kundgebung, dass in Dresden niemand die „westdeutschen Zustände“ in Sachen Migration haben wolle. Die „westdeutschen Zustände“ waren als Schmähung gemeint.

Osten ist zur Boomregion geworden

Wenn man bereit ist, diese fremdenfeindliche Sicht zu teilen, dann scheint plötzlich Sachsen als das Bundesland, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Und der Westen ist demzufolge dann der Ort, in dem der „Bevölkerungsaustausch“ von der „Merkel-Diktatur“ zuerst durchgezogen wird.

Das ständige Opferdenken sucht sich ein Ventil. Niemand will ständig nur Verlierer sein. Wir sollten deshalb aufhören, über Ostdeutschland nur im Opferkontext zu reden.

► Allein schon deswegen, weil Teile des Ostens mittlerweile wirtschaftliche Boomregionen geworden sind. Aber auch, weil wir den Blick endlich weiten müssen.

► Während wir uns nämlich an der Fiktion des arbeitslosen Ostdeutschen abarbeiten, gibt es in ganz Deutschland immer noch wirtschaftliche Probleme. Und die ignorieren wir, weil sie dort sind, wo wir es nicht vermuten. In Bremen zum Beispiel. Oder in Nordrhein-Westfalen.