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27/12/2018 14:26 CET | Aktualisiert 27/12/2018 19:11 CET

Klimawandel: Diese Bauern haben einen Plan entwickelt, um ihr Land zu retten

Diese Hirten leben in einer der biologisch vielfältigsten Gegenden der Welt. Um in Zeiten des Klimawandels zurechtzukommen, lassen sie nun ihre alten Traditionen wieder aufleben.

ARIEL SOPHIA BARDI
Bukeshova Urmatgul Kachkynovna in ihrer Jurte.

Wenn sie an ihre frühe Kindheit in der Nähe des Dorfes Cholpon zurückdenkt, erinnert Bukeshova Urmatgul Kachkynovna sich an ein Kamel. Ihre Eltern hatten das widerspenstige Tier jedes Frühjahr mit Jurten und Proviant beladen, bevor sie mit ihrer Herde zu einem Marsch in Richtung der Gletscher aufbrachen. Denn dort oben gab es Weideland voll satter, grüner Wiesen.

Wie bereits mehrere Generationen von Schaf-, Pferde- und Rinderhirten zogen auch die mittlerweile 47-jährige Kachkynovna und ihre Familie mit den wechselnden Jahreszeiten an verschiedene Orte um. Doch eines Tages hörten die Wanderungen in die Berge auf.

Das Ende dieses Nomadenlebens hatte schwerwiegende Konsequenzen für die Umwelt zur Folge. Inzwischen versuchen die Hirten jedoch, Lösungen für diese Probleme zu finden.

Früher besaßen alle kirgisischen Stämme eigene Viehherden, die sie selbst hüteten. Die Familien bestimmten die Jahreszeiten Herbst, Winter, Frühling und Sommer nach der Weidehaltung ihrer Tiere. Sie lebten das ganze Jahr über in Jurten.

Unter sowjetischer Herrschaft wurde dieses Hirtenleben jedoch größtenteils durch industrielle Landwirtschaft ersetzt. Dadurch starb das Nomadentum in Kirgisistan, einem zentralasiatischen Bergland an der Grenze zu China, fast vollständig aus.

Die sowjetischen Behörden hatten ihr eigenes Rotationssystem für die Weideflächen. Sie kontrollierten die einheimischen Hirten wie Kachkynovnas Familie sehr streng und schickten sie jeden Sommer in die höher gelegenen Weideländer.

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Kachkynovna’s Ehemann, Talant Egimbaev Asankanovich, beim Weiden seiner 1,000 goats.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 wurden die ehemals genossenschaftlich betriebenen Kolchosen jedoch aufgelöst. Die zugehörigen landwirtschaftlichen Nutzflächen und der Viehbestand wurden privatisiert.

Auf der verzweifelten Suche nach Möglichkeiten, ihren Lebensunterhalt verdienen zu können, verließen Hirten wie Kachkynovnas Familie die Berge. Sie siedelten sich stattdessen in den Dörfern um die kleineren Weideflächen herum an, die sie früher nur im Winter genutzt hatten. Denn dort fanden sie auch Käufer für ihre Waren.

Das “Land der Nomaden”, wie Kirgisistan in Reiseblogs oft genannt wird, hörte plötzlich auf, sich zu bewegen. Dies blieb jedoch nicht ohne Folgen.

Klimawandel verschlimmert Folgen der Überweidung

Dass immer wieder dieselben, überbeanspruchten Weideflächen benutzt werden, ist für die empfindliche Umwelt des Binnenstaates eine Katastrophe. In etwas mehr als 25 Jahren seit der Unabhängigkeit des Landes haben Überweidung und Bodendegradation die Auswirkungen des rapide voranschreitenden Klimawandels noch verschlimmert.

Die steigenden Temperaturen und die Zunahme von regionaler Wüstenbildung haben dazu geführt, dass fast ein Drittel der Gletscher in Zentralasien verschwunden ist. Berghänge, die keine Vegetation mehr besitzen, destabilisieren jedoch den Boden.

Letztes Jahr kamen 24 Menschen bei einem Erdrutsch in einem Dorf im Süden des Landes ums Leben. Der Frühling kündigt sich inzwischen nicht mehr nur durch einen blauen Himmel und durch blühende Täler an. Zu den Vorboten gehören jetzt auch tödliche Schlammlawinen, die von den heftigen Regenfällen ausgelöst werden.

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Die langen, gewundenen Bergstraßen - einige Tagesreisen auf dem Pferd dauert es vom Dorf Cholpon zum Songköl.

Ein Drittel aller Weideflächen des Landes befindet sich im Gebiet Naryn. Der örtliche Weideverein Kyrgyz Jayite hat nun jedoch ein Pilotprojekt gestartet, um den kargen Weideflächen des Landes wieder zu einem besseren Wachstum zu verhelfen. Dies soll durch das Wiederaufleben der ausgestorbenen nomadischen Traditionen Kirgisistans geschehen.

Aufleben der Nomaden-Tradition in Kirgisistan

In diesem Sommer wurden Hirten davon überzeugt, die sonnigen, tief liegenden Dörfer Kyzart und Cholpon im Zentrum des Landes und im Norden des Tian-Shan-Gebirges zu verlassen.

Stattdessen sollten sie sich für fünf Monate in den weit entfernten, unbewohnten Weidegebieten in der Nähe des Songköls ansiedeln. Dieser Bergsee liegt ungefähr 3.000 Meter über dem Meeresspiegel und ist über eine anstrengende, dreitägige Reise mit dem Pferd erreichbar.

ARIEL SOPHIA BARDI
Das Songköl.

“Unseren Tieren geht es hier am Songköl besser. Es gibt dort sehr viel Gras”, erklärt Kachkynovna. Sie gehört zu den 300 Menschen, die die Reise im vergangenen Mai antraten.

Wenn sie in ihrer hellen, rot gemusterten Jurte sitzt, schlägt sie oft Sahne, um damit die Taigan-Welpen – eine kirgisische Jagdhundrasse – zu füttern, die vor der dem wollenen Zelteingang herumtollen. “Wenn es ihnen gut geht, geht es uns auch gut.”

Der nördliche Tian-Shan – ein Gebirge, das wegen seiner wichtigen Reserven auch als “Wasserturm” Zentralasiens bezeichnet wird – gehörte früher zu den Handelsrouten der Seidenstraße.

Hotspot für Biodiversität und bedrohte Arten

Heute ist das Gebirge ein sogenannter Biodiversitäts-Hotspot. In dem Gebiet leben 24 Tierarten, die auf der Roten Liste bedrohter Tier- und Pflanzenarten der Weltnaturschutzorganisation IUCN stehen – dazu gehört auch der als besonders scheu geltende Schneeleopard. Das Gletscherschmelzwasser des schneebedeckten Hochgebirges vertrocknet jedoch in rapidem Tempo.

“Es ist sehr schwer, den Leuten diese Tatsache verständlich zu machen”, erklärt Kanat Sultanaliev, der Geschäftsführer des Tian Shan Policy Centers, einem Think Tank, der sich auf das Thema Nachhaltigkeit konzentriert.

“Wir zeigen ihnen Beweise, dass es einen Zusammenhang zwischen Überweidung, Klimawandel und Lawinen gibt. (...) Doch dann antworten sie: ‘Gut, was ihr sagt, mag ja durchaus stimmen. Doch wovon sollen wir leben?’”

Jeff Wendorff via Getty Images

Nach Angaben der Weltbank leben etwas mehr als vierzig Prozent aller Menschen in Kirgisistan unterhalb der Armutsgrenze. Und fast drei Viertel der armen Menschen leben in ländlichen Gebirgsgegenden. Die Bauern sind am schlimmsten von der Armut betroffen.

Das bedeutet, dass für die Erfüllung von Grundbedürfnissen Umweltschutzfragen oft in den Hintergrund gerückt werden müssen. “Den Menschen geht es nicht um die Weideländer”, bestätigt auch Urmat Omurbekov. “Sie denken nur ans Geld.”

Pilotprojekt und Nomaden-Lehrgang

Vor zwei Jahren hat Omurbekov das Pilotprojekt mit einem Festival im Dorf Kuzart ins Leben gerufen. Die Hirten sollten dazu ermutigt werden, sich auf die Reise zu machen und die Weidegebiete im Hochgebirge wieder zu bevölkern, die früher als Sommerweiden für nomadische Hirten verwendet wurden.

Die zweitägige Veranstaltung fand unter dem Namen Baicalduu Koch statt, was auf Kirgisisch in etwa so viel bedeutet wie “ein guter Schritt.”

“Den Hirten wurde beigebracht, wie man als Nomade lebt”, erklärt Omurbekov. Auf der Bühne fanden Auftritte von Folkloretänzern in Trachten statt. Außerdem erklärten ältere Dorfbewohner mit traditionell kirgisischen weißen Filzkappen anhand von Live-Vorführungen, wie das Nomadenleben funktioniert.

“Sie zeigten uns, wie man von einem Weidegebiet zum nächsten weiterzieht”, berichtet der 60-jährige Nadyrbek Begaliev, ein Landwirt aus Cholpon.

Die Dorfbewohner lernten außerdem, wie man Jurten zusammenpackt und transportiert, wie man Pferde durch gefährliche Gebiete lenkt, wie man beim Schlachten von Schafen betet und wie man anhand eines Grashalmes feststellen kann, ob es sich um eine gute Weidefläche handelt.

Begaliev lernte, dass neben weiteren Indikatoren auch ein aufrecht stehender Halbmond ein Hinweis auf wärmer werdende Temperaturen sein kann. “Unsere alten Männer brauchen nur in die Sterne zu sehen, um alles zu wissen”, erklärt er.

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Der Aufbruch der Hirten zum Songköl, der diesen Sommer auf die Initiative des Festivals in Kuzart hin stattfand, ist der Höhepunkt dieser Vorbereitungen. “In diesem Jahr setzen die Menschen ihr erworbenes Wissen in die Praxis um”, so Omurbekov.

Besseres Wachstum der überweideten Flächen

Am See spiegelt das türkise Wasser eine Krone von graubraunen Bergspitzen in der Ferne wieder. Kachkynovnas 50-jähriger Mann, Talant Egimbaev Asankanovich, erzählt von der gefährlichen Reise zu dem Weideland, die seine Familie mit ihren 1.000 Ziegen unternommen hat.

“Wir haben drei verschiedene Hochpässe überquert. Es lag Schnee und sie waren schwer zu überqueren.” Die vier Söhne des Paares, die im Dorf aufgewachsen sind, hatten jedoch nicht aufgegeben. “Jetzt wollen wir jedes Jahr zwischen den Weideflächen hin- und herwechseln.” 

Während die Hirten sich in ihrer ersten Saison in den hohen Weidegebieten immer besser zurechtfinden, zeigen die überweideten Grasflächen im Dorf erste Anzeichen von neuem Wachstum. Auf einem 30 Hektar großen Stück Land, das bisher spärlich bewachsen und ausgedörrt war und vor drei Jahren abgesperrt wurde, wachsen nun endlich wieder saftige Grasbüschel.

Das Wiederauflebenlassen von traditionellen Beweidungspraktiken in Kirgisistan folgt dem allgemeinen Trend, traditionelle Nachhaltigkeitsmodelle wiederaufzunehmen. Ein Trend, der von Skandinavien bis nach Peru auf der ganzen Welt zunehmend Anklang findet.

Der Erfolg dieser Bemühungen weist nach Ansicht von Unterstützern darauf hin, wie wichtig solche grundlegenden Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel sind. Denn um positive Veränderungen erreichen zu können, müssen viele Menschen oft erst einmal ihre Einstellung gegenüber der Umwelt ändern.

Traditionelle Nachhaltigkeitsmodelle

“Unsere Vorfahren wussten noch sehr genau, wie man seine Tiere am besten weidet, um überleben zu können. Denn schließlich hing ihr Leben von ihren Tieren ab”, erklärt Azamat Isakov, der Leiter der zentralasiatischen Nichtregierungsorganisation Camp Alatoo, die sich auf nachhaltiges Ressourcenmanagement spezialisiert hat.

“Wir haben jetzt erkannt, dass die nachhaltige Nutzung von Weideflächen die beste Strategie zur Anpassung an den Klimawandel ist.”

Der 46-jährige Hirte Tashtanbek Taalai Uulu sitzt vor seiner Jurte und schlürft gedankenverloren eine Schüssel vergorene Stutenmilch. Dieses Getränk wird Kumys genannt und ist in Kirgisistan sehr beliebt.

Es ist ein kühler Sommertag Ende August. Pferde und zottelige Ziegen streifen in vereinzelten Grüppchen über die schwammige, mondartige Oberfläche des riesigen Weidegebietes.

ARIEL SOPHIA BARDI
Kumis, fermentierte Stutenmilch, ist Kirgistans Lieblingsgetränk.

“Zu Sowjetunion-Zeiten gab es Vorschriften. Heute gibt es keine Regeln mehr”, erzählt Uulu. Bevor er sich auf den Weg zum Songköl machte, brachte er seine 300 Schafe auf Weideflächen in Kurzat, die in der Nähe der Hauptstraße lagen.

Lieferanten aus Bischkek kamen vorbei und kauften Sahne bei ihm ein, die sie in der kirgisischen Hauptstadt weiterverkauften. Diese Geschäfte konnte er in einer bequemen Entfernung von seinem Zuhause abwickeln.

Doch als das Klima immer trockener wurde, beschloss er, sich den anderen Hirten anzuschließen und in grünere Weidegebiete aufzubrechen. “Wenn es kein Gras mehr gibt, haben wir Kirgisen wirklich ein Problem”, erklärt er.

Manche Dorfbewohner wollen die Reise bisher nicht auf sich nehmen. Doch Uulu hat erkannt, welche Vorteile die Mobilität mit sich bringt. “Von einer Weide zur nächsten zu ziehen, ist besser. Und deshalb ist es auch so wichtig, dass wir diese Traditionen aufrecht erhalten”, erklärt er.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.