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23/08/2018 17:11 CEST | Aktualisiert 24/08/2018 07:17 CEST

Klimaforscher: "Was heute geschieht, gleicht einem kollektiven Suizidversuch"

Eine der Gegenmaßnahmen: Der Ausstieg aus dem fossilen Wirtschaften müsse in Deutschland möglichst bis 2040 erfolgen.

ullstein bild via Getty Images
Der Klimaforscher Joachim Schellnhuber ist besorgt. 
  • Der Klimaforscher Joachim Schellnhuber warnt davor, den Klimwandel zu verdrängen. 
  • Er sagt: Wir seien dabei, einen kollektiven Selbstmord zu begehen.

Der renommierte Klimaforscher Joachim Schellnhuber ist zutiefst besorgt. “Was gerade auf der Welt geschieht, gleich einem kollektiven Suizidversuch.”

Unterbewusst hätten die meisten Menschen zwar erfasst, dass “etwas Bedrohliches im Gange” sei, aber sie möchten sich der Problematik lieber nicht stellen, mahnt der Gründer und Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einem Interview mit den “Potsdamer Neuesten Nachrichten”

 Die Menschen würden angesichts des Klimawandels Gebrauch von ihrem Verdrängungsreflex machen: lieber wegschauen und sich mit Nebensächlichkeiten beschäftigen, kritisiert Schellnhuber. Doch das räche sich am Ende bitter. 

Frühere geologische Epochenbrüche seien mit der heutigen Situation nicht mehr vergleichbar. “An der Grenze zwischen Perm und Trias zum Beispiel erwärmte sich das Klimasystem um fünf Grad – aber über Zehntausende Jahre hinweg, also sehr viel langsamer als heute”, erklärt Schellnhuber.

Das Problem seien gewisse “rote Linien” im Erdsystem. “Werden diese überschritten kann sich die Erwärmung über lange Zeiträume von selbst verstärken, auch ohne weiteres menschliches Zutun”, warnt der Forscher. 

Er fordert deshalb einen “Systemwechsel”.

Die nachfolgenden Generationen seien nur unter einer Bedingung zu retten 

Schellnhuber sagt, unsere nachfolgenden Generationen seien nur zu retten, wenn wir in eine Welt ohne fossile Energien eintreten. Der Ausstieg aus dem fossilen Wirtschaften müsse bis spätestens 2050 global erfolgen, in den hochentwickelten Industrieländern möglichst bis 2040, sagt Schellnhuber.

“Seit der industriellen Revolution verfeuern wir Kohle, Öl und Gas und ermöglichen damit eine permanente Expansion von Produktion und Konsum”, sagt er. Und doch gebe es immer noch weltweit Hunger, Arbeitslosigkeit und Armut. Deshalb müssten wir regionale Ökonomien unterstützen und nachhaltiger denken. 

Schon jedes Zehntel Grad weniger Erwärmung könne einen spürbaren Unterschied machen.

“Die Gesellschaft muss den Wandel einfordern” 

Der Forscher macht aber auch Hoffnung: “Es gibt tatsächlich so vieles, was wir tun könnten, um den Klimawandel zu begrenzen und eine nachhaltige Zukunft aktiv zu gestalten.”

Dazu zählten zum Beispiel weniger fliegen, bei der Ernährung verstärkt auf Gemüse statt auf Fleisch setzen oder klimafreundlich produzierte Produkte kaufen.

Impulse aus der Öffentlichkeit könnten zudem auf die Politik einwirken und sie bestärken, das Problem endlich richtig anzugehen, ist sich Schellnhuber sicher.

Allerdings könne ein echter Wandel am Ende nur dann gelingen, wenn er von der Gesellschaft eingefordert werde.

(mf)