POLITIK
05/03/2019 09:54 CET | Aktualisiert 05/03/2019 09:54 CET

Klaus Kinkel: Weltpolitik erscheint in Trump-Zeiten als "dümmlicher Zirkus"

Deutschlands früherer Außenminister Klaus Kinkel ist am Montag verstorben. Die HuffPost sprach mit ihm im Mai 2018.

HuffPost Deutschland
Der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel.

Klaus Kinkel war von 1992 bis 1998 Deutschlands Chefdiplomat – doch beim Blick auf US-Präsident Trump wählt der frühere Außenminister eher undiplomatische Worte.

“Die ordnende Weltmacht Amerika ist unter Trump zu einem gigantischen Unruhefaktor geworden”, sagt er im Gespräch mit der HuffPost. Die aktuelle Weltpolitik erscheint dem FDP-Politiker stellenweise wie ein “dümmlicher Zirkus”.

Mehr zum Thema: Trump und die Deutschen: Die Geschichte der schwierigen Beziehung in Tweets

Als Beispiel nennt er den Washington-Besuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. “Die gegenseitigen Schmeicheleien, die Umarmungen, die Küsserei unter Männern – das geht mir unendlich auf den Wecker und mir fällt es schwer, das ernst zu nehmen.”

Mit Weltpolitik kennt sich Kinkel aus. Er trieb unter Kohl sechs Jahre im Auswärtigen Amt und als Vizekanzler die europäische Integration voran und baute das transatlantische Verhältnis des wiedervereinigten Deutschlands aus. 

Merkel ist eine ausgesprochen rationale Person, die mit einem unbeherrschten Emotionsbolzen wie Trump Politik machen muss

Historiker beschrieben die Zeit nach dem Kalten Krieg als “Ende der Geschichte”. Im Westen herrschte Aufbruchstimmung. Damit ist es mit Donald Trump im Weißen Haus vorbei. Auch für Kanzlerin Angela Merkel müsse jeder Kontakt mit dem US-Präsidenten “eine Tortur” sein, vermutet Kinkel.

“Sie ist eine ausgesprochen rationale Person, die mit einem unbeherrschten Emotionsbolzen wie Trump Politik machen muss. Hinzu kommt, dass er beifallheischend selbstverliebt ist, fast wie ein Kind”, sagt er. Da müsse Merkel aber durch, denn ein gutes Verhältnis zu den USA sei zentral für Deutschland.

Dafür rät er Kanzlerin Angela Merkel, “so oft mit Trump telefonieren wie möglich, um ihm die deutsche Politik zu erklären.” Außerdem müsse sie Vertraute in Trumps Umgebung schicken. “Vielleicht versteht er sie dann irgendwann besser.”

Das ganze Interview lest ihr hier:

Herr Kinkel, Sie haben als Außenminister nach dem Fall der Mauer Weltpolitik gemacht. Nun sitzt Trump im Weißen Haus, der die Bundesregierung – vorsichtig gesagt – vor Rätsel stellt. Können Sie es lösen?

HuffPost: Ich kann Ihnen die Lösung leider auch nicht sagen. Die Amerikaner haben uns mit den anderen Alliierten vom Tyrannen befreit, haben geholfen, Deutschland wieder aufzubauen.

Die ordnende Weltmacht Amerika ist unter Trump zu einem gigantischen Unruhefaktor geworden. Es ist zum Fürchten und Lachen, wenn es nicht so traurig wäre

Die Wiedervereinigung wäre ohne die USA nicht denkbar gewesen. Nun haben sie einen Präsidenten, der twitternd offensichtlich manchmal nicht weiß, was er als politischer Dilettant anrichtet. Die ordnende Weltmacht Amerika ist unter Trump zu einem gigantischen Unruhefaktor geworden. Es ist zum Fürchten und Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Wie muss es für Kanzlerin Merkel sein, mit jemandem wie Trump umzugehen?

Wahnsinnig schwierig. Sie ist eine ausgesprochen rationale Person, die mit einem unbeherrschten Emotionsbolzen wie Trump Politik machen muss. Hinzu kommt, dass er beifallheischend selbstverliebt ist, fast wie ein Kind. Für die Kanzlerin muss jeder Trump-Kontakt eine Tortur sein. Aber da muss Merkel durch. Wir können uns den US-Präsidenten nicht aussuchen.

Es ist für Deutschland von zentraler Bedeutung, ein gutes Verhältnis zu den USA zu haben. Deswegen sollte Merkel so oft mit Trump telefonieren wie möglich, um ihm die deutsche Politik zu erklären

Dennoch: Ist es aussichtslos mit Trump Politik machen zu wollen?

Das würde ich nicht sagen. Auch mit Barack Obama lief es für Merkel am Anfang nicht rund. Am Schluss haben sie aber zueinander gefunden und ich hoffe, dass auch Trump irgendwann begreift, dass Deutschland ein unverzichtbarer Partner ist.

Wie können die beiden noch zueinander finden?

Es ist für Deutschland von zentraler Bedeutung, ein gutes Verhältnis zu den USA zu haben. Deswegen sollte Merkel so oft mit Trump telefonieren wie möglich, um ihm die deutsche Politik zu erklären. Sie muss Vertraute in Trumps Umgebung schicken. Vielleicht versteht er sie dann irgendwann besser. Aber eine Wunderwaffe sehe ich nicht.

Die Weltpolitik ist stellenweise insoweit scheinbar zu einem dümmlichen Zirkus geworden

Wie wären Sie mit jemandem wie Trump umgegangen?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht. Ich habe Diplomatie anders erlebt. Wie Trump etwa mit Macron umgegangen ist war lächerlich. Die gegenseitigen Schmeicheleien, die Umarmungen, die Küsserei unter Männern – das geht mir unendlich auf den Wecker und mir fällt es schwer, das ernst zu nehmen. Die Weltpolitik ist stellenweise insoweit scheinbar zu einem dümmlichen Zirkus geworden.

Lesen Sie, was Trump auf Twitter veröffentlicht?

Nein, da habe ich Besseres zu tun. Aber ich lese es natürlich – ob ich will oder nicht – am nächsten Tag in der Zeitung. Und das ist der eigentliche Wahnsinn: Man weiß nie, was dieser Mann am nächsten Tag verkünden wird. Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass er für seine Klientel in Amerika einiges unter seinem Motto „America First“ umgesetzt hat. Zum Beispiel in der Wirtschafts- und Steuerpolitik.

Beobachter fürchten gar einen Dritten Weltkrieg – zuletzt nach dem Eingriff der Amerikaner in Syrien. Teilen Sie die Sorge?

Ich glaube nicht, dass Trump tatsächlich einen Dritten Weltkrieg auslösen wird. Da hoffe ich doch auf die Checks and Balances im amerikanischen Verfassungsgefüge.

Sorgen macht mir eher, dass die weltweiten Brandherde gefährlich vernachlässigt werden. 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Die Lage in Syrien ist chaotisch. Der Zusammenhalt der EU ist durch Nationalisten ernsthaft bedroht.

Im Moment habe ich den Eindruck, dass Russlands Präsident Putin berechenbarer ist als Trump. Das will schon was heißen

Und der mächtigste Mann der Welt schlittert irrlichternd von einer Affäre in die nächste. Man kann nicht verstehen, dass die im Augenblick wichtigsten Weltpolitiker Trump und Putin – und wir dürfen China nicht vergessen – nicht zusammenfinden, um die schwierigsten Probleme wie etwa in Syrien anzugehen.

Im Moment habe ich den Eindruck, dass Russlands Präsident Putin berechenbarer ist als Trump. Das will schon was heißen. Nicht verdrängt werden darf auch, dass Trump zum scheinbaren Einlenken des nordkoreanischen Präsidentin Kim Jong-un beigetragen hat. Mal sehen, was daraus wird.

Dieser Text erschien zuerst am 4. Mai 2018.