ELTERN
10/04/2018 18:09 CEST | Aktualisiert 10/04/2018 18:36 CEST

Kita-Streik: 9 Eltern berichten über die massiven Folgen

Urlaubstage, Babysitter-Kosten bis zu Existenzbedrohung – die Streiks bringen Eltern an ihre Grenzen.

HuffPost
Die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst streiken in diesen Tagen in fast ganz Deutschland.

Es wird wieder gestreikt in Deutschland. In zahlreichen Bundesländern gehen in diesen Tagen Beschäftigte im öffentlichen Dienst auf die Straßen und fordern mehr Geld. Darunter auch zahlreiche Mitarbeiter von Kitas, Kindergärten und Horts

Auch wenn die Forderung nach einem höheren Gehalt für viele Eltern durchaus verständlich ist, bringt der Streik viele von ihnen eine brenzlige Situation. Denn wer passt auf die Kleinen auf, während Mutter und Vater in der Arbeit sind?

9 Eltern haben uns erzählt, wie sehr der Streik sie belastet und wie sie es in diesen Tagen trotzdem schaffen, Kind und Job unter einen Hut zu bringen. 

“Wir Eltern sind auf ein Netzwerk angewiesen”

Stephanie Perret

Stephanie Perret, Mutter aus München

Der Streik nervt mich – einfach, weil er die einschränkt, die an der Situation eh nichts ändern können. Ich schätze die Erzieher meiner Kinder und finde auch, dass sie für ihre großartige Arbeit nicht die notwendige Anerkennung in ihrem Beruf erfahren. Trotzdem können wir Eltern daran erst einmal nichts ändern – und unsere Kinder noch weniger.

Heute passe ich auf meine vierjährige Tochter und zwei weitere Kita-Kinder alleine auf. Mittags kommt meine siebenjährige Tochter hinzu, da der Hort ebenfalls geschlossen ist und ein weiteres Kita Kind, weil die Oma nur bis mittags Zeit hat.

Ich kann heute glücklicherweise von zuhause arbeiten, deshalb habe ich befreundeten Eltern angeboten, ihr Kind mit zu betreuen. Im Falle eines Streiks helfen wir uns immer gegenseitig aus. Auf dieses Netzwerk sind wir Eltern dann auch angewiesen – denn ohne Hilfe wäre der Streik für uns schwer zu händeln.

“Der Streik ist für mich ein echter Kraftakt”

Stephanie Leienbach

Stephanie Leienbach, Mutter aus Hamburg

Unsere Kita streikt am Donnerstag. Für mich und meinen Mann ist das ein echter Kraftakt, denn wir sind beide selbstständig. Es ist für uns nicht einfach, denn wir verdienen an dem Tag einfach kein Geld. Besonders längere Streik-Strecken können ein immenses Loch in der Haushaltskasse hinterlassen.

Ich bin dankbar, dass ich mittlerweile ein tolles Mütter-Netzwerk um mich herum aufgebaut habe. Wir veranstalten jetzt die Kita abwechselnd bei einem von uns Zuhause. So können die Kinder sich sehen und spielen und ich als Selbstständige kann für ein paar Stunden arbeiten gehen. Ohne dieses Netzwerk wäre ich aufgeschmissen!

“Für berufstätige Alleinerziehende wird so ein Streik zum Problem”

Kathrin Kreickmann

Kathrin Kreickmann, Mutter aus München

Mein Sohn ist acht Jahre alt und geht nach der Schule in den Hort. Ich bin alleinerziehende Mutter und arbeite Vollzeit. Aber heute kann mein Kind nicht in den Hort – denn die Mitarbeiter streiken.

Für mich ist das ein riesiges Problem. Denn natürlich kann ich mein Kind nicht alleine lassen, im Home Office arbeiten kann ich allerdings auch nicht. Auch meine Eltern leben nicht in der gleichen Stadt.

Also ist eine Betreuung durch Großeltern keine Option.

Zum Glück kann ein Freund von mir, der tagsüber Zeit hat, meinen Sohn von der Schule abholen und etwas mit ihm unternehmen. Und klar, ich verstehe auch, dass die Erzieher gerne mehr Geld verdienen wollen.

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Aber für berufstätige alleinerziehende Eltern ist so ein Streik ein echtes Problem. Hätte ich niemanden gefunden, der auf meinen Sohn aufpasst, dann hätte ich mir heute Urlaub nehmen müssen. Was schlecht geht – denn ich bin gerade noch in der Probezeit.

“Es geht hier um meine Existenz”

Janine Ganteför, Mutter aus Gelsenkirchen

Ich arbeite Vollzeit und bin alleinerziehende Mami. Ich muss mir für so einen Tag wie bereits auch schon vor drei Wochen extra Urlaub nehmen – unsere Kita hat in den Sommerferien schon 15 Tage geschlossen wie auch Weihnachten und die “obligatorischen” Schließungstage.

Da bleibt dann nicht mehr viel Zeit für mich und mein Kind, über die ich selbst verfügen kann. Ich bin echt sauer. Ich hab keinen Partner der auch noch 30 Tage Urlaub hat. Für mich geht es hier um meine Existenz. Noch mehr dieser Streiks, und ich muss unbezahlten Urlaub nehmen – denn dafür kommt niemand auf!

“Der Anspruch der Politiker nach mehr Unternehmern wird so nie etwas”

Julian Pye

Julian Pye, Vater aus München

Wir haben zwei Kinder im Kita-Alter. Und der Streik trifft uns sehr. Meine Freundin und ich arbeiten beide Vollzeit bei Startups. In München ist es ohnehin schwer, einen Kita-Platz zu bekommen. Für unsere Kinder zahlen wir rund 850 Euro pro Monat für die Kita. Doch das ist nicht alles, was wir für Kinderbetreuung ausgeben.

Denn die Kita schließt vor 17 Uhr – das entspricht nicht wirklich dem Feierabend in einem Startup. Also haben wir noch zusätzlich Babysitterkosten. Mit einem Babysitter behelfen wir uns auch heute. Ich passe den halben Tag auf die beiden auf und versuche, noch ein bisschen was nebenbei zu arbeiten. Die andere Hälfte springt ein Babysitter ein.

Ich verstehe die Erzieher, denn die sind ja auch genervt von der schlechten Betreuungssituation. Was ich aber nicht verstehe, ist, wieso unsere Politiker ständig sagen, dass sie mehr Frauen im Beruf haben wollen, mehr Akademikerinnen und mehr Unternehmensgründerinnen – und die so existenzielle Kinderbetreuung immer noch nur so desaströs funktioniert.

 “Die Streiks gehen voll auf meine Urlaubstage – und die habe ich eh kaum”

Sophie Plettner

Sophie Plettner, Mutter aus München

Heute konnte ich das Streik-Problem ganz elegant lösen, da eine Freundin von mir daheim war und praktisch alle Freundinnen ihrer Tochter zu sich eingeladen hat. Auch meine vierjährige Tochter. Die nächste Runde geht dann auf meine Kappe und meine Urlaubstage. Davon hat man ja genug, vor allem mit Schulkind... NOT!

Ich stehe in der Sache voll hinter den Erziehern, werfe aber den Gewerkschaften vor, dass sie 08/15-Lösungen aus dem Hut holen, die in diesem Fall überhaupt keinen Hebel haben. Selbst wenn die Stadt München die Gebühren erstattet, spart sie dennoch die Löhne, die die Gebühren locker übersteigen.

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Da hat sie wohl keine anderen, für den Arbeitgeber schmerzhaften, Ideen. Ich habe nur Glück, dass unser Mutti-Netzwerk so gut funktioniert und wir reihum die Dienste übernehmen. Da kann man auch ganz anders dastehen. Aus der Erfahrung des letzten großen Streiks weiß ich, das funktioniert.

“Ich bin sehr wütend auf die Stadt”

Karen Richter, Mutter aus Aachen

Gott sei Dank bin ich im Moment von den Streiks noch nicht betroffen. Ich bin alleinerziehende Mutter von vier Kindern, nur noch die jüngste im Kindergarten. Ich arbeite Teilzeit in der Krankenpflege und studiere auf Lehramt, aktuell im Praxissemester.

Das heißt, ich arbeite zur Zeit zwölf Tage am Stück und habe dann zwei Tage Wochenende mit meinen Kindern.

Bei einem längeren Streik, wie vor drei Jahren, würde es mir diesmal mein komplettes Semester sprengen. Ich kann keinen Urlaub machen.

Meine Mutter ist nur bedingt mit zusätzlicher Kinderbetreuung belastbar. Der Kontakt zum Kindsvater sehr schwierig. Das Semester zu wiederholen, würde mein Studium um ein Jahr verlängern. Das stellt für mich eine Wahnsinns-Belastung dar, finanziell wie psychisch.

Nach den sechs Wochen Kitastreik vor sechs Jahren bin ich jetzt schon ziemlich wütend und überlege, ob ich mein Kind wohl im Büro vom Oberbürgermeister abgeben kann. Schließlich habe ich ja einen Vertrag mit der Stadt.

“Das lässt sich nur mit guter Kommunikation lösen” 

Natascha Varos

Natascha Varos, Mutter aus Ludwigshafen am Rhein

Wir arbeiten die meiste Zeit von Zuhause und können den Kindern dort ihr gewohntes Umfeld bieten. Da allerdings auch die öffentlichen Verkehrsmittel bestreikt werden, müssen wir auch auf die Oma zurückgreifen, die sich Gott sei Dank die Zeit aufgrund eines sehr kulanten Arbeitgebers nehmen kann.

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Unsere Kita hat schon sehr früh den Betreuungsausfall bei den Eltern kommuniziert, daher war ausreichend Zeit, Termine abzustimmen und zur Not einfach zu verschieben. Gerade an Tagen wie diesen merken wir, wie wertvoll eine gute Kommunikation und Verständnis auf beiden Seiten ist.

“Ich muss meine Tochter dann auch mal mit ins Büro nehmen”

N.E. Winter, Mutter aus Verden

Bei uns wird erst Donnerstag gestreikt. Und dieses Mal gibt es zum Glück einen Notdienst. Sonst muss ich mir auch freinehmen oder meine Tochter mit zur Arbeit nehmen, da ich alleinerziehend bin.

Ich finde es gut, dass mein Chef nichts dagegen hat, wenn die Maus mitkommt, aber richtig ist das natürlich auch fürs Kind nicht.

(tb)