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22/03/2018 16:12 CET | Aktualisiert 22/03/2018 17:47 CET

Der Kita-Streik in Bayern zeigt, was bei der Kinderbetreuung schief läuft

Die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern wird schlecht bezahlt und nicht wertgeschätzt.

dpa
Heute blieben viele Kitas in München geschlossen. 

Heute konnte mein Sohn nicht mit seinen Freunden in der Krippe spielen. Er konnte den Lego-Turm nicht fertig bauen oder auf dem Spielplatz im Sand buddeln.

► Denn die Kita-Türen blieben heute geschlossen. Die Erzieherinnen und Erzieher streikten.

Die Frage, die mich seit Tagen beschäftigte: Wer passt auf meinen Sohn Mika auf? Mein Partner und ich müssen beide arbeiten – weder er noch ich können ihn in die Arbeit mitnehmen.

Ich bin selbstständig und ein Tag zu Hause bedeutet für mich, dass ich kein Geld verdiene.

Mehr zum Thema: Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und habe zwei Jobs – so läuft mein Tag ab

Dieses Mal konnten wir noch rechtzeitig eine Lösung finden. Denn meine Mutter kam zu Besuch und passte auf Mika auf. Wäre sie nicht da gewesen, hätte ich auf mein Gehalt verzichten müssen.

Wir brauchen mehr Kitas

Auch wenn es für meine Familie stressig ist, finde ich den Streik extrem wichtig – denn in unserer Gesellschaft läuft noch einiges schief.

Mein Sohn Mika ist 16 Monate alt und geht seit letztem Oktober in eine Münchner Kita.

Dass er einen Betreuungsplatz bekommen hat, war großes Glück. Mein Partner arbeitet bei der Stadt München und konnte daher auf einen sogenannten Kontingentplatz zurückgreifen. Was für ein Luxus.

In städtischen Kindergärten gibt es eine gewisse Anzahl an Betreuungsplätzen, die für Mitarbeiter der Stadt München vorgesehen sind.

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Zuvor hatten wir uns bei zehn Einrichtungen beworben und keinen Platz bekommen. Wir erhielten nicht einmal eine Absage. Gäbe es kein Kontingent, wäre ich jetzt zu Hause, könnte nicht arbeiten und müsste mich mit dem Betreuungsgeld zufriedengeben.

► So geht es vielen Müttern: Sie würden gerne wieder arbeiten, doch finden keinen Kitaplatz.

In der Tagesstätte meines Sohnes könnten eigentlich noch mehr Kinder aufgenommen werden, doch es gibt nicht genügend Erzieher. Keiner bewirbt sich auf die Jobausschreibung. Und das wundert mich nicht.

Mehr Wertschätzung für Erzieher

Erziehung und Bildung sind die wichtigsten Grundsteine unserer Gesellschaft, dennoch wird die Arbeit nicht genügend honoriert – weder mit Geld noch mit Anerkennung. Das muss sich dringend ändern. 

Warum wird ein Mediziner für seine Arbeit mehr wertgeschätzt als ein Pfleger oder ein Erzieher? Nur, weil jemand studiert hat, heißt das nicht, dass die Person wichtiger oder wertvoller ist – und umgekehrt. 

Bevor ich Mutter wurde, habe ich auch nie wirklich darüber nachgedacht, welche Arbeit Erzieherinnen und Erzieher leisten. Doch heute ist mir klar, dass sie ein enorm wichtiges Glied der Gesellschaft sind.

Nur durch den Streik bekommen sie Gehör

► Wir brauchen Erzieher mehr denn je. Unser System funktioniert sonst nicht. Erzieher sind maßlos unterbezahlt.

► Wir Eltern sind auf ihre Unterstützung angewiesen. Aber Erzieher werden nicht genügend wertgeschätzt, obwohl wir unsere Kinder in ihre Hände geben.

Der heutige Streik ist sehr wichtig, denn nur so können sich die Betreuer Gehör verschaffen. Normalerweise läuft eine Tarifverhandlung nicht zum Vorteil der Arbeitnehmer ab, daher sollten diese nicht protestlos die schlechten Bedingungen akzeptieren.

Durch den Streik wird der Gesellschaft gezeigt, was nicht funktioniert. Vieles wird lahmgelegt, wenn die Tageseinrichtungen geschlossen sind.

Eigentlich finde ich es traurig, dass unsere Betreuer so hart um einen eigentlich lächerlichen Betrag kämpfen müssen. Für jeden Einzelnen wäre die Tariferhöhung nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Doch letztendlich sind es die kleinen Schritte, mit denen Stück für Stück etwas erreicht werden kann.

Der Text wurde von Nadine Cibu verfasst.

(kap)