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25/10/2018 17:27 CEST | Aktualisiert 26/10/2018 13:46 CEST

Kita-Erzieherin zu Kinderarmut: "Die schlimmsten Fälle bekommt niemand mit“

Die Erzieherin zeigt sich entsetzt über "Armes Deutschland – Deine Kinder".

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Ilona Böhnke hat fast 40 Jahre lang als Erzieherin gearbeitet, teilweise in Brennpunktvierteln. So hatte sie auch mit Kindern aus ärmeren Schichten zu tun. Über Sendungen wie “Armes Deutschland – Deine Kinder” zeigt sie sich entsetzt – denn die wahren Fälle sehen oft anders aus, als bei vermeintlichen Doku-Sendungen dargestellt. 

Vor Kurzem habe ich eine Folge der RTL-II-Show “Armes Deutschland – Deine Kinder” gesehen. In der Show sollen die Kinder arbeitsloser und geringverdienender Familien im Vordergrund stehen.

So sieht man zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter mit ihren zwei Kindern in einem Obdachlosenheim. Oder eine Familie, die in einer absolut verdreckten Wohnung lebt. Oder eine hochverschuldete Frau, die nun mit ihren beiden Kindern zusammen eine neue Wohnung sucht.

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Auch, wenn sich viele der gezeigten Kinder wie Helden verhalten und ihre Eltern unterstützen, wo sie nur können: Über Kinderarmut in Deutschland lernen wir in dieser Sendung fast nichts. Denn die schlimmsten Fälle bekommt niemand mit.

RTL II
Die elfjährige Laura, eine Protagonistin aus "Armes Deutschland – Deine Kinder" lebt in einer völlig verdreckten Wohnung.

Oft sind die Kinder nicht offensichtlich verwahrlost

Seit meinem 16. Lebensjahr habe ich mich um Kinder gekümmert – das waren, bis ich aufgehört habe, als Erzieherin zu arbeiten, insgesamt fast 40 Jahre. Teilweise habe ich in Brennpunktvierteln, zum Beispiel in Herne, gearbeitet und gesehen, wie Kinder in Armut aufwachsen. Die wirklich schweren Fälle, die ich erlebt habe, sind meist nicht so offensichtlich, wie RTL II es mit seinen drastischen Bildern vermuten lässt.

Einmal habe ich zum Beispiel erlebt, wie eine Mutter aus finanziell schlechteren Verhältnissen drogenabhängig wurde – von Chrystal Meth, was besonders günstig und einfach zu besorgen war. Für die Drogen ging der Großteil ihres Geldes drauf, die Kinder hatten darunter natürlich am meisten zu leiden.

Die Situation war deswegen besonders schwierig, weil man nach außen hin erst einmal keine Verwahrlosung erkennen konnte: Die Kinder wurden offensichtlich nicht geschlagen, waren normal angezogen – aber dann machten sich langsam  die ersten Anzeichen bemerkbar.

► Irgendwann hatten die Kinder plötzlich kein Frühstück mehr dabei.

► Manchmal wurden sie morgens im Kindergarten mit Windeln abgegeben, die noch vom Vortag voll waren.

Als Erzieher haben wir uns dazu entschieden, nicht gleich mit dem Jugendamt zu kommen, sondern erst das Gespräch mit den Eltern zu suchen.

Derweil haben wir natürlich heimlich versucht, den Kindern zu helfen – jeder hat zum Beispiel ein bisschen mehr Frühstück für sich selbst eingepackt und mit den Kindern geteilt oder hin und wieder frische Windeln mitgebracht.

Nach einer Weile jedoch wurde das Jugendamt dennoch eingeschaltet, wenn auch nicht von unserer Seite – wahrscheinlich haben sich andere Familienmitglieder dafür eingesetzt. Die drogensüchtige Mutter war finanziell irgendwann derart am Ende, dass ihr der Strom abgestellt und die Wohnung gekündigt wurde, glücklicherweise haben sich die Großeltern der Kinder angenommen.

Bei “Armes Deutschland – Deine Kinder” sehen wir Fälle absoluter Hilflosigkeit 

Tatsächlich verstehen Menschen in solchen Situationen nicht mehr, wie schlimm dran sie eigentlich sind – wir hatten es hier mit einer schwer suchtkranken Frau zu tun, der man dringend helfen musste. Menschen wie sie leben in einer anderen Welt und sind eigentlich kaum noch erreichbar.

Auch wenn RTL II bei “Armes Deutschland – Deine Kinder” keine Drogensüchtigen gezeigt hat, sehe ich dennoch Parallelen zur Geschichte mit der drogensüchtigen Mutter, die ich erlebt habe: Hier sehen wir Menschen, die man auf den ersten Blick vielleicht verurteilt, die aber eigentlich sehr viel Hilfe brauchen. Es ist unverantwortlich, sie vor die Kamera zu bringen.

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Wenn ich die Bilder sehe, weiß ich, dass Menschen teilweise so leben – dass ihre Wohnungen dreckig sind, dass sie sich keine Nahrung mehr leisten können, dass ihren Kindern keine Regelmäßigkeit und Perspektive vorgelebt wird. Aber solche Fälle dürfen nicht zu unserer Unterhaltung beitragen.

Armut erkennt man an Kleinigkeiten im Alltag

Was “Armes Deutschland – Deine Kinder” auslässt, sind übrigens die kleinen Merkmale, an denen man Armut erkennt.

In der Kita sieht man zum Beispiel häufig, dass die Kinder die ersten zwei Wochen eines Monats Frühstück vom Bäcker mitbringen, man erkennt es an den Papiertüten. Ab der Hälfte des Monats verschwinden die Tüten allerdings langsam – weil die Kinder nun Essen von der Tafel mitbringen.

Oder man merkt zum Beispiel, dass den Familien am Ende des Monats Windeln fehlen, weil sie uns keine Ersatz-Windeln für die Kinder mitgeben. Auch die günstigen No-Name-Windeln kosten verhältnismäßig viel Geld. 

► Etwa 4,4 Millionen Kinder in Deutschland sind von Armut betroffen. 

► Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens monatlich zur Verfügung hat.

► Dementsprechend galt 2017 eine Familie mit zwei Kindern als arm, wenn sie monatlich weniger als 2099 Euro netto zur Verfügung hatte. 

Solche Begebenheiten sind den Redakteuren bei RTL II wahrscheinlich zu langweilig, um sie in einer Show zu zeigen. Ich frage mich: Warum zeigen sie nur die absoluten Extremfälle, bei denen es schon schwer fällt, Mitleid zu entwickeln? Warum zeigen sie nur hilflose, faule oder kranke Erwachsene, die von ihren Kindern gerettet werden müssen? 

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Warum zeigen sie nicht die Eltern, die in drei Jobs arbeiten, um ihre Kinder zu ernähren? Die sich wirklich anstrengen, damit ihre Kinder eine Zukunft haben? Ansonsten festigt RTL II doch nur die negative Meinung, die sowieso schon über arme Menschen vorherrscht – frei nach dem Motto: “Wir bilden euch eure Meinung.”

Und in diesem speziellen Fall geht das auch noch auf Kosten der Kinder. 

Für die jungen Protagonisten von “Armes Deutschland – Deine Kinder” kann ich nur hoffen, dass sie sich nicht von ihrem negativen Umfeld anstecken lassen und es aus der Armut herausschaffen. Auf Unterstützung von ihren Eltern können sie in den gezeigten Fällen wohl nicht hoffen.

Das Gespräch wurde von Agatha Kremplewski aufgezeichnet.

(ujo)