BLOG
03/10/2018 19:02 CEST | Aktualisiert 04/10/2018 07:49 CEST

Kita-Erzieherin: Was viele Kollegen machen, ist Kindesmisshandlung

Die Eltern wissen nicht, was wirklich in den Kitas passiert.

Oben im Video: Kita-Leiter packt aus – so chaotisch sind die Zustände in deutschen Kindergärten.

Es waren erschreckende Szenen, die das “Team Wallraff” für die Sendung “RTL Extra” in einer Kita aufzeichnete. Eine Undercover-Reporterin hatte sich als Praktikantin ausgegeben und konnte so in der Kita des Roten Kreuzes mit versteckter Kamera filmen.

Zu sehen war unter anderem, wie ein Kind stundenlang gezwungen wurde, seine Mahlzeit aufzuessen. Zwei bis drei Stunden lang musste der Junge alleine am Esstisch sitzen bleiben, während die anderen Kinder draußen spielen durften.

Die Enthüllungen haben hohe Wellen geschlagen, die betreffende Mitarbeiterin ist inzwischen entlassen worden und das Rote Kreuz beteuert, die Vorfälle genauer untersuchen zu wollen.

Was bleibt, ist eine große Verunsicherung bei den Eltern. Viele ahnen: Was das Team Wallraff da aufgedeckt hat, ist womöglich kein Einzelfall.

Hier berichtet eine Erzieherin aus ihrem Alltag. 

36 Jahre habe ich als Erzieherin gearbeitet. 40, wenn man die Ausbildung mitzählt. In all den Jahren habe ich mit unzähligen Kollegen zusammengearbeitet und muss sagen: Das, was Team Wallraff da aufgedeckt hat, ist leider kein Einzelfall!

Ich habe schon öfter Erzieherinnen darauf hinweisen müssen: Was ihr da tut, ist eigentlich Kindesmisshandlung.

Zum Beispiel habe ich selbst einmal miterlebt, dass eine Kollegin ein Kind dazu zwingen wollte, am Tisch sitzen zu bleiben und einen Joghurt aufzuessen. Die Mutter des Kindes hatte diesen eingepackt und ich dachte mir gleich, dass er für dieses Kleinkind viel zu groß ist.

Viele Erzieher wissen nicht, dass sie etwas Falsches tun

Man muss sich hier klarmachen: Es geht um eine U3-Gruppe. Die Kinder sind ein bis drei Jahre alt.

Das Kind kann noch nicht einschätzen, wie viel es essen kann. Es weiß in der Regel noch nicht mal, was es genau mag und was nicht. Das Kind fand die Joghurt-Verpackung schön und hat sie deswegen aufgemacht.

Doch die Kollegin war überzeugt: Das Kind müsse dann auch aufessen. Deswegen ging es direkt mit Strafen los. 

“Du bleibst jetzt solang hier sitzen, bis zu aufgegessen hast. Du gehts jetzt nicht mit uns raus, du darfst jetzt nicht spielen.”

Was glaubt ihr, wie ein Kind dann reagiert? Es beginnt zu weinen und zu schreien.

Und wenn das Kind dann nach wer weiß wie viel Zeit den Joghurt gegessen hätte, was hätte es dann gelernt?

Ich weiß von Kindern, die Angst vor dem Essen bekommen. Die dann zuhause schreien, wenn die Mama wieder einen Joghurt in die Tasche steckt. 

Und die Eltern wissen dann erstmal lange nicht, was los ist. Die Kinder können sich nicht wirklich ausdrücken.  

Da dauert es dann lange, bis man weiß, woher diese Angst kommt. Das kann auch zu Essstörungen führen.

Die Kollegen unterstellen den Kindern böse Absichten 

Also habe ich eingegriffen. Ich habe der Kollegin gesagt: Das geht nicht. So kann man Kinder nicht behandeln. Sie hat behauptet, das Kind würde mit Absicht nicht aufessen, es würde sich mit Absicht bockig verhalten.

Das muss man sich mal vorstellen. Die Kollegin – und davon gibt es leider – unterstellen den Kindern böse Absicht. 

Ein ein- bis zweijähriges Kind kann keine Intrigen spinnen. Es überlegt sich nicht, wie kann ich der Erzieherin eins reinwürgen. 

Kleine Kinder sind noch viel zu sehr damit beschäftigt, sich selbst kennenzulernen – als sich Gedanken zu machen, wie sie anderen schaden können.

Wenn eine Kollegin so reagiert, kann ich sowas nicht einfach mitansehen. Das ist Kindesmisshandlung. Und deshalb sage ich das sofort, wenn es mir auffällt.

Die Kollegen sind dann schockiert

Wenn ich Kollegen sage, dass sie die Grenzen überschreiten und das Kindeswohl gefährden, sind sie meist schockiert. Ihnen ist gar nicht bewusst, dass sie etwas Falsches getan haben.

Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen und werden sauer. Aber das ist gut. So haben sie die Gelegenheit, im Nachhinein zu reflektieren und sich zu fragen, woher ihr Verhalten kommt.

Denn ich muss ganz klar sagen: Das ist nicht Teil unserer Ausbildung. Diese Verhaltensweisen haben die Erzieherinnen häufig aus ihrer eigenen Kindheit mitgebracht.

Vielleicht wurden sie selbst zum Aufessen gezwungen. Vielleicht wurden sie selbst zur Seite geschubst oder ein wenig zu fest am Arm gepackt und deshalb tun sie es selbst auch, wenn sie gestresst sind.

Nicht jeder Mensch ist als Erzieher geeignet

Das Problem ist, dass viele Einrichtungen sehr schlecht besetzt sind. Wenn dann noch eine Kollegin krank ist, wird es richtig schlimm.

Manchmal werden Praktikanten mit den Kindern allein gelassen, obwohl noch kein erweitertes Führungszeugnis vorliegt. Solange das nicht der Fall ist, dürfen sie aber kein Kind wickeln und sie dürften auch kein Kind erziehen.

Zurzeit werden ja auch viele Erzieher eingestellt, weil der Bedarf so groß ist. Da geht es nicht mehr darum, wer besonders gut ist, sondern darum, wer überhaupt verfügbar ist.

Aber nicht jeder Mensch ist als Erzieher geeignet. Man kann die Ausbildung gemacht haben und trotzdem hat man keinen Bezug zu Kindern.  

Die Eltern wissen nicht, was in den Kitas passiert

Eine weitere Neuerung ist, dass die Kinder viel mehr Zeit im Kindergarten verbringen. Früher waren die Kinder vielleicht vormittags da. Jetzt bleiben die meisten über Mittag. Daher gab es früher auch diese Probleme mit dem Essen nicht in dieser Art. 

Das Problem tritt jetzt so häufig auf, weil Essen einen größeren Teil im Kindergarten ausmacht als früher.

Und Essen ist ja auch wichtig. Den Kindern ein gesundes Verhältnis zum Essen zu ermöglichen, ist eine unsere bedeutendsten Aufgaben.

Doch geht es bei uns ja erstmal darum, die Kinder herausfinden zu lassen, was sie überhaupt mögen. Und wenn jemand etwas nicht mag, ist das nicht weiter schlimm. Das ist bei uns Erwachsenen ja auch so.

Was wir tun können, ist immer gesundes Essen anbieten und es den Kindern schmackhaft machen. 

Hero Images via Getty Images

Es gibt oft Kinder, die zuhause kein Gemüse essen, weil sie vielleicht die Farbe nicht mögen, die dann im Kindergarten aber zulangen. Weil sie sehen, dass die anderen Kinder es essen.

Und es gibt noch so viel mehr rund ums Essen, was Kinder lernen müssen. Wie sitzt man eigentlich am Tisch? Wie funktioniert Besteck? Wie verhalten ich mich am Esstisch?

Als das sind sehr wichtig Dinge, die ein Kind ein Leben lang begleiten werden.

Und sie sind alle wichtiger, als zu lernen: Wenn ich den Joghurt nicht esse, darf ich nicht spielen.

Diesen Rat habe ich für alle Eltern

Ich kann mir vorstellen, dass viele Eltern nach dem Bericht von “Team Wallraff” verunsichert sind – und das zu Recht. Sie haben ja kaum eine Chance zu erfahren, was wirklich in der Kita passiert. Zumindest, wenn die Kinder noch nicht sprechen können.

Manchmal höre ich von Eltern, dass sie eine Kollegin besonders nett finden und denke mir: Himmel, wenn ihr wüsstet!

Ich kann Eltern nur empfehlen, die Initiative zu ergreifen und das Gespräch mit den Erzieherinnen zu suchen. Klar zu sagen, dass das Kind zum Beispiel nicht zum Essen gezwungen werden soll.

Das mag ungemütlich sein und wird bei vielen Erziehern auch sicher erstmal nicht gut ankommen. Aber damit muss man leben, wenn es um das Wohl des eigenen Kindes geht.

Und was bleibt den Eltern auch anderes übrig? Ein Kita-Wechsel ist schließlich nicht so leicht möglich.