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11/10/2018 11:07 CEST | Aktualisiert 21/10/2018 12:23 CEST

Kita-Erzieherin: "Warum ich fast verrückt geworden wäre"

"Abends bin ich mit quälenden Gedanken nach Hause gekommen und habe mich gefragt: 'Was habe ich heute eigentlich gemacht?'"

Svenja Häberle ist Erzieherin in einer Kita mit integriertem Kindergarten in Bayern. Vor der Ausbildung freute sie sich auf ihren Beruf - dann kam sie in eine Kita, die ein pädagogisches Konzept verfolgte, an dem sie fast zerbrach.

Ich war 17 Jahre alt, als ich meine Ausbildung zur Erzieherin began. Der Kindergarten, in dem ich in während meiner Ausbildung arbeitete, galt als Regelkindergarten. Das sind Kindergärten mit geschlossenen Gruppen und einem Betreuungsschlüssel von 1:12.

Oben im Video packt eine Kita-Leiterin aus: So chaotisch sind die Zustände in deutschen Kindergärten

Das bedeutet: 25 Kinder in einem Raum mit zwei Erzieherinnen. Jede von uns soll im Durchschnitt auf 12 Kinder aufpassen – was kaum zu schaffen ist.

Das ist für Kinder wahnsinnig anstrengend und für uns Erzieherinnen auch. 

Dazu kommt, dass ich öfter allein für alle Kinder zuständig war. Eine Kollegin entfällt auch mal, ist in einer Besprechung oder im Urlaub. Doch die Betreuung der Kleinen muss trotzdem weiterlaufen.

Zum Hintergrund:

Aktuelle Zahlen des Bundesfamilienministeriums zeigen, dass bundesweit die Anzahl der Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in Kitas im Vergleich zum Vorjahr um 41.500 auf knapp 2,4 Millionen gestiegen ist. Gründe sind unter anderem eine hohe Geburtenrate und die Zuwanderung.

Ich habe an manchen Tagen also 25 Kinder betreut, was einer Tortur gleicht.

Es gibt Kinder, die in die Hose machen, die ich dann umziehen muss. Dann werfen die Kinder Gläser herunter und verschütten Getränke. Oder sie brauchen Hilfe auf dem Klo. Dann muss ich mit den Kindern raus aus dem Gruppenraum und zur Toilette.

Den einzigen Gedanken den ich in solchen Momenten hatte: Sobald ich den Gruppenraum verlasse und in der Zwischenzeit irgendwas passieren sollte, geht es mir an den Kragen. Ich sah mich häufiger schon mit einem Bein in einer Gefängniszelle.

Sean Gallup via Getty Images
(Symbolbild)

Ich habe mich gefragt: “Was habe ich heute eigentlich gemacht?”

Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, dass nichts passiert, die Kinder möglichst leise sind und die Lage für alle Beteiligten ohne Eskalationen auszuhalten ist.

Abends bin ich mit quälenden Gedanken nach Hause gekommen und habe mich gefragt: “Was habe ich heute eigentlich gemacht?” Die Antwort auf diese Frage: Ich bin von einem Eck ins andere gesprungen und die Kinder hatten nichts von mir.

Die müssen dann einfach nur funktionieren. Im Gruppenraum haben sie auch nicht viele Möglichkeiten: Entweder sitzen sie am Tisch oder stehen in einer Ecke und spielen.

Der Gedanke daran, dass die Kinder nichts lernen, hat mich fast verrückt gemacht 

Doch lernen die Kinder dabei gar nichts. Durch die räumliche Trennung zwinge ich die ja maßgeblich dazu, den Raum nicht zu verlassen.

Der Gedanke daran hat mich fast verrückt gemacht.

Schließlich war es genau das, weshalb ich mich für den Beruf entschieden habe. Es hat mir keinen Spaß mehr gemacht. Jeden Abend war ich gestresst von der Arbeit und wusste, dass jeder weitere Tag in dieser Kita eigentlich verlorene Zeit ist.

Deshalb wechselte ich nach drei Jahren den Kindergarten und kam in eine Kita mit einem anderen Ansatz – dem sogenannten offenen Konzept.

Bedeutet: Eine Erzieherin ist für einen Raum zuständig, die Kinder suchen sich selbst aus, was sie gerne machen wollen und in welchen Raum sie dafür gehen.

Seitdem ich in dieser Kita bin, fühle ich mich erst wieder als Erzieherin. Ich habe das Gefühl, die Kinder fühlen sich nicht nur wohl, sondern lernen dabei auch etwas. Schließlich ist der Ansatz, dass die Kinder nur lernen, wenn sie es auch wollen.

(ben)