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20/10/2018 10:01 CEST | Aktualisiert 21/10/2018 16:23 CEST

Kita-Erzieherin: "Kinder haben gestörtes Verhältnis zu Essen – wegen der Eltern"

Viele Eltern erziehen ihre Kinder nach diesem Prinzip: Iss solange, bis der Teller leer ist. Und nicht, bis das Kind satt ist.

Svenja Häberle* ist Erzieherin in einer Kita mit integriertem Kindergarten in Bayern. Sie weiß, dass das Thema Aufessen bei Kindern für große Kontroversen sorgen kann. Sie erklärt, was Eltern für gravierende Fehler machen.

Vor wenigen Wochen hat mich ein TV-Beitrag von “Wallraff deckt auf” auf RTL wirklich schockiert.

Da musste ich mitansehen, wie Erzieherinnen Kinder dazu zwingen, bis zu drei Stunden alleine am Tisch zu sitzen, weil sie ihren Teller nicht leer gegessen haben.

Und es kam mir bekannt vor.

Oben im Video erklärt eine andere Erzieherin: “Das passiert wirklich, nachdem ihr euer Kind in der Kita abgegeben habt”.

Das kenne ich noch aus einer Kita, in der ich früher gearbeitet habe. Da hat meine Kollegin beim Mittagessen immer mit den Kindern geschimpft, dass die alles aufessen müssen. Bei uns war es zwar nicht so extrem wie bei der Kita, welche auf RTL gezeigt wurde.

Dennoch: Es gehörte zur Normalität, dass manche Kinder bis zu einer halben Stunde alleine am Tisch sitzen mussten. So lange, bis der Teller leer war.

Ich finde: Das geht nicht. In der Kita, in der ich jetzt arbeite, steht das Kinderrecht und die Persönlichkeit des Kindes an allererster Stelle. Dort dürfen die Kinder selbst entscheiden, wann und wie viel sie essen.

ullstein bild via Getty Images
Das Thema Ess-Erziehung kann schon mal für Streit sorgen (Symbolbild)

Erwachsene haben vergessen, auf ihr Hungergefühl zu hören

Damit lernen sie früh, wie wichtig ihre eigenen Entscheidungen sind.

Wenn das Kind sagt: “Nein, ich habe keinen Hunger”, dann akzeptieren wir das und übergehen die Meinung nicht.

Oft werden Kinder schon früh falsch von den Eltern konditioniert. Viele Eltern sind Schuld daran, wenn sie ein falsches Essverhalten lernen. 

Nicht nur droht Kindern, die zum Essen gezwungen werden, schon früh Übergewicht: Sie lernen nicht, selbst Entscheidungen zu treffen. Das kann die Entwicklung beinträchtigen.

Das Problem: Erwachsene Menschen haben einfach vergessen, auf ihr Hungergefühl zu hören. Sie glauben: Auch ihre Kinder müssen beim Essen den Mustern folgen, die sie sich selbst auferlegt haben.

Bestes Beispiel ist hier ein Suppenteller-Experiment aus dem Jahr 2016.

Was ist das Suppenteller-Experiment?

Ein Ernährungsforscher aus New York lud Erwachsene als Versuchspersonen zur Verkostung ein. Dabei aßen die Menschen Suppe aus einem Teller, der nie leer wurde. Über eine Schlauchkonstruktion ließ der Forscher immer wieder neue Suppe nachfließen.

Die Versuchspersonen ahnten nichts davon – und aßen und aßen. Das Ergebnis: Im Schnitt nahmen die Erwachsenen 73 Prozent mehr zu sich als das, was sie benötigten, um sich satt zu fühlen.

Viele Eltern erziehen ihre Kinder nach diesem Prinzip: Iss solange, bis der Teller leer ist. Und nicht, bis das Kind satt ist. Obwohl es das Natürlichste ist, so viel zu essen, bis man sich satt fühlt.

Die Kinder zum Essen zu zwingen, ist das Schlechteste, was man machen kann. Man raubt ihnen das natürliche Sättigungsgefühl.

* Der Name der Autorin wurde geändert. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt.

(lp)