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12/06/2018 17:25 CEST | Aktualisiert 14/06/2018 10:24 CEST

Kita-Betreiber Fröbel zeigt sich an – Geschäftsführer erklärt, warum

Es war unser letzter Ausweg.

skynesher via Getty Images
In Brandenburg sind zahlreiche Kita-Betreuer überlastet (Symbolbild). 

Sie sind überlastet, frustriert, verzweifelt – viele Kita-Betreuer in Brandenburg kämpfen tagtäglich mit Arbeitsbedingungen, die sie an ihre Grenzen bringen. Denn teilweise trifft ein Erzieher auf 15 Kinder. Und die vorhandenen Erzieher müssen auf zehn Stunden am Tag verteilt werden. Denn Eltern dürfen diese Betreuungszeit beanspruchen. Doch die Pädagogen werden schlichtweg nur für 7,5 Stunden bezahlt.

►Wie kann das sein?

Das Schlagwort lautet Betreuungsschlüssel. Der Gesetzgeber in Brandenburg schreibt seit 2010 ein Verhältnis von 1 zu 11 vor. Das heißt, ein Betreuer für 12 Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Wie die Erzieher das schaffen sollen, wird ihnen jedoch selbst überlassen. Der Gesetzgeber berücksichtigt nicht, dass mehr Ressourcen gebraucht würden, um diese Vorgaben umzusetzen.

Mehr zum Thema: Demütigende Erziehungsmethoden: So wurden Kinder in einer Hamburger Kita fertig gemacht

Wie weit die Verzweiflung Erzieher bringen kann, bewies kürzlich der überregionale Kita-Träger “Fröbel Bildung und Erziehung GmbH”. Die Firma zeigte sich selbst beim brandenburgischen Bildungsministerium an. Die Begründung: Sie könne “den gesetzlich vorgeschriebenen Betreuungsschlüssel nicht mehr halten“.

Stefan Spieker, Geschäftsführer des Kita-Betreibers Fröbel, erzählt jetzt der HuffPost, wie es zu solch einer drastischen Maßnahme kommen konnte.

Es war ein Hilfeschrei, der alles in Bewegung gesetzt hat.

Ich erinnere mich an diesen kalten Tag im April. Wir hatten einen Termin beim brandenburgischen Bildungsministerium. Dabei ging es unter anderem um einen Brief unserer Kita-Betriebsräte. Das Schreiben sollte deutlich machen: “Wir können nicht mehr! Unsere Mitarbeiter sind völlig überfordert.”

► Und ich bin mir sicher, dass absolut jeder hätte erkennen müssen, dass der Text nichts anderes als ein verzweifelter Hilferuf war.

“Wir müssten die Kita-Aufsicht einschalten”

Doch das Ministerium wollte es nicht wahrhaben. Ganz im Gegenteil.

Anstatt die prekäre Lage zu erkennen und eine Lösung vorzuschlagen, die das Problem beheben könnte, lautete die einzige Antwort von einer Mitarbeiterin aus dem Ministerium: “Nach diesem Brief müssten wir eigentlich die Kita-Aufsicht einschalten.” Das heißt, dass wir mit einer Sanktion hätten abgestraft werden sollen.

Diese Reaktion, diese Ohrfeige, hat uns an unser Limit getrieben. Und schließlich dazu, uns selbst anzuzeigen.

Wir sind einen drastischen Schritt gegangen, ja, aber es hat einfach gereicht. Seit Jahren diskutieren wir, seit Jahren zeigen die Landkreise auf die Kommunen und die zeigen wiederum auf die Länder und dann geht es wieder von vorne los.

Nur merkt die Politik nicht: Das läuft alles auf dem Rücken der Mitarbeiter. Je länger eine Veränderung hinausgezögert wird, je mehr Belastung müssen diese buckeln.

Seit Jahren müssen Erzieher leiden

So richtig die Augen geöffnet hat uns erstmals der jährliche Bildungsmonitor der Bertelsmann-Stiftung. Da sieht man einfach schwarz auf weiß, wie unterschiedlich die Betreuungsschlüssel in den einzelnen Bundesländern sind.

Auch die Erzieherinnen und Erzieher konnten lesen, dass in Cottbus der Betreuungsschlüssel für unter Dreijährige bei 1 zu 7,2 liegt und für über Dreijährige bei 1 zu 13,6 – das heißt, auf 7,2 oder 13,6 Kinder kommt ein Betreuer. In Frankfurt am Main zum Beispiel muss ein Betreuer sich nur um etwa 3,6 Krippenkinder kümmern.

►Da denkt man sich doch: “Hallo, die haben doppelt so viele Erzieherinnen und Erzieher, um die gleichen Aufgaben zu erfüllen. Was passiert hier?”

Und vor allem, wieso passiert nichts, wenn der Arbeitsalltag die Betreuer an ihre Grenzen bringt. Oft bleiben alle Aufgaben an einer Person hängen. Das Thema frühkindliche Bildung rückt damit in den Hintergrund.

Wenn man sich um ein Kind kümmern möchte, weil es weint, aber gleichzeitig 15 andere im Blick haben muss. Wenn das den Alltag gestaltet, dann ist es nicht verwunderlich, dass es irgendwann auf den Rücken geht, auf den Magen schlägt oder das Herz sowie die Psyche belastet.

Wir wollten den Mitarbeitern helfen

Regelmäßig bekomme ich von den Betriebsräten zu hören: “Sagt mal, Fröbel, ihr macht tolle Veranstaltungen, geht einmal im Jahr zu diesem Bildungspolitischen Forum im Deutschen Bundestag, habt hochrangige Vertreter in den Gremien, die auch im Bundestag sitzen – nur, was kommt davon bei den Mitarbeitern an?”

► Das bewegt mich. Das bewegt uns.

In Berlin gab es gerade ein Gerichtsurteil, dass eigentlich eine Verbesserung des Personalschlüssels vorgesehen hatte. Doch das Gericht hat mehr oder weniger verlangt, dass der Personalschlüssel zurückgenommen werden sollte, weil es ja ‘früher auch irgendwie ging’.

Mehr zum Thema: In Deutschland fehlen fast 300.000 Betreuungsplätze für Kleinkinder

Dieses ‘Früher ging es irgendwie’, das berücksichtigt überhaupt nicht, dass die Anforderungen an frühkindliche Bildung einfach immer größer werden.

Und das sind Anforderungen aller Art, die wir mit derselben Anzahl an Mitarbeitern leisten müssen. Sei es die Impfberatung der Eltern, Tipps für bestimmte pädagogische Themen oder die Sprachförderung, die es nun mal braucht, weil wir viele Kinder mit Migrationshintergrund bekommen. Auch Kinder mit Fluchthintergrund, die traumatische Erlebnisse mit sich bringen, brauchen eine ganz andere Betreuung und Intensität.

► Das war früher einfach nicht so. Und das ärgert mich.

Wir hatten alles versucht

Es ist nicht so, als hätten wir nicht alles versucht. Wir sind gefühlt von Pontius zu Pilatus gelaufen. Wir haben versucht, mit den Kommunen zu sprechen. Das Land tut ja momentan nichts anderes als zu sagen: “Ihr könnt ja Recht haben, aber wenn dann ist euer Ansprechpartner die Kommune.”

In Potsdam, zum Beispiel, konnte auch etwas bewegt werden. Die Stadt hat gewährt, dass die zehn Stunden Betreuungszeit auch bezahlt werden. Jedoch nur in Potsdam.

In Cottbus herrscht beispielsweise eine andere Regelung. Diese Kommune steht unter Haushaltsaufsicht und muss sich alles vom Innenministerium freigeben lassen.

“Was? Das macht ihr wirklich?”

Mit der Selbstanzeige sind wir dann in die Offensive gegangen. Wir wollten ein politisches Zeichen setzen.

Natürlich war mir klar, dass die Selbstanzeige den Druck erhöht, wir werden beobachtet werden – und unsere Mitarbeiter wussten das auch.

Bei den Betreuern gab es anfänglich erst ein kurzes Staunen, ein kurzes Schweigen und dann eine große Begeisterung. Und schließlich eine große Dankbarkeit dafür, dass wir mit so einem Engagement an das Thema herangegangen sind.

Politiker und Eltern sind die wichtigsten Bausteine

Uns ist wichtig, dass sich gerade die Politiker der Regierungsparteien einen Ruck geben und sagen “So, wir wollen dieses Problem lösen und wir wollen den Personalschlüssel ehrlich anpassen”.

► Und natürlich müssen wir auch die Eltern einbeziehen.

Wir sind eine Demokratie. Und eine Demokratie funktioniert dadurch, dass Menschen sich für ein Anliegen, für ein Bedürfnis mobilisieren. Wenn Eltern feststellen, dass die Ressourcen nicht ausreichen, dann sind sie der wichtigste Hebel, um die Politik dazu zu bewegen, etwas zu tun.

Eltern müssen verstehen, dass es um ihre Kinder geht.

Für die Zukunft wünsche ich mir Einigkeit

Nach diesem wagemutigen Schritt wünsche ich mir, dass eines Tages der Personalschlüssel tatsächlich den Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung entspricht.

Doch bis dahin gibt es noch viel Luft nach oben. Der Schritt, den wir in Brandenburg jetzt gehen, ist ein Schritt in Richtung unteres Mittelfeld der gesamten Bundesländer, was die Betreuungsintensität angeht.

Wenn wir wissen, was die Bertelsmann-Stiftung als Standard fordert, wäre es mein Traum, diese Standards in der Realität umzusetzen.

Das Gespräch wurde von Nadine Cibu geführt und als Text verfasst.

(ks)