GOOD
29/03/2018 10:07 CEST | Aktualisiert 29/03/2018 20:59 CEST

Kioskbesitzer aus Hamburg: Ich verkaufe keine Dinge, sondern etwas viel Wertvolleres

Die Menschen stehen bei ihm Schlange.

Global Citizen / Jana Sepehr
Christoph Busch vor seinem Kiosk in Hamburg
  • Christoph Busch hat einen Kiosk in einer Hamburger U-Bahn-Station
  • Doch statt Dinge zu verkaufen, bietet er sein offenes Ohr an

“Das Ohr” heißt der Bahnhofskiosk von Christoph Busch. Es ist nicht irgendein Kiosk und Busch auch nicht irgendein Verkäufer.

Busch, 71 Jahre alt, Hör- und Drehbuchautor, zweimal für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, verkauft in seinem Laden keine Ware.

Das Einzige, was er gibt, ist seine Zeit. Und die bekommt jeder kostenlos.

So richtig durchgedacht hatte Busch das Projekt zu Beginn eigentlich nicht. Es war vielmehr ein Schnellschuss: Als Busch mit der U-Bahn an der Haltestelle Emilienstraße in Hamburg vorbeifuhr und eines Tages das “zu vermieten”-Schild entdeckte, fühlte er sich angesprochen.

Am Telefon erfuhr er, dass der Kiosk noch zu haben sei. “Da habe ich zuerst einen Schreck bekommen”, sagt Busch. “Ich wusste gar nicht, was ich damit sollte.”

Aber er ließ sich treiben von der Idee, hier Menschen Willkommen zu heißen, die ihm Geschichten aus dem Leben erzählen möchten.

Fremde vertrauen dem Kioskbesitzer ihre Geschichten an

Er mietete den Glaskasten, dekorierte die Regale mit eingerahmten schwarz-weiß Bildern, einem pinken Einhorn und klebte Werbeplakate an die Scheiben, darauf seine Telefonnummer und die Sprechzeiten.

► Seit Wochen nehmen junge und alte Menschen, Männer und Frauen, in seinem Kiosk Platz und vertrauen Busch ihre Geschichten an.

Sie handeln von Liebeskummer oder Familiendramen, von traumatischen Kindheitserfahrungen und Depressionen.

“Zuhören wird meist mit Unglück verbunden”, sagt Busch. Denn in unserer heutigen Gesellschaft würde von jedem verlangt werden, permanent fröhlich zu sein und bis über beide Ohren zu grinsen.

Ich bin kein Psychologe und kein Therapeut, aber genau das finden viele gut.

“Du giltst als arme Sau, wenn du dein Unglück los wirst. Dabei gehört traurig sein zum Leben dazu.”

Mehr zum Thema: 8 Modelabels, die die Welt zu einem besseren Ort machen

► Das Besondere bei seinem Experiment sei, dass sich am Anfang zwei Fremde gegenübersitzen. “Es gibt noch keine Gewohnheiten, keine zwischenmenschlichen Muster”, sagt Busch.

Es entsteht ein Gefühl von Nähe

Man begibt sich gemeinsam auf eine neue Reise in die Vergangenheit und in die Welt der eigenen Gefühle. Während vieler Gespräche entstünde ein Gefühl von Nähe – “und manchmal wechseln wir dann auch zum Du.”

Am Schluss der Begegnung, wollen viele Besucher in den Arm genommen werden.

Auch Busch, so scheint es, mag die menschliche Nähe, ist neugierig auf all die Geschichten und genießt es, wenn unbekannte Seelen sich ihm anvertrauen.

“Ich bin kein Psychologe und kein Therapeut, aber genau das finden viele gut”, sagt Busch. Er gibt den meisten einen Rat mit auf den Weg, aber eben nicht als Therapeut, sondern als Christoph Busch.

Mehr zum Thema: Diese 5 Hürden gilt es zu bezwingen, damit Mädchen ihr Potenzial entfalten können

Busch spricht dieser Tage nicht nur mit fremden Menschen, sondern auch mit vielen Journalisten, die regelrecht Schlange stehen. So richtig kann sich Busch den Hype um seine Person und den Zuhör-Kiosk nicht erklären.

Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr Mut haben.

“Manchmal denke ich: Das ist doch crazy. Irgendwas stimmt doch nicht.”

Er spricht trotzdem mit jedem, der etwas wissen möchte. Auch, um seinen Appell loszuwerden: “Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr Mut haben.”

► Mut, mit Fremden zu sprechen, Unglück mit anderen zu teilen, einander in die Augen zu schauen – und das nicht über Skype, sondern in direkten Begegnungen.

Der Beitrag stammt von Global Citizen und wurde dort zuerst veröffentlicht. Global Citizen ist eine globale Bewegung junger, engagierter Menschen, die die drängendsten Herausforderungen unserer Zeit bewältigen wollen. Mehr erfahren könnt ihr auf www.globalcitizen.org/de, aktiv werden und euch für eine bessere Welt für alle stark machen.

(ujo)