ELTERN
25/10/2018 12:53 CEST | Aktualisiert 25/10/2018 14:25 CEST

Der Film "Elternschule" zeigt, dass nicht alle Kinder gleich viel wert sind

Experten sehen im Film "Elternschule" klare Belege für emotionale Gewalt gegen Kinder.

Im Video oben seht ihr den Trailer zu dem Dokumentarfilm “Elternschule”.

Während ich im Kino sitze und darauf warte, dass die Vorstellung des Dokumentarfilms “Elternschule” beginnt, wandert mein Blick durch die Reihen des kleinen Saals. Es überrascht mich, dass hauptsächlich ältere Menschen gekommen sind, um sich den derzeit vielleicht umstrittensten Dokumentarfilm anzusehen.

Außer mir sind nur drei Frauen anwesend, die jung genug sind, um kleine Kinder zu haben. Der Saal ist etwa zur Hälfte gefüllt.

Dann wird es dunkel und der Film beginnt.

Ich bin die Einzige, die Kinder in Not sieht

Zu sehen sind verhaltensauffällige Kinder und ihre verzweifelten Eltern. Kinder, die stundenlang schreien, kaum schlafen oder nur Fastfood essen wollen. Es sind Kinder und Eltern am Rande der Erschöpfung. Der Film zeigt, wie sie in die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen kommen, um sich von den Psychologen der Station Pädiatrische Psychosomatik helfen zu lassen.

Die Kinder durchlaufen dort ein Schlaf-, Ess-, und Trennungstraining, während ihre Eltern lernen sollen, konsequent zu bleiben und Grenzen zu setzen.

Die gezeigten Methoden schockieren mich. 

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► Ich sehe Kinder, die von Krankenschwestern mit aller Kraft festgehalten werden, während sie lernen sollen, “normal” zu essen.

► Ich sehe Kleinkinder, die in Betten mit hohen Gitterstäben in einen dunklen Raum geschoben werden, um zu lernen, alleine ein- und durchzuschlafen.

► Ich sehe Kinder, die in einem Raum mit fremden Menschen zurückgelassen werden, die nicht einmal einen Versuch unternehmen, die Kinder zu trösten.

Es dauert nicht lange, bis mir die ersten Tränen übers Gesicht laufen. Doch in diesem Kinosaal bin ich ganz offensichtlich die Einzige, die hier Kinder in Not sieht. 

Sprechen wir hier von Kindern zweiter Klasse?

Während ich bestürzt bin, weil ich dabei zusehe, wie Kindern im Rahmen eines Therapiekonzepts meiner Meinung nach Gewalt angetan wird, sind viele andere Zuschauer offenbar angetan. Während ich weine, wird neben mir gelacht.

Über Kinder, die sich scheinbar bockig verhalten. Kleine “Tyrannen”, die ihren Eltern den letzten Nerv rauben. Die “alle richtig Gas geben können”, wie Therapeut Dietmar Langer an einer Stelle zum Besten gibt.

Es ist grotesk.

Während ich dort im Dunkeln sitze, frage ich mich, wie das möglich ist. Warum wird es von einer breiten Öffentlichkeit offenbar gut geheißen, Kinder zu maßregeln, sie gefügig zu machen, oder auch “führbar”, wie Langer es im Film nennt.

Warum finden so viele Menschen es völlig in Ordnung, erzieherische Gewalt anzuwenden?

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Ein Argument, das sich in Kommentaren in den sozialen Medien immer wieder findet, ist, dass es sich bei den im Film gezeigten Kindern um kranke Kinder handelt. Um Kinder, die völlig aus der Bahn geraten sind und deshalb Härte benötigen würden. Verhaltensgestörte Kinder eben.

Der Regisseur Ralf Büchele argumentiert, dass viele Menschen glaubten, “Therapie müsse nur schön sein. Die Familien, die wir begleitet haben, sind aber in absoluten Notsituationen. Kein ambulantes Angebot konnte ihnen mehr helfen. Dann ist Therapie nicht mehr nur schön.” 

Ich wundere mich darüber, denn: Heißt das, dass diese Kinder schlechter behandelt werden dürfen, weil sie krank sind? Heißt das, dass sie es nicht anders verdient haben?

Sprechen wir hier von Kindern zweiter Klasse?

“Das ist ein Rückfall in die alten Zeiten schwarzer Pädagogik”

Der Bindungsforscher und Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch findet diese Argumentation “schrecklich”, wie er im Gespräch mit der HuffPost betont. Dass die Familien in Not sind, sei keine Frage. Doch die Störungen, mit denen die Kinder in die Klinik kommen, seien chronisch und nicht akut. 

“Diese Kinder haben ihre Ess- oder Schlafstörungen schon lange. Und das bedeutet, dass man sich diesen Problemen in aller Ruhe annehmen und prüfen kann, wo ihr wahrer Ursprung liegt.”

Aus Sicht des Bindungsforschers gibt es gute, bindungsorientierte  Möglichkeiten, feinfühlig therapeutisch mit solchen Störungen umzugehen. Brisch leitet die Abteilung Kinderpsychosomatik im Dr. von Haunerschen Kinderspital an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

“Wir machen das auch sehr erfolgreich. Aber nicht, indem wir Mütter, Väter und Kinder in Angst und Schrecken versetzen.”

Nachdem ich den Film gesehen hatte, war ich sehr betroffen und auch etwas geschockt von dieser doch sehr deutlich dokumentarisch gefilmten emotionalen Gewalt. Heinz Brisch, Kinderpsychiater

Es gibt jedoch auch Experten, die der Ansicht sind, dass die im Film gezeigte Härte gegen die Kinder gerechtfertigt ist. Die WAZ zitiert beispielsweise Silvia Schneider von der Ruhr-Uni Bochum. Die Professorin sagt: “Die Therapeuten setzen durch, was Eltern nicht mehr können. Es ist hart, wenn man die Bilder sieht, aber manchmal hilft Liebe allein leider nicht.”

Das mag sein. Aber nicht wenige Experten sehen hier eine klare Verletzung der Kinderrechte.

Zu diesen Experten gehört auch Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes: “Kinder haben das Recht auf gewaltfreie Erziehung“, sagte er. Es sei nun an den Ärztekammern zu prüfen, “ob es mit der ärztlichen Ethik vereinbar ist, dass Kinder als kleine Monster dargestellt werden und Eltern als unfähig. Die Kinder werden das ihr Leben lang nicht mehr los.”

Auch Kinderpsychiater Brisch bezieht klar Stellung: “Nachdem ich den Film gesehen hatte, war ich sehr betroffen und auch etwas geschockt von dieser doch sehr deutlich dokumentarisch gefilmten emotionalen Gewalt”, sagt er der HuffPost. 

“Das ist ein Rückfall in die alten Zeiten schwarzer Pädagogik”, kritisiert er. Weiter erklärt er: 

“Kinder, die ein Schlaf-/Angst-Problem haben, in einen dunklen Raum zu sperren, sie in Panik weinen zu lassen und dem Kind zu sagen, es kommt keiner heute Nacht – außer, dass die Nachtschwester mal zur Kontrolle zum Kind reinschaut – sei grausam. Nach 3 Tagen schlafen die Kinder durch, weil sie resignieren, und alle Gefühle von Angst und Panik unterdrücken mussten, um diese nicht mehr wahrzunehmen.”

“Emotionale Gewalt schadet der Entwicklung von Kindern”

Sicher ist: Der Film “Elternschule” spaltet die Gemüter. Was die einen als grausam empfinden, feiern andere als Erfolg. Denn schließlich funktioniert es ja. Die umstrittenen Behandlungsmethoden, mit denen die Klinik in Gelsenkirchen arbeitet, scheinen die gewünschten Effekte zu bringen: 

Die Kinder schlafen plötzlich zwölf Stunden am Stück durch, essen, was ihnen vorgesetzt wird und lassen sich “führen”. Was dem Film jedoch fehlt, ist der kritische Blick und die Frage, zu welchem Preis dieses Konzept aufgeht. 

Angstmachende Therapien funktionieren”, sagt Brisch. ”Aber sie hinterlassen als Erfahrung emotionale Spuren bei den Kindern. Und das sind Spuren von emotionaler Gewalt, die sie erlebt haben. Das benenne ich ganz eindeutig so.”

Diese emotionale Gewalt kann Kindern erheblichen Schaden zufügen:

“Emotionale Gewalt, die in dem Film klar zu sehen ist, schadet der Entwicklung von Kindern. Das ist wissenschaftlich gut dokumentiert, in vielen internationalen Studien. Längsschnittstudien zeigen, dass die Kinder dann später bis ins Erwachsenenalter emotionale Ängste, Störungen, Schwierigkeiten in Beziehungen haben und es ihnen auch schwerfallen kann, anderen Menschen zu vertrauen.”

In ihrer Not geben die Kinder Ruhe

Der bekannte Kinderarzt Herbert Renz-Polster ist ebenfalls über die in “Elternschule” gezeigten Behandlungsmethoden entsetzt. In insgesamt drei ausführlichen Kommentaren erläutert er, warum das Programm der Gelsenkirchener Klinik mehr als kritisch betrachtet werden muss. 

Während Psychologe Dietmar Langer, der das Konzept mit entwickelt hat, sich in der “Süddeutschen Zeitung” mit Heilungsquoten von 85 bis 87 Prozent rühmt, sieht Renz-Polster keineswegs eine Heilung der Kinder. Über den angeblichen Erfolg der Therapie schreibt er:

“Ja, die Kinder hören irgendwann auf zu protestieren, und das schreiben sich die Verfechter des Gelsenkirchener Programms als Erfolg zu.

Aber Hand aufs Herz: Welche andere Wahl haben die Kinder denn?

Im menschlichen Programm zum Umgang mit Notsituationen stehen zwei Optionen zur Verfügung: Weglaufen oder kämpfen. Wenn aber beides nicht geht, greift das alte Säugetierprogramm: sich ducken, still werden, Energie sparen. Biologen nennen es Schutzstarre. Also: aus Not Ruhe geben.”

Die Kinder hören nicht auf, nach ihren Eltern zu schreien, weil sie gelernt haben, ihren Stress zu regulieren. Sie hören auf zu schreien, weil sie aufgeben müssen

Kinder mit leerem Blick 

Ganz ähnlich sieht es auch Brisch:  

Natürlich sind die Eltern froh, wenn die Kinder am Ende des Films durchschlafen. Aber der Film dokumentiert so gut, wie die Kinder danach abgeschaltet sind. Wie sie mit leerem Blick in die Kamera schauen. Wir nennen das Dissoziation. Abschalten von allen Gefühlen.

Es ist erschreckend zu sehen, dass das jetzt ein emotional ganz anderer Zustand des Kindes ist. Den Kindern geht es nicht gut. Die Kinder haben eine massiv emotionale Stresserfahrung, durch die sie durch müssen und aus der sie alleine nur schwer oder gar nicht herauskommen. Schließlich können sie nicht die Polizei rufen und sagen, ‘wir müssen hier raus’.”

Ich frage mich: Warum sehen manche Menschen – und sogar einige Ärzte und Psychologen – nicht, dass hier offenkundig Gewalt gegen Kinder gezeigt wird?

Warum finden einige Zuschauer es sogar amüsant, wenn die Kinder mit aller Kraft zu demonstrieren versuchen, dass sie in Not sind und dringend ihre Bezugsperson brauchen, um sich wieder sicher zu fühlen? 

Wir müssen unser Handeln immer wieder hinterfragen

Eines hat der Film “Elternschule” mir jedenfalls gezeigt: Es steht schlecht um Kinder in diesem Land. Ein großer Anteil der Deutschen hat kein gutes Bild von Kindern. Viele glauben, dass Kinder manipulativ oder gar bösartig sind. Dass sie Grenzen testen, nur um den Machtkampf gegen ihre Eltern zu gewinnen. Dass sie absichtlich gegen die Erwachsenen arbeiten. 

Im Film spricht Langer von der gut gefüllten “Trickkiste”, aus der die Kinder sich bedienen, um ihren Willen zu bekommen. Doch selbst wenn das so sein sollte – und nicht wenige Experten sind der klaren Ansicht, dass es nicht so ist – kann die Antwort darauf nicht Gewalt sein. 

Kinder können sich nicht gegen die Maßnahmen wehren, mit denen sie gefügig gemacht werden sollen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir im Umgang mit ihnen immer wieder die Perspektive wechseln und unser Handeln hinterfragen.

Der bekannte Familientherapeut Jesper Juul hat dies in seinem Buch “Vier Werte, die ein Kind ein Leben lang tragen” auf eine einfache Formel gebracht. Er schreibt:  

“Wenn Sie in Erwägung ziehen, Ihrem Kind gegenüber irgendeine ‘Methode’ anzuwenden, dann überlegen Sie zuerst, ob Sie etwas Entsprechendes mit Ihrem Partner tun würden. Lautet die Antwort Nein, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine schlechte Idee – es sei denn, Sie würden zu jenen Erwachsenen gehören, die immer noch nicht einsehen wollen, dass es sich bei Kindern um richtige Menschen handelt.”

(nc/ben)