ELTERN
17/10/2018 10:59 CEST | Aktualisiert 23/10/2018 09:17 CEST

Kinofilm "Elternschule": Tausende Eltern sind entsetzt – ein Kinderarzt schlägt Alarm

"Schämen sollten wir uns, dass wir ‘das Geheimnis der guten Erziehung’ wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen."

  • Seit dem 11. Oktober läuft in ausgewählten Kinos der Dokumentarfilm “Elternschule”, im Video oben seht ihr den offiziellen Trailer.
  • Der Film handelt von einer Kinderklinik in Gelsenkirchen, in der verhaltensauffällige Kinder therapiert werden. 
  • Während die Presse den Film lobt, sind viele Eltern über die propagierten Erziehungsmethoden entsetzt.

Ein Kind zeigt der Kamera einen Stinkefinger. Ein anderes Kind versteckt sich in einer Ecke, schlägt mit Händen und Füßen um sich. Kinder kreischen, Kinder weinen. Mit diesen Szenen werden Zuschauer auf den Dokumentarfilm “Elternschule” (Kinostart war am 11. Oktober) eingestimmt.

Der Trailer zeigt verhaltensauffällige Kinder, ihre verzweifelten Eltern, die sich an die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen wenden und den Psychologen Dietmar Langer, der Kinder und Eltern dort durch sein selbstentwickeltes Therapieprogramm führt.

Drei Wochen lang lernen Eltern dort, was angeblich “gute Erziehung” ist. Die Kinder werden mit teils radikalen Maßnahmen dazu gebracht, “ihren Stress zu regulieren”. Mit anderen Worten, zu tun, was die Erwachsenen von ihnen verlangen.

Zu den Maßnahmen gehören Schlaftraining, Esstraining, Trennungs-Training. Die Eltern sollen lernen, sich durchzusetzen gegen ihre kleinen “Tyrannen” und “Prinzessinnen”.

Essen im Schwitzkasten

Kinder werden dort von Krankenschwestern im Schwitzkasten gehalten, um essen zu lernen. Damit sie lernen, allein einzuschlafen, werden die Kleinen in Betten mit hohen Gitterstäben in einen dunklen Raum geschoben. Ihre Trennungsangst sollen sie überwinden lernen, indem sie einfach von ihren Eltern getrennt und in einem Raum mit fremden Menschen zurückgelassen werden, die nicht einmal einen Versuch unternehmen, die Kinder zu trösten.

Auch die Eltern werden trainiert. Zum Beispiel sollen Mütter lernen, hart zu bleiben und nachts nicht nach ihren Kindern zu sehen.* 

Medien jubeln, Eltern sind empört

Die “Süddeutsche Zeitung” schreibt über den Dokumentarfilm von Jörg Adolph und Ralf Bücheler: “Für jeden, der selbst Kinder hat, ein Muss.” Und: “Ein Einblick in eine verunsicherte Gesellschaft, die sich mit Autorität schwertut und ihren Instinkten kaum noch traut.”

Der Bayerische Rundfunk ist der Ansicht, dass der Film zeige, wie ganzheitliches Verhaltenstraining mit Psychotherapie und Erziehungscoaching funktionieren kann“. Das sei ein “kraftvoller Blick auf die Suche nach einer guten Erziehung”.

Der WDR zeigt den Trailer unter der Überschrift: Filmdoku “Elternschule. Das Geheimnis guter Erziehung”. 

Und die “Zeit” schreibt etwas nüchterner, aber dennoch positiv: “Eltern, die diesen Film sehen, werden sich hinterfragen.

Während “Elternschule” in der Presse offenbar Anklang findet, sind viele Eltern über den Film entsetzt. In den sozialen Medien empören sich zahlreiche User über die veralteten Methoden, mit denen die Kinder in der Gelsenkirchener Klinik “geradegebogen” werden sollen. Es gibt nicht nur Hashtags, die ein Verbot des Films fordern. Auch eine Petition, die ein Austrahlungsverbot fordert, hat bereits über 10.000 Unterstützende. 

Kinder werden als bösartige, manipulative Kreaturen dargestellt

Ein Satz aus dem Film wird auf Instagram und Co. immer wieder zitiert: “Kinder müssen die Führung ihrer Eltern körperlich spüren.”  

Das Therapiekonzept, das in jahrzehntelanger Arbeit in der Klinik entwickelt worden ist, basiert offenbar auf uralten Erkenntnissen über das Verhalten von Kindern. Sie werden als bösartige, manipulative Kreaturen dargestellt, die von ihren Eltern durch klare Grenzen und Regeln dazu dressiert werden sollen, in der Gesellschaft zu funktionieren.

Da fragt man sich: In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Es gibt längst wissenschaftliche Studien, die belegen, dass zum Beispiel das “kontrollierte Schreienlassen” schlimme psychische und körperliche Folgen für die Kinder haben kann.

Es ist aus evolutionärer Sicht auch einleuchtend und sinnvoll, dass Kinder nicht alleine einschlafen oder durchschlafen. Sie haben die Wärme und die Nähe zu ihren Eltern immer schon gebraucht, um zu überleben. Warum sollte man dieses Grundbedürfnis zum Anlass nehmen, ihnen Manipulation und Bösartigkeit zu unterstellen?

Es gibt Studien, die belegen, dass Kinder von Natur aus gut, hilfsbereit und kooperativ sind. 

Und dass man kein gesundes Essverhalten bei einem Kind erreicht, indem man es grob festhält und ihm ungefragt den Löffel in den Mund schiebt, liegt auch eigentlich auf der Hand – oder etwa nicht?

Wo bitte bleibt der Aufschrei?!

Wo bleibt der Aufschrei? Wer setzt sich für die Kinder ein, die sich nicht selbst gegen diese Maßnahmen wehren können?

Der bekannte Kinderarzt Herbert Renz-Polster ist nicht nur entsetzt über die Therapieformen, die in dieser Klinik zum Einsatz kommen und die, wie er in einem ausführlichen Kommentar schreibt, auch in der Fachwelt umstritten sind. Er ist auch wütend darüber, dass der Film nicht auf mehr Gegenwind stößt.

Er schreibt: “Schämen sollten wir uns dafür, dass dieser Film in unserer Gesellschaft nicht mehr Widerspruch bekommt. Schämen sollten wir uns, dass wir ‘das Geheimnis der guten Erziehung’ wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen. Schämen sollten wir uns, dass DAS die Hilfe ist, die wir den in Not geratenen Familien anbieten.”

Kinder in schwerer Not

Diese “Hilfe” wird in der Gelsenkirchener Klinik als “ganzheitliches Verhaltenstraining” bezeichnet. Die Eltern sollen lernen, wieder Chef zu sein. Es geht hier nicht darum, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und sie wie gleichwertige Menschen zu behandeln. Sondern es geht um Unterwerfung.

Renz-Polster schreibt: “Ich kann zu dem Film nur das sagen: Ich sehe hier Kinder in schwerer Not. Ich sehe Mütter und Väter in schwerer Not. Ich sehe keine echten Beziehungen, ich sehe Kampfbeziehungen. (...)

Ich sehe in dem Film Kinder, denen es an emotionaler Sicherheit fehlt, an Wertschätzung, an Nestwärme. Ich sehe Familien, die diesen wichtigsten Geleitschutz für die kindliche Entwicklung nicht geben können.

Kinder, die ein solches Gefühl von Heimat haben, verhalten sich nicht so wie die in dem Film gezeigten Kinder. Kinder, die sich wohl in ihrer Haut fühlen und denen ihre Eltern ‘mit gutem Mut’ begegnen können, sind im Grunde ihres Herzens gut-mütige Kinder.

Kinder haben in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung

Besonders problematisch ist laut Kinderarzt Renz-Polster auch, wie sehr der Film “Elternschule” erzieherische Gewalt glorifiziere.

“Man darf Kinder zum Essen zwingen, nur weil man einen Kittel anhat? Und man darf das in einem Kinofilm als die richtige Erziehung von Kindern darstellen? Heute, wo wir Kindern ein Recht auf gewaltfreie Erziehung zusprechen? Müsste nicht gerade das Fachpersonal das Kindeswohl thematisieren?

Kinder haben in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. “Die Würde des Menschen ist unantastbar”, heißt es im ersten Artikel unseres Grundgesetzes. Kinder sind auch Menschen und Kinder haben auch Rechte. Doch man kann den Eindruck gewinnen, dass diese Rechte hier nicht viel zählen. 

Gewalttätige Erziehungsmethoden werden gar nicht hinterfragt

In “Elternschule” wird suggeriert, dass gewalttätige Erziehungsmethoden bei Kindern “funktionieren”. Eltern wird der Eindruck vermittelt, dass es richtig sei,  hart zu bleiben, auch wenn es sich nicht richtig anfühlt. Die Zuschauer sehen Eltern, die lernen sollen, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu ignorieren und ihre kleinen Persönlichkeiten zu brechen.

Und das Schlimmste ist, dass die Kinozuschauer am Ende des Films den Eindruck vermittelt bekommen, dass diese Art von Erziehung für die Kinder gut ist.

Eine Mutter schreibt auf Instagram:

“Was sieht der normale Kinobesucher? Verzogene Kinder, überforderte Eltern, einen emphatischen und helfenden Psychologen, der seine Ansätze gut erklären kann und ein Konzept, das offensichtlich hilft. Ja klar, am Ende des Films essen die Kinder, sie schlafen (alleine versteht sich) und sie sagen in einem Interview ‘Ja, ich höre ab jetzt zuhause auf Mama’. Glückliche und dankbare Eltern. Da sollte es dann wohl auch nicht verwundern, dass das Publikum laut applaudiert nach dem Film, schreiende und verzweifelte Kinder während des Films laut ausgelacht werden und der Psychologe mit Dankbarkeit überschüttet wird.” 

Protestwelle in den sozialen Medien

Doch inzwischen ist in den sozialen Medien eine Welle der Empörung losgebrochen. Eine Vielzahl von Eltern empfindet das, was in “Elternschule” gezeigt wird, als Gewalt gegen Kinder. Leider haben einige auch mit Gewalt darauf reagiert: “Wir wurden an den Galgen gewünscht und in die Folterklinik. Von einem Kinder-KZ war die Rede”, sagt Ralf Bücheler, einer der Regisseure, der “Süddeutschen Zeitung”.

Die Facebook-Seite des Films ist inzwischen geschlossen worden, die Kommentare seien nicht länger moderierbar gewesen, sagte der Regisseur. 

Solche Beschimpfungen sind unangebracht und sie fördern auch nicht gerade eine Diskussion auf Augenhöhe. Das ist schade. Genau das kann man aber auch über fast jeden Bericht in überregionalen Medien sagen, der bisher zu dem Film erschienen ist. 

Dass die Behandlungsmethoden, die in dem Film gezeigt werden, umstritten sind, wird nicht erwähnt. Dass in dem Film Praktiken gezeigt werden, die durchaus als erzieherische Gewalt betrachtet werden können, wird einfach so hingenommen. 

“Eltern werden zum Narren gehalten”

Stattdessen schreibt beispielsweise die “Süddeutsche Zeitung”, dass es hilfreich sei, das Thema Erziehung weniger dogmatisch zu betrachten:

“Das schließt Liebe und Nähe zum Kind, das Wahrnehmen seiner Bedürfnisse nicht aus – im Gegenteil. Zu den Bedürfnissen eines Babys könnte es beispielsweise gehören, liebevoll an Schlafrhythmen gewöhnt zu werden.”

Doch von liebevoller Gewöhnung an einen Schlafrhythmus kann nicht die Rede sein, wenn Kinder in einer fremden Umgebung von ihren Eltern getrennt und in einem gefängnisartigen Gitterbett allein gelassen werden. 

In einem zweiten Kommentar zu dem Film beschreibt Kinderarzt Renz-Polster die Szene, die viele Eltern als verstörend empfinden: 

“Das Baby wird in einem Klinik-Gitterbett mit extrahohen Gittern in ein leeres Klinikzimmer geschoben. Die Gitter werden hochgezogen, das Kind verabschiedet (‘schlaf gut, Baby’, oder so was in die Richtung). Der Raum wird nun komplett abgedunkelt, die Tür verschlossen. Bis zum nächsten Morgen wird dieses Kind keine andere menschliche Interaktion erleben als kurze, sachliche medizinische Kontrollen durch die Nachtschwester, mit der Taschenlampe. Seine Mutter (von der dieses Kind vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben längere Zeit getrennt sein wird) wird nicht erscheinen, auch sonst wird niemand auf das Schreien des Kindes persönlich reagieren. Diese Behandlung wird Nacht für Nacht so lange fortgeführt, bis das Kind eben seinen Schlafrhythmus erlernt hat (oder was auch immer).

DAS ist es, was ich meine. Jeder kann sich hinter Begriffen wie ‘Grenzen setzen’ oder ‘liebevoll-konsequenter Erziehung’ schön verstecken. Nur: damit werden die Eltern doch in Wirklichkeit zum Narren gehalten.”

Im Interview mit dem WDR verteidigt Psychologe Langer die Methoden seiner Klinik: “Solange das Grenzensetzen in liebevoller Atmosphäre geschieht – und dazu leiten wir die Eltern hier an, zu einer liebevoll-konsequenten Erziehung – sehen wir die Grenzsetzung als unkritisch.”

Doch eine liebevolle Behandlung der Kinder sehen viele hier nicht.

Auf die Vorwürfe angesprochen, dass es sich bei einigen Therapieformen um Gewalt gegen Kinder handeln könnte, antwortet die Gelsenkirchener Klinik ausweichend. Man sei über die durchweg positive Resonanz der Zuschauer erfreut. Viele Redaktionen hätten sich kritisch mit dem Film auseinandergesetzt und seien zu positiven Bewertungen gekommen. 

Es bleibt nur zu hoffen, dass Eltern sich durch diesen Film nicht verunsichern lassen und die dargestellten Methoden zumindest hinterfragen. 

“Glücklicherweise sind die meisten Eltern in Sachen Erziehung längst weiter”, schreibt Kinderarzt Renz-Polster. “Dass Kinder nicht deshalb ‘unmöglich’ sind, weil ihre Eltern vielleicht vergessen haben, die Regeln zu erklären, das wissen die allermeisten. Und dass Eltern nur dann mit großzügigen, gutmütigen Kindern rechnen können, wenn sie selbst großzügig und gutmütig sind, das wissen die meisten Eltern.

Hoffentlich hat er damit Recht.

(ben)

*Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes stand, dass Mütter lernen sollen, ihre Kinder “kontrolliert schreien zu lassen”. Auch wenn dieser Eindruck entsteht, wird eine solche Szene nicht explizit im Film gezeigt.