BLOG
15/03/2018 14:54 CET | Aktualisiert 15/03/2018 14:54 CET

Kinderarzt: Dank der Hebammen haben wir heute viel weniger Komplikationen

Die Mütter entbinden zunehmend außerklinisch oder ambulant.

Getty
Die Mütter entbinden zunehmend außerklinisch oder ambulant.

In letzter Zeit sehe ich auffällig viele Säuglinge, die bei der U3 fast 5 kg wiegen, die Eltern sind – auch beim ersten Kind – fröhlich und entspannt, das Stillen klappt. Früher hatte ich beim U3-Termin eher mit hohläugigen unausgeschlafenen Müttern und genervten Vätern zu tun. Mit einem Eiertanz um jedes Gramm Gewichtszunahme, sodass außer dem, was bei der U3 eben zu machen ist, kaum irgend etwas besprochen oder erklärt werden konnte.

Sogar nach Kaiserschnitt, auch wenn die Mütter am dritten Tag entlassen werden, klappt das Stillen in der Regel, – früher habe ich beim ersten Kind nach Sectio kaum je erfolgreiches Stillen gesehen, und das bei zehn bis 14 Tagen Klinikaufenthalt.

Mehr zum Thema: Diese 30 Fotos zeigen, dass Hebammen die Welt zu einem besseren Ort machen

Die Mütter entbinden zunehmend außerklinisch oder ambulant, bei der U2 haben viele das Geburtsgewicht schon wieder erreicht, Gelbsucht ist selten, und wenn, nicht schlimm.

Was hat sich geändert? Habe ich eine „Positiv-Auslese?“

Nein, die Kollegen berichten dasselbe. Ich führe diese außerordentlich positive Entwicklung auf eine gestiegene „awareness“ zurück, und vor allem auf die ausgezeichnete und engagierte Betreuung, die die Hebammen leisten.

Auf dem Land gibt es wenig Hebammen

Ihnen gilt meine Anerkennung und mein Lob. Sie leisten eine vorbildliche „aufsuchende Betreuung“, besuchen die Kinder wenn nötig zweimal täglich und stehen Tag und Nacht für die kleinsten Fragen und Problemchen zur Verfügung.

Aber wie lange noch? Während es hier in der Stadt noch recht günstig aussieht, hat sich auf dem Lande die Hebammenversorgung erheblich ausgedünnt.

Mehr zum Thema: “Die Mütter brauchen uns!”: Der dramatische Appell einer angehenden Hebamme an Merkel und Schulz

Schon bei Bekanntwerden der Schwangerschaft sucht man sich eine Hebamme. Es ist längst Vergangenheit – oder sollte es sein –, dass die Eltern bei der Entlassung aus der Geburtsklinik keine Hebamme angeben können.

Es ist auch unsere Aufgabe, bei Infoabenden für Schwangere auf die Notwendigkeit, die Weiterbetreuung nach der Geburt – durch eine Hebamme und kinderärztlich – hinzuweisen, damit die Eltern nicht nach langen Odysseen durch Notdienste und Notaufnahmen erstmalig bei der U3 glauben, kommen zu dürfen – und das Kind dann schon in den Brunnen gefallen ist.

Kooperation mit Frauenärzten und Geburtshelfern

Leider sind wir in diese pränatale Phase viel zu wenig eingebunden – dabei redet doch alles von Transition! Die pränatale Transition als Prävention haben wir noch nicht genug auf dem Schirm, die Kooperation mit Frauenärzten und Geburtshelfern ist gegen Null.

Besonders eklatant habe ich die Unterschiede jetzt angesichts der Flüchtlinge in den Erstaufnahmelagern gesehen: katastrophal. Es gibt gar keine Hebammenanleitung, es wird kaum ein Kind gestillt – aber die Säuglingsnahrung wird gestellt. Die Hospitalisationsrate ist hoch.

Letzte Woche wurde eine Mutter samt Kind drei Stunden nach Geburt ins Großzelt entlassen. Da wäre eine aufsuchende Präventivbetreuung wesentlich humaner und kostengünstiger. Man sieht ja, ob jemand schwanger ist - das Kind fällt ja nicht vom Himmel.

Dr. Stephan Nolte ist Autor der Bücher “Maßvoll impfen” und “Alles halb so schlimm”.