BLOG
21/06/2018 18:06 CEST | Aktualisiert 18/07/2018 13:45 CEST

An meine Kinderärztin: Was Sie mir über das Stillen gesagt haben, ist eine Lüge

Als Ärztin sollten Sie es eigentlich besser wissen.

Im Video oben: Das sagt eine Hebamme über stillen in der Öffentlichkeit!

Sehr geehrte Frau Dr.  _________,

nachdem ich vor ein paar Tagen aus Ihrer Praxis kam, musste ich mich erst einmal sammeln. Wir waren zur Vorsorgeuntersuchung U6 bei Ihnen.

Sie haben meine zwölf Monate alte Tochter untersucht und festgestellt, dass sie ein vollkommen gesundes, gut entwickeltes Kind ist. Soweit war alles in Ordnung. Bis wir auf ihre Ernährung zu sprechen kamen.

Ich erzählte, dass ich sehr zufrieden damit sei, wie meine Tochter inzwischen am Familientisch mitisst. Dass sie schon lange keinen Brei mehr essen will, sondern sich vielmehr für stückige Kost interessiere.

Und ganz nebenbei erwähnte ich, dass ich meine Tochter auch immer noch zwischen den Mahlzeiten und nachts stille.

Ihre Reaktion darauf macht mich im Nachhinein richtig wütend. In dem Moment jedoch, in dem Sie mir dazu rieten, doch lieber möglichst schnell abzustillen, war ich vor allem verwirrt und – ich gebe es zu – auch von Ihrer scheinbaren Kompetenz als Ärztin ein wenig eingeschüchtert.

Eine lange Stilldauer soll schlecht sein? 

Ich saß also schweigend da, als Sie mir sagten, dass in meiner Milch ja “sowieso nichts mehr drin sei”, dass das Stillen mich “auszehre” und mir möglicherweise “bald die Haare ausfallen” würden, wenn ich so weitermachte. Außerdem, so schlossen Sie triumphierend, würde meine Tochter auch endlich durchschlafen, wenn ich sie nachts nicht mehr stillen würde.

Ich verließ Ihre Praxis mit einem schlechten Gefühl. War es doch keine gute Idee, mein Kind so lange zu stillen? Hätte ich ihr die Brust abgewöhnen sollen, als sie noch kleiner war? Wie lange könnte ich noch so weitermachen?

Und vor allem eine Frage beschäftigte mich: War denn alles, was ich bisher über Muttermilch gelesen hatte, falsch?

Es gibt da ein paar Studien, die Sie kennen sollten

Ich beschloss, noch einmal genauer nachzuforschen und bin dabei auf eine Reihe medizinischer Studien gestoßen, von denen Sie offenbar noch nie gehört haben.

Als Kinderärztin sollten Sie doch eigentlich wissen, wie wichtig Muttermilch für die Entwicklung eines Kindes ist. Sie sollten wissen, dass sie auch im zweiten Lebensjahr noch wertvolle Nährstoffe liefert und sich den Bedürfnissen des Kleinkindes auf einzigartige Weise anpasst. Und Sie sollten wissen, dass das lange Stillen der körperlichen Gesundheit der Mutter nicht unbedingt schadet, wenn sie sich angemessen ernährt.

Nicht umsonst empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausdrücklich, Kinder bis zum zweiten Geburtstag und darüber hinaus zu stillen.

Während es keinen einzigen wissenschaftlichen Hinweis darauf gibt, dass langes Stillen einem Kind auf irgendeine Weise schaden könnte, gibt es eine ganze Reihe von Studien, die eine Vielzahl positiver Effekte belegen. So viele, dass ich mich kaum entscheiden kann, welche ich hier zuerst aufzählen soll.

Lange gestillte Kinder sind intelligenter und erfolgreicher

Mehr als eine Untersuchung hat gezeigt, dass sich langes Stillen positiv auf die Gehirnentwicklung auswirkt. Offenbar sind es die in der Muttermilch in großer Zahl vorkommenden langkettigen Fettsäuren, die dafür sorgen, dass Stillkinder im Durchschnitt schlauer sind als nicht gestillte Kinder.

Kinder, die häufig und lange gestillt werden, haben nach aktueller Studienlage einen bis zu zehn Punkte höheren IQ”, sagte mir Nicola Schmidt, Wissenschaftsjournalistin und Autorin des Buchs “artgerecht - Das andere Babybuch”, als ich sie zu den Vorteilen des Familienbetts befragte. 

In einem Artikel des “Ärzteblatts” konnte ich nachlesen, dass langes Stillen (über zwölf Monate) nicht nur zu einem nachweislich höheren Intelligenzquotienten führt, sondern sogar die kognitiven Leistungen eines Menschen bis ins Erwachsenenalter hinein positiv beeinflusst, was wiederum zu einer höheren Bildung führt. 

In der Milch ist nichts mehr drin? Von wegen!

Aber lassen Sie mich jetzt auf Ihre Behauptung eingehen, dass in meiner Milch ja “sowieso nichts mehr drin” sei.

Es ist bekannt, dass sich die Zusammensetzung der Muttermilch während der gesamten Stilldauer immer wieder ändert und sich den Bedürfnissen des heranwachsenden Kindes anpasst.

Die Hebamme, Stillberaterin und Autorin des Buchs “Intuitives Stillen”, Regine Gresens, schreibt auf ihrem Blog “Stillkinder”:

Die Muttermilch enthält im zweiten Jahr des Stillens ein höheres Maß an bestimmten Antikörpern, so erreicht sie teilweise eine ähnlich hohe Konzentration der Abwehrstoffe wie das Kolostrum [die erste Muttermilch, Anm. d. Red.] unmittelbar nach der Geburt.”

Interessant, nicht wahr? Gresens erklärt weiter: “Das Lysozym, zum Beispiel, ein Enzym, das die Zellwand der Bakterien zerstört, ist in der Milch der Mutter eines 18 Monate alten Kleinkindes in größerer Menge zu finden, als in der Milch der Mutter eines Sechsmonatigen.”

Das führe dazu, dass lange gestillte Kinder deutlich seltener krank seien und so gut wie keine Behandlung mit Antibiotika bräuchten.

Muttermilch ist Nahrung und Medizin in einem

Gresens bestätigt auch, dass das Stillen von großem Vorteil sein kann, wenn das Kind doch einmal krank sein sollte.

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass ich schon unzählige Male unglaublich dankbar war für meine Milch.

Wenn meine Tochter tagelang kaum etwas essen wollte, wusste ich, dass meine Milch sie in dieser Zeit gut versorgt.

Wenn sie Durchfall hatte, wusste ich, dass meine Milch sie vor dem Austrocknen bewahrt und sich positiv auf ihre Darmflora auswirkt.

Wenn sie Schmerzen hatte, weil sich wieder mal ein Zähnchen durch ihren Kiefer arbeitete, wusste ich, dass meine Milch ihr mit den schmerzstillenden Eigenschaften hilft.

Die Nährstoffe der Muttermilch im zweiten Stilljahr

Und Muttermilch kann sogar noch mehr.

Im zweiten Stilljahr können Kleinkinder 29 Prozent ihres Energiebedarfs und 43 Prozent ihres Proteinbedarfs über die Muttermilch abdecken.

Der Vitamin-Mineralienbedarf kann folgendermaßen abgedeckt werden: Kalzium zu 36 Prozent, Vitamin A 75 Prozent, Folsäure 76 Prozent, Vitamin B12 94 Prozent, Vitamin C 60 Prozent.

Hinzu kommen Hormone, die beim Stillen ausgeschüttet werden, wie etwa Oxitocin. Das Kuschelhormon stärkt neben weiteren positiven Eigenschaften die Bindung und selbstverständlich hört das im zweiten Lebensjahr nicht einfach auf.

Fast hätten Sie mir dieses Wunder mies gemacht

Ich könnte noch sehr viel mehr Gründe aufführen, warum Muttermilch auch im zweiten Lebensjahr eines Kindes wertvoll ist – aber ich denke, ich habe meinen Standpunkt deutlich gemacht.

Je mehr ich über die Auswirkungen langen Stillens gelesen habe, desto mehr hat es mich fasziniert, was mein Körper da leistet. Gleichzeitig wuchs aber auch meine Wut darüber, dass Sie es beinahe geschafft haben, mir dieses Wunder mies zu machen.

Es sind Menschen wie Sie, die es Müttern unnötig schwer machen. Anstatt Frauen dazu zu ermutigen, auf ihre Intuition zu vertrauen, sorgen Sie mit derartigen Falschaussagen für große Verunsicherung.  

Mütter machen sich ohnehin schon ständig Sorgen, dass sie irgendetwas falsch machen könnten. Dabei könnten wir uns eigentlich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass die Natur alles genau so eingerichtet hat, wie es für unsere Kinder richtig ist.

In westlichen Industrieländern wird nur noch kurz gestillt

Die natürliche Stilldauer liegt bei durchschnittlich 30 Monaten, also zweieinhalb Jahren. Manche Kinder stillen sich selbst mit 18 Monaten ab, andere erst mit vier Jahren oder noch später.

In der gesamten Menschheitsgeschichte sind Kinder lange gestillt worden. Dass heute vor allem in westlichen Industrieländern nur noch vergleichsweise kurz gestillt wird, ist eine neuzeitliche Erscheinung.

Während Mütter sich heute oft den Kopf über die verschiedensten Aspekte des Stillens zerbrechen, haben unsere Vorfahren es sich leicht gemacht und ihre Kinder ganz einfach nach Bedarf gestillt.

Mütter brauchen Kraft und Vertrauen

Warum sollte das auf einmal schlecht sein?

Warum sollte ich meiner Tochter die für sie von der Natur vorgesehene Menschenmilch verweigern und ihr stattdessen schlechter verträgliche Tiermilch oder gar Pulvermilch anbieten? Warum sollte ich etwas beenden, das uns beiden so viel Nähe, Trost und Geborgenheit schenkt?

Ich wünschte, ich hätte den Mut und die Geistesgegenwart besessen, um Ihnen genau das entgegenzuhalten.

Ich kann es nicht rückgängig machen, aber ich hoffe, dass dieser offene Brief Müttern, die sich wie ich für eine lange Stillzeit entschieden haben, Kraft geben kann. 

Es ist nicht immer einfach, unbeirrt der eigenen Intuition zu folgen, wenn von allen möglichen Seiten Stolpersteine auf diesen empfindlichen Pfad gelegt werden. Aber es lohnt sich.

(ks)