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08/04/2018 20:26 CEST | Aktualisiert 08/04/2018 20:26 CEST

Ich bin Kinderärztin und verschreibe meinen Patienten Marihuana

Das jüngste Kind, das medizinisches Marihuana bekommt, ist drei Jahre alt.

cyano66 via Getty Images
"Ich mache mir Sorgen, wenn Eltern ständig Opiate für ihre Kinder wollen."

Ich bin Kinderärztin und ich bin für die Legalisierung von Marihuana. Das liegt nicht daran, dass es nicht genügend verfügbare Medikamente gibt. Sondern daran, dass ich dadurch nicht mehr gezwungen bin, Opiate zu verschreiben. 

Mein jüngster Patient, der medizinisches Marihuana bekommt, ist drei Jahre alt.

Seit 15 Jahren arbeite ich als Kinderonkologin. Generell habe ich keine Bedenken, wenn ich Opiate verschreibe. Vorausgesetzt, die betroffenen Patienten haben echte und akute Schmerzen, die nur eine gewisse Zeit andauern oder die durch einen bestimmten Vorfall ausgelöst wurden.

Aber ich mache mir Sorgen, wenn ich Patienten Opiate verschreiben soll, deren Eltern ständig verschreibungspflichtige Medikamente für ihre Kinder verlangen. Und das, obwohl ihre Kinder keine wirklichen Anzeichen oder Gründe für die Schmerzen aufweisen.

Eltern behaupten, das helfe nicht

Es gibt mittlerweile mehr Eltern, die von Opiaten abhängig sind, als zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn. Um ihre Sucht zu stillen, behaupten manche Eltern, dass sich die Schmerzen ihres Kindes nur mit Opiaten behandeln ließen.

Und dann verwenden sie das für ihr Kind ausgestellte Rezept für sich selbst. Wenn die Schmerzen länger andauern als erwartet oder plötzlich ohne konkrete Gründe wie größere Operationen oder bösartige Tumore auftreten, beginnt das Theater um die Opiat-Verschreibungen.

Anfangs empfehlen wir Ruhe, warme oder kalte Kompressen, Schmerzmittel wie Paracetamol und Ibuprofen, Physiotherapie und Psychotherapien. Manchmal verschreiben wir zusätzlich auch noch Neuromodulatoren, Medikamente, die sich auf die Nerven im Gehirn auswirken aber nicht abhängig machen.

Aber viele Eltern behaupten dann, das helfe alles nicht. Und dann kann der Kampf um die Opiat-Rezepte so weit gehen, dass die Eltern irgendwann permanent Medikamente wie Oxycodon, Morphium oder Dilaudid fordern. Oft wechseln sie auch zwischen diesen Medikamenten hin und her.

Dieses Spiel macht mir Angst.

Ich bin keine Expertin für chronische Schmerzen oder für Suchterkrankungen. Ich als Kinderärztin habe keine Erfahrung im Umgang mit medikamentenabhängigen Eltern – und ich habe auch keine Versicherung, die mich vor Klagen diesbezüglich schützt. Es gibt kaum Kinderärzte, die sich auf chronische Schmerzen spezialisiert haben.

Doch wenn Patienten angeben, dass sie unter chronischen Schmerzen leiden, empfehle ich ihnen medizinisches Marihuana.

Denn medizinisches Marihuana unterliegt bestimmten Kontrollmechanismen, die mir bei anderen Medikamenten nicht zur Verfügung stehen.

Einmal hat eine Mutter mir Schläge angedroht, weil ich mich geweigert habe, ihrem Kind erneut Dilaudid zu verschreiben. Später drohte sie mir sogar damit, dass sie eine Pistole aus ihrem Auto holen wolle.

Wenn ich ein Opiat-Rezept ausstelle, frage ich mich jedes Mal beunruhigt, wer dieses Medikament wohl tatsächlich einnehmen wird. Ich mache mir Sorgen um meine Praxis, denn ich bin rechtlich nur wenig geschützt. Dafür lasten bedeutende rechtliche Risiken auf mir.

Ich kann nicht sicherstellen, wer die Medikamente für das Kind letzten Endes einnimmt. Einer meiner Patienten hat einmal 200 Dilaudid-Tabletten erhalten, die ihm innerhalb von einem Monat von vier verschiedenen Ärzten verschrieben worden waren.

Die Eltern versuchen, die Opiate für sich abzuzweigen

Der Patient war durch das Kontrollsystem und die automatischen Warnhinweise gerutscht, weil er aufgrund seiner diagnostizierten Krebserkrankung von den festgelegten Grenzen für Medikamentenverschreibungen befreit worden war. Ich vermute, dass seine Mutter einige dieser Tabletten genommen hat.

Es gibt für mich keine Richtlinien, wie ich am besten mit Eltern umgehen soll, die unter Verdacht stehen, die Medikamente ihrer Kinder für sich selbst abzuzweigen. Und ich schließe auch vor dem Beginn einer Opiat-Therapie keine schriftlichen Vereinbarungen mit meinen Patienten ab.

Ich habe keinen Regressanspruch, wenn Eltern die verschreibungspflichtigen Medikamente ihrer Kinder missbrauchen. Außerdem habe ich Angst um meine eigene Sicherheit.

Einmal hat eine Mutter mir Schläge angedroht, weil ich mich geweigert habe, ihrem Kind erneut Dilaudid zu verschreiben. Später drohte sie mir sogar damit, dass sie eine Pistole aus ihrem Auto holen wolle.

Da wir in einem abgelegenen Ort in New Hampshire leben, konnte sie die Krebsbehandlung ihres Kindes in keiner anderen Praxis fortsetzen. Ich kümmere mich noch immer um den Jungen. Für genau diese Menschen und auch für mich selbst halte ich medizinisches Marihuana für eine sicherere Alternative.

Wir brauchen eine genauere Aufklärung über medizinisches Marihuana. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Tetrahydrocannabinol (THC), dem Bestandteil, der Konsumenten high macht, und Cannabidiol (CBD), das nicht psychoaktiv aber aus medizinischen Gründen wichtig und wertvoll ist.

Sich zuzukiffen ist besser, als an einer Überdosis zu sterben

Denn ohne diese Unterscheidung wird Marihuana weiterhin stigmatisiert werden. Und diese Stigmatisierung erschwert die Gewinnung von Fördermitteln für die Erforschung der Bestandteile und der optimalen medizinischen Verwendung von Marihuana.

Doch selbst wenn meine Patienten und ihre Eltern nur den Teil des Marihuanas bekommen würden, der sich auf die Psyche auswirkt, würde mich das kaum beunruhigen. Zumindest im Vergleich zu den Sorgen, die ich mir mache, wenn ich ihnen Opiate verschreibe.

Selbst wenn man auf einer natriumarmen Diät ist, ist es sehr viel weniger katastrophal, sich zuzukiffen und eine Familienpackung Kartoffelchips zu verdrücken, als an einer Überdosis Oxycodon zu sterben. Außerdem trage ich bei medizinischem Marihuana keinerlei Verantwortung oder Haftung. Ich wünschte, bei Opiaten gäbe es ähnliche Regelungen.

Wenn ich es also nicht schaffe, meine Patienten oder ihre Eltern davon abzubringen, permanent Opiat-Rezepte anzufordern, und wenn ich davon ausgehe, dass sie die Medikamente missbrauchen, dann schlage ich ihnen medizinisches Marihuana vor.

Die meisten Menschen sind von diesem Vorschlag überrascht. Doch ich beharre darauf. “Vielleicht sollten wir einmal Marihuana ausprobieren. Der Einsatz ist allerdings umstritten, deshalb möchte ich es nur versuchen, wenn sie mir zustimmen, dass die Opiate nicht wirken”, sage ich zu meinen Patienten und ihren Eltern.

Marihuana hat seinen Reiz. Bisher hat es noch niemand abgelehnt. Vielleicht denken die Eltern, dass sie das Marihuana zusätzlich zu den Opiaten bekommen. Doch sobald sie mir versichert haben, dass die Opiate nicht wirken, kehre ich ihre Aussage um.

Wenn die von mir verschriebenen Medikamente nicht ausreichen, brauche ich ihnen in Zukunft logischerweise auch keine weiteren Rezepte mehr dafür auszustellen. Doch für abhängige Eltern sind meine Verschreibungen genau die Behandlung, die sie “brauchen”.

Ich trickse meine Patienten aus

Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich Eltern davon überzeuge, sich für ihr Kind medizinisches Marihuana verschreiben zu lassen, weil ich davon ausgehe, dass bei besagten Eltern ein Fall von Opiat-Missbrauch vorliegt.

Die Eltern begreifen im ersten Moment nämlich gar nicht, dass ich versuche, sie auszutricksen, um sie von den Opiaten wegzubringen, die ich ihnen verschrieben habe.

Statt Eltern mit ihrer zugrundeliegenden Abhängigkeit und ihren psychischen Problemen zu konfrontieren, ersetze ich ihr Problem durch ein anderes, um dadurch meine eigenen Ängste zu verringern.

Meine Rolle verändert sich und ich beginne, bestimmte Details in meiner Aufklärung auszulassen. Ich sage meinen Patienten nicht, dass Ärzte eigentlich gar kein Marihuana verschreiben können. Ärzte können nämlich lediglich eine Empfehlung aussprechen, dass der Einsatz von Marihuana versucht werden sollte.

Doch diese Empfehlung ist keine Garantie dafür, dass die Patienten das Medikament dann auch bekommen. Wir Ärzte bestätigen lediglich die Diagnose des Kindes und die Dauer der Behandlung. Anschließend kümmert der jeweilige Bundesstaat sich um die Überprüfung einer eventuellen kriminellen Vergangenheit der Patienten.

Darüber hinaus müssen sie an Untersuchungen und Beratungsgesprächen teilnehmen. Wenn der Antrag bewilligt wird, genehmigt der Bundesstaat die Aushändigung des Produktes und legt die jeweilige Menge fest. Schließlich wird dem Patienten eine bestimmte Ausgabestelle zugewiesen. Dies ist dann auch der einzige Ort, an dem er das Medikament beziehen kann.

Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen

Ich sage meinen Patienten nicht, dass medizinisches Marihuana teuer ist, dass die Krankenversicherung es nicht übernimmt und dass sie hier in New Hampshire direkt und in bar dafür bezahlen müssen. Ich sage ihnen nicht, dass sie davon wahrscheinlich nicht wirklich high werden.

Diese Gespräche laufen immer sehr schnell ab. Ich erzähle meinen Patienten nichts von diesen speziellen Nachteilen, damit sie nicht herausfinden, dass ich sie austricksen will. Denn sonst ändern sie ihre Meinung und verlangen wieder Opiat-Verschreibungen von mir.

Ich habe zwar ein schlechtes Gewissen, doch ich bin auch froh, dass ich einen Ausweg gefunden habe. Medizinisches Marihuana verschafft meinen Patienten eine gewisse Erleichterung und es erlöst mich aus meiner Verantwortung.

Wenn die Eltern und Patienten herausfinden, dass ich nichts dafür tun kann, dass sie das Marihuana auch wirklich erhalten, richten sie ihre Forderungen und ihre Wut woanders hin. Da sie bereits zugegeben haben, dass die Opioide vorher nicht funktioniert haben, fragen sie später meist auch nicht mehr danach.

Nachdem diese ganze Schwindelei endlich ein Ende hat, können die Eltern, die Patienten und ich unsere Beziehung wieder ganz neu ausrichten und uns ohne Ablenkungen wieder auf die Krebserkrankung der Patienten konzentrieren.

Die Regierungen der einzelnen US-Bundesstaaten regulieren den Einsatz von Cannabinoiden sehr streng. Ich wünschte, die Regierungen würden dies auch bei Opiaten tun.

Ich bin darauf spezialisiert, an Krebs erkrankte Kinder zu behandeln. Ich habe jedoch keine Ausbildung und auch keine Unterstützung im Umgang mit chronischen Schmerzen oder mit den Suchtproblemen der Angehörigen meiner Patienten.

Medizinisches Marihuana bietet mir eine Möglichkeit, aus diesem Geschäft auszusteigen und mich wieder komplett auf die Heilung von Kindern zu konzentrieren.

Die Regierungen sollten Opiate genauso stark regulieren wie sie medizinisches Marihuana regulieren, damit alle Ärzte sich endlich wieder in Ruhe um ihre Patienten kümmern können.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei HuffPost US und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

(jg)