ELTERN
23/08/2018 22:21 CEST | Aktualisiert 23/08/2018 22:36 CEST

Kinderärzte schlagen Alarm: Kinder haben weniger Zeit zum Spielen

Kinder haben pro Woche 12 Stunden weniger Zeit zum Spielen als in den 80er-Jahren.

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Kinder sollen möglichst früh auf ihre akademische Laufbahn vorbereitet werden (Symbolbild). 
  • Die Zeit, die Kindern zum Spielen bleibt, geht seit Jahren immer weiter zurück.
  • US-Kinderärzte warnen nun in einem Bericht vor dem gefährlichen Trend und fordern Spielzeit auf Rezept – deutsche Experten unterstützen die Forderung. 

Es ist ein weltweiter Trend, den Kinder auch in Deutschland immer mehr zu spüren bekommen: In Kindergärten und Vorschulen wird nicht mehr nur gespielt und getobt, sondern schon gefördert.

Die Kinder sollen möglichst früh auf ihre akademische Laufbahn vorbereitet werden. Je früher desto besser, glauben insbesondere viele Eltern und organisieren häufig schon im Kindergartenalter Sprachunterricht, Musikstunden, Sporteinheiten.

Eltern tun das aus Liebe zu ihren Kindern. Sie wollen, dass es ihnen einmal gut oder besser geht als ihnen selbst. Und sie sind angetrieben von der wachsenden Angst, in einer immer schneller werdenden Welt nicht mehr mitzukommen.

Kinderärzte schlagen Alarm

Doch Ärzte und Bildungsexperten schlagen seit Jahren Alarm. Denn den Kindern fehlt die Zeit zum Spielen. Schon im jungen Alter sind ihre Tage häufig so durchgetaktet, dass ihnen für das freie Spiel kaum noch Zeit bleibt. Genau das ist jedoch für die kindliche Entwicklung so entscheidend.

Denn das Spielen fördert die Gehirnentwicklung. Es ist nötig, damit Kinder besser lernen und Probleme lösen können und auch, damit sie ausgeglichener sind.

Da das kindliche Spiel heute jedoch mehr denn je bedroht ist, hat sich jetzt der US-Verband der Kinderärzte, die American Academy of Pediatrics (AAP), mit einem ausführlichen Bericht zu Wort gemeldet.

Kinder in den USA haben heute zwölf Stunden pro Woche weniger Freizeit als Kinder in den 80er-Jahren und die Kinderärzte warnen vor den Folgen. Denn das kindliche Spiel, das oft als so unwichtig eingestuft wird, dass es in der Prioritätenliste ganz hinten landet, muss dem Bericht zufolge als wichtiger Baustein für die gesamte Entwicklung eines Menschen angesehen werden.

Das kindliche Spiel wirkt sich auf das gesamte Leben aus

Die Kindheit sei der wesentliche Moment, in dem die Fähigkeiten erworben werden, die ein Mensch sein Leben lang brauchen wird.

Dazu gehören neben der geistigen Entwicklung auch die Ausbildung von sozialen und emotionalen Fähigkeiten, Selbstregulation sowie Sprache. All das lernen Kinder im Spiel, ohne dass dabei ein Eingreifen durch Erwachsene nötig wäre.

Diese Funktionen der Selbstregulierung und Selbstkontrolle seien wichtige Prädiktoren für eine erfolgreiche Schullaufbahn und dann auch berufliche Laufbahn, sagt Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der HuffPost in einem Statement.

“Es ist gut bekannt, dass Lernangebote in der frühkindlichen Entwicklung besonders wichtig sind in ihrem Potenzial für die Zukunft eines Menschen: ‘Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr’. Dieser lapidare Satz fasst zusammen, dass Lernen während der Entwicklungsphase des Gehirns erfolgreicher abläuft. Und Kinder lernen spielerisch und nicht in ‘Trainingseinheiten’”, sagt Krägeloh-Mann.

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Spielen ist Lernen 

Im Bezug auf den Report der AAP betont die Professorin: “Spielen bedeutet Imitieren, Ausprobieren, Austauschen, Teilen, gemeinsam Agieren und auch sich Behaupten – schon früh nicht nur mit erwachsenen Bezugspersonen, sondern mit anderen Kindern.”

Doch die AAP will mit dem Bericht nicht nur auf die Wichtigkeit des kindlichen Spiels hinweisen – sie geht sogar noch einen Schritt weiter: Kinderärzte sollten nach Ansicht des Verbands sogar Spielzeit verschreiben.

In Zeiten von Smartphone und Tablet, mit denen schon kleine Kinder beschäftigt werden, sei es vielleicht gar keine schlechte Idee, ein solches “Rezept zum Spielen” auszustellen, glaubt auch Krägeloh-Mann.

Spielen sorgt für die besten Vernetzungen im Gehirn 

Der Neurobiologe Gerald Hüther fordert ebenfalls bereits seit Jahren, den Kindern mehr Freizeit zum Spielen einzuräumen. Gemeinsam mit dem Philosophen Christoph Quarch hat er dem Thema sogar ein ganzes Buch gewidmet. In “Rettet das Spiel!” (Hanser Verlag) plädieren die beiden Experten dafür, das Spiel wieder ganz bewusst in den Alltag einzubinden.

Hüther erklärt auch, dass das Spielen durch die Freisetzung von Botenstoffen für Vernetzungen im Gehirn sorgt. Katecholamine, endogene Opiate und andere Peptide hätten einen wachstumsstimulierenden Effekt auf die neuronalen Vernetzungen.

Diese Vernetzungen entstünden nicht etwa durch Belehrungen oder Fördermaßnahmen, sondern durch das Spielen.

Ein voller Terminkalender blockiert die Kinder

“Damit das riesige Potential an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn möglichst gut stabilisiert werden kann und die in unseren Kindern angelegten Talente zur Entfaltung kommen, müssen wir ihnen so lange wie möglich die Gelegenheit bieten, spielen zu können”, sagt Hüther.

Wenn wir Kinder hingegen andauernd dazu auffordern, bestimmte Dinge zu tun und ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren, nehmen wir ihnen diese Möglichkeit.

Ein voller Terminkalender – auch wenn darin Fußballspielen oder Singen vorkommt – ist eben erfüllt von Verpflichtungen. Doch Kinder brauchen Freiheit und Zeit für freies Spiel.

Aus der Gehirnforschung sei bekannt, dass das völlig absichtslose Spiel für die besten Vernetzungen im Gehirn sorge, sagt der Neurobiologe.

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“Es gibt keinen Unterschied zwischen Spielen und Lernen!”

Auch der bekannte Kinderarzt Herbert Renz-Polster hat über die Wichtigkeit des kindlichen Spiels geschrieben.

In seinem Buch “Menschenkinder” weist er auf diese Fakten hin und zieht ein weiteres Beispiel aus dem Tierreich heran:

“Bei Schimpansen ist es ähnlich, da geben gerade die kompetentesten Mütter ihren Kindern beim Spielen den weitesten Raum und die an der langen Leine erzogenen Kleinen nehmen später den höchsten Rang ein.

Im Spiel nehmen Kinder unterschiedliche Rollen und Sichtweisen an und erschließen sich so die verschiedensten Denkmöglichkeiten und Strategien.

“Und damit schaffen sie sich die Grundlage der wohl wichtigsten menschlichen Geisteskraft überhaupt: Der Kreativität. Es gibt keinen Unterschied zwischen Spielen und Lernen!”, schreibt Renz-Polster.

Mut zur Lücke!

Aus diesem Grund müssen sich Eltern heute mehr denn je trauen, ihren Kindern Freiräume zu schaffen. Sie müssen den Mut haben, Lücken im Terminplan zu lassen und darauf vertrauen, dass ihre Kinder über die nötige Kompetenz verfügen, sich ihre essentiellen Fähigkeiten im freien Spiel selbst anzueignen.

Das ist nicht einfach, denn Eltern stehen heute auch unter großem Druck. Doch nur sie allein können ihren Kinder diese Freiräume erkämpfen, die neben den vielen Verpflichtungen, die schon die Kleinsten haben, noch bleiben.

Eine glückliche und gesunde Kindheit ist die Grundvoraussetzung dafür, dass unsere Kinder zu zufriedenen und widerstandsfähigen Erwachsenen heranwachsen können.

Indem wir ihre Kindheit schützen, machen wir unseren Kindern das größte Geschenk ihres Lebens.

(nc)