ELTERN
12/03/2018 19:38 CET | Aktualisiert 13/03/2018 14:15 CET

Viele Kinder sind psychisch krank, weil beide Eltern voll berufstätig sind

Wer keine Zeit hat, sollte keine Kinder kriegen.

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“Heute gibt es viele Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben”, sagt der Psychiater Christian Dogs (Symbolbild).
  • Im Jahr 2016 haben 94 Prozent der Väter und 33 Prozent der Mütter in Vollzeit gearbeitet
  • Laut Star-Psychiater Christian Dogs haben viele Eltern zu wenig Zeit für ihre Kinder – das könne schlimme Folgen haben

Jeden Morgen sieht man sie. Eltern mit ihren Kindern. Sie sitzen in der U-Bahn, überqueren die Ampel oder stehen an der Bushaltestelle. 

Oft sind sie in Eile. Denn sie sind auf dem Weg in die Arbeit. Davor müssen sie ihr Kind noch schnell in der Krippe oder im Kindergarten abgeben. Um es erst am Abend wieder abzuholen.

Heute haben viele Eltern keine Zeit für ihre Kinder”

Heute gibt es viele Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben”, sagt der renommierte Psychiater Christian Dogs der HuffPost.

Dogs ist ärztlicher Direktor der psychosomatischen Klinik der Max Grundig Klinik auf der Bühlerhöhe in Baden-Württemberg. Bekannt ist er als Star-Psychiater. Er hat bereits über 100 Topmanager und deren Familien behandelt. 

“Wenn wir heute hören, dass so viele Kinder psychisch krank sind, dann hängt das damit zusammen, dass beide Eltern voll berufstätig sind”, sagt Dogs.  

Max Grundig Klinik
Christian Peter Dogs ist Mediziner und Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatik.

Psychiater Dogs ist es wichtig, klarzumachen, dass er hier nur von Menschen spricht, die wirklich kaum zu Hause sind. Das sei vor allem bei Topmanagern im oberen Management der Fall.

Aber auch in “normalen” Familien komme es vor, dass ein oder beide Elternteile beruflich so eingebunden seien, dass nur sehr wenig Raum für die Kinder bleibe.

Berufstätigkeit ist vielen Eltern wichtig

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 2017 wollen deutsche Mütter wieder in den Beruf einsteigen, wenn das Kind ungefähr zwei Jahre und vier Monate alt ist. Für eine Vollzeitstelle sollte das Kind sieben Jahre alt sein, denken die befragten Mütter. 

Im Jahr 2016 waren 94 Prozent der Männer und 33 Prozent der Mütter in Vollzeit beschäftigt.

Außerdem waren durchschnittlich 18 Prozent der Kinder unter drei Jahren und 45 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder in Ganztagsbetreuung. Dabei war der Prozentsatz in Ostdeutschland um einiges höher als in Westdeutschland. 

Mütter arbeiten nach Elternzeit schneller wieder

Mütter kehren heute früher in den Job zurück als noch vor einigen Jahren. 2014 arbeiteten im zweiten Lebensjahr des Kindes rund 43 statt zuvor 35 Prozent. 

Außerdem werden laut immer mehr Kinder fremdbetreut. Genau 762.657 Kinder unter drei Jahren wurden zum 1. März 2017 in einer Tagesstätte (Kita), einer Krippe oder von einer Tagesmutter betreut. Das waren gut 41.000 (knapp sechs Prozent) mehr als im Vorjahr.

Die ehemalige Familienministerin Katarina Barley (SPD) sprach im Juli 2017 von einem “neuen Streckenrekord” und forderte zugleich “mehr Engagement des Bundes in der Kindertagesbetreuung”.

Mit mehr als 700 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr will Familienministerin Barley die Ganztagsbetreuung von Grundschülern ausbauen. “Ein bedarfsgerechter Ausbau der Ganztagsbetreuung in Kitas und Schulen geht nur mit massiven Investitionen, an denen sich auch der Bund beteiligen muss.”

Viele Kinder sind psychisch krank

Zugleich nehmen in Deutschland psychische Krankheiten unter Kindern und Jugendlichen seit vielen Jahren zu.

Die Zahl der jungen Patienten, die an einer Depression erkrankt sind, hat sich von 2000 bis 2015 verdoppelt. Das zeigt eine Statistik des Statistischen Bundesamts.

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben auch Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen.

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Dogs Meinung: “Wenn ich eine Top-Karriere machen will, dann habe ich keine Zeit für Familie.” 

Wer die ganze Zeit unterwegs sei, meint Dogs, sehe seine Kinder nicht aufwachsen. Und den Kindern fehle die Identifikationsfigur. 

Diese Umstände seien nicht gut für die Entwicklung eines Kindes. 

Das bedeutet nicht, dass ein Elternteil komplett zu Hause bleiben muss. Das könnten sich auch viele Familien gar nicht leisten. 

Aber: “Wer eine gute Beziehung führen will, braucht Zeit, Kommunikation und eine hohe Emotionalität, verbunden mit dem Engagement und der Motivation sich wirklich für die Familie zu engagieren”, sagt der Psychiater Dogs. “Das kann jemand, der ständig unterwegs ist und sehr viel arbeitet, nicht leisten.”

 “Auch eine voll berufstätige Mutter kann sich gut um ihre Kinder kümmern”

Der Meinung ist auch Alexandra Winzinger, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin aus München. Kinder bräuchten Eltern, die präsent und zuverlässig sind, sagt sie. Und wer voll berufstätig sei, könne das nur schwer leisten.

Allerdings: “Es kommt auf das Wie an.”  

Winzinger meint, dass man hier keine Verallgemeinerungen aufstellen könne.

“Eine voll berufstätige Mutter kann sich gut um ihr Kind kümmern, während eine Mutter, die immer zu Hause ist, das gar nicht kann”, erklärt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin.

Außerdem komme es auf die Qualität der Fremdbetreuung an, meint Winzinger. Eine Erzieherin könne für ein Kind auch zur engen Bezugsperson werden. 

Alexandra Winzinger
Alexandra Winzinger ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in München.

“Väter spielen eine größere Rolle, als viele denken” 

Oft ist es der Vater, der zu Hause fehlt, da mehr Väter als Mütter Vollzeit arbeiten. Die Väter seien dann für diese Kinder nicht greifbar, erklärt Dogs.

“Bisher ist fast nur die Mutterrolle erforscht. Doch heute weiß man: Väter spielen eine größere Rolle, als Viele denken.” 

Die Kinder von Eltern, die sehr wenig Zeit haben, entwicklen keine stabilen Bindungsmuster, sagt der Psychiater. Und sie werden meist sehr früh vernünftig und autonom. 

“Später sind sie sehr angepasste und pseudoautonome Menschen, die sich eigentlich danach sehnen, Kind zu sein”, erklärt Dogs.  

Pseudoautonome Menschen leben nach dem Motto: “Ich brauche niemanden, ich komme allein zurecht”. 

Zudem würden die Kinder häufig Essstörungen entwickeln, sagt Dogs. 

Denn wenn Eltern das Gefühl haben, sich um ihre Kinder kümmern zu müssen, kämen sie eher nach Hause. 

Das große Problem sei, dass die Eltern zwischendurch nach Hause kommen, sich dann auf die Kinder stürzen und ein Programm machen wollen. Sie seien entweder ganz weg oder übertrieben engagiert da, weil sie Schuldgefühle haben. Die Mitte fehle, erklärt Dogs.

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Voll berufstätig Eltern hätten kaum Zeit, mit ihren Kindern zu spielen 

Es gehe um das richtige Maß, meint Winzinger. Wenn die Mutter arbeite, dabei ihre vielen Rollen gut unter einen Hut bekomme und auch noch den Nerv für ihre Kinder habe, sei das in Ordnung.

Dennoch sei es eine Doppelbelastung, sagt Winzinger. Die nicht zu unterschätzen sei.

Voll berufstätig Eltern hätten kaum Zeit, mit ihren Kindern zu spielen oder für sie zu kochen. Die Bindungsperson fehle. Natürlich habe das Auswirkungen auf das Kind, erklärt die Psychotherapeutin.

Wenn das Kind sowieso schon ängstlich sei, oder einen Hang zur Depression habe, dann können abwesende Eltern eine Ursache dafür sein, dass eine Angststörung oder eine Depression ausbreche.

Das Modell “Kind und Karriere” hat seinen Preis

Eltern müssen sich darüber bewusst sein: Das Modell “Kind und Karriere” hat seinen Preis.

Der Mediziner Dogs sagt im Gespräch mit der HuffPost: “Man kann nicht alles haben. Wenn man wirklich verantwortlich sein möchte, muss man Abstriche machen.” 

Immer weiter, höher: Das sei ungesund, erklärt Dogs. Für die Erwachsenen und für die Kinder.

Mütter steigen nach Elternzeit schneller in den Beruf ein, die Anzahl der betreuten Kinder steigt, das Ganztagsbetreuungsangebot wird erweitert: Es scheint, als sei unserer Familienpolitik gerade auf dem Holzweg.

Denn was bei dieser gesellschaftspolitischen Entwicklung womöglich auf der Strecke bleibt, ist die Gesundheit unserer Kinder.