ELTERN
08/11/2018 21:51 CET | Aktualisiert 11/11/2018 20:49 CET

Was mit euren Kindern passiert, wenn ihr sie nachts schreien lasst

"Wenn Kinder schreien und brüllen, aber nicht getröstet werden, ist das eine emotional traumatische Erfahrung."

mmpile via Getty Images
Wenn Kinder einfach schreien gelassen werden, dann schadet das ihnen. 
  • Manche Kinderärzte empfehlen Eltern, ihre Kinder “kontrolliert schreien” zu lassen, damit sie lernen, alleine ein- und durchzuschlafen. 
  • Führende Wissenschaftler und Forscher auf dem Gebiet der Bindungsforschung kritisieren die Methode scharf. 
  • Eltern sollten darüber informiert sein, was das Schreienlassen für ihr Kind bedeutet.

Es ist die Szene aus dem Dokumentarfilm “Elternschule”, die für die größte Empörung unter den Kinobesuchern gesorgt hat: Ein etwa zweijähriger Junge soll in einer Gelsenkirchener Kinderklinik lernen, alleine ein- und durchzuschlafen.

Um dieses Ziel zu erreichen, wird das Kind in einem Bett mit extrahohen Gitterstäben in einen Klinikraum geschoben. Seine Mutter verabschiedet sich unter Tränen, bevor sie den Raum verlässt. Auch der Junge weint.

Dann wird das Licht ausgemacht und die Tür geschlossen. Von nun an darf seine Mutter das Zimmer nicht mehr betreten. Ihr Kind soll lernen, sich selbst zu beruhigen.

Dieses “Schlaftraining”, wie es in der Klinik genannt wird, erinnert stark an eine Methode, die der amerikanische Arzt Richard Ferber in den 70er Jahren bekannt machte. In Deutschland wurde sie durch das Buch “Jedes Kind kann schlafen lernen” von Psychologin Annette Kast-Zahn und Kinderarzt Hartmut Morgenroth bekannt. Das Buch ist bis heute ein Bestseller. 

Kurz gesagt geht es darum, die Babys “kontrolliert schreien zu lassen” bis sie von selbst einschlafen. Eltern sollen sich dabei an bestimmte Zeitintervalle halten, ihre Kinder erst nur wenige Minuten schreien lassen und die Intervalle allmählich immer länger werden lassen.

Das Schreienlassen “funktioniert” – doch zu welchem Preis?

Schon nach kurzer Zeit sollen die Babys so lernen, allein ein- und durchzuschlafen. Nicht wenige Kinderärzte empfehlen die Methode bis heute und auch die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin rät Eltern, ihre Kinder schreien zu lassen.

Selbst in der “Monatsschrift für Kinderheilkunde”, eine Fachzeitschrift, die die meisten Kinderärzte abonniert haben, ist zu lesen: “Man kann dazu ermutigen, das Kind auch schreiend ins Bett zu legen und abzuwarten, bis es nach 15–30 Minuten, oft abrupt, einschläft.”

Die Debatte über das Schreienlassen des Säuglings werde oft ideologisch geführt, heißt es in dem Bericht.

► Fakt ist: Die Methode ist umstritten.

► Fakt ist aber auch: Sie funktioniert in den allermeisten Fällen tatsächlich.

Allerdings zu einem hohen Preis, wie führende Wissenschaftler und Forscher auf dem Gebiet der Bindungsforschung zu bedenken geben.

Denn Eltern, die absichtlich nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder reagieren, können die wichtige Bindung zu ihrem Kind aufs Spiel setzen.

Eltern sollten daher über die möglichen Folgen informiert sein, die das Schreienlassen für ihre Kinder haben kann.

Die Kinder lernen nicht, sie schalten ab

Verfechter des “Kontrollierten Schreienlassens” behaupten häufig, die Babys würden durch die Methode lernen, sich selbst zu beruhigen. Tatsächlich hören die Kinder ja irgendwann auf zu schreien und schlafen ein.

Aber kann man wirklich davon sprechen, dass ein Kind schlafen lernt, wenn es dazu gezwungen wird? Hat ein Kind schlafen gelernt, wenn es vor Erschöpfung einschläft?

In Ihrem Buch “Schlaf gut, Baby” erklären der Kinderarzt Herbert Renz-Polster und die Autorin Nora Imlau, warum die Kinder wirklich aufhören zu schreien:

“Sie machen das, was alle Säugetiere tun, wenn sie in einer ausweglosen Situation feststecken: Sie werden stumm. Sie verfallen in das, was Biologen als Schutzstarre bezeichnen: Wer weder durch Kämpfen noch durch Fliehen weiterkommt, tut gut daran, Energie zu sparen. Und wer gelernt hat, dass sowieso keine Hilfe kommt, sollte nicht auch noch Raubtiere auf sich aufmerksam machen. Dass das Kind ruhig ist, heißt also noch lange nicht, dass es schlafen gelernt hat. Es hat gelernt, nicht zu protestieren.”

Der Bindungsforscher und Kinderpsychiater Karl Heinz Brisch bezeichnet diese Schutzstarre als dissoziativen Zustand. Das bedeutet: Sie schalten einfach ab.

Wenn Kinder schreien und brüllen, aber nicht getröstet werden, sei das eine emotional traumatische Erfahrung, erklärt Brisch. 

Um sich davor zu schützen, schalteten sie ihre Gefühle ab und spürten nichts mehr. Brisch, der die Abteilung Kinderpsychosomatik im Dr. von Haunerschen Kinderspital an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet, erklärt im Gespräch mit der HuffPost weiter:

“Wenn man die Kinder schreien lässt, dann verankert sich bei ihnen das Gefühl ‘ich bin alleine, ich bin in Ohnmacht, ich bin in Panik, ich bin hier ausgeliefert und niemand kommt, ich werde sterben, weil ich ohne Hilfe nicht überleben kann’. Und dieses Gefühl von Panik und Ohnmacht ist nicht aushaltbar für die Babys. Deshalb dissoziieren sie, schalten ab. Und dann spüren die Kinder keine Angst mehr, keine Panik, keinen Hunger, keinen Durst mehr, gar nichts – sie melden sich gar nicht mehr.”

Diese Kinder liegen dann nachts wach im Bett, haben Angst oder Hunger, aber melden sich nicht.

Babys und Kleinkinder, die durch das Schreienlassen daran gewöhnt wurden, sich nachts nicht zu melden, schlafen aber nicht etwa durch.

Wie alle Babys auf der ganzen Welt wachen sie nachts auf. “Diese Kinder liegen dann nachts wach im Bett, haben Angst oder Hunger, aber melden sich nicht”, sagt Brisch. Und weiter: 

“Sie haben schon sehr früh gelernt, grundlegende, überlebenswichtige Bedürfnisse abzuschalten, sogar ihr Hungergefühl nicht mehr wahrzunehmen und deswegen auch nicht mehr zu weinen.”

Es gibt gute Gründe, dass Kinder nicht durchschlafen

Dass Kinder nachts häufig aufwachen und die Nähe zu ihren Bindungspersonen suchen, ist ein gesundes Verhalten, das mit unserem evolutionären Erbe zusammenhängt.

Für ein Steinzeitbaby waren insbesondere die Nächte lebensgefährlich. Ohne engen Kontakt zu seinen Bindungspersonen wäre es ausgekühlt oder von wilden Tieren gefressen worden. Es war für Kinder also überlebenswichtig, sich gerade in der Nacht immer wieder zu vergewissern, dass sie in Sicherheit sind. Und das bedeutet: In der Nähe ihrer Bindungspersonen.  

Daher geraten die Kinder auch in Panik, wenn sie in dieser scheinbar gefährlichen Situation alleingelassen werden. Sie wissen ja nicht, dass die wilden Tiere nicht in den dritten Stock der Stadtwohnung klettern und sie fressen können. Sie wissen auch nicht, dass die Zentralheizung sie vor dem Kältetod bewahren wird.

Sie wissen nur, dass sie ihre Bindungsperson brauchen, um sich sicher und geborgen zu fühlen. Und genau dieses Gefühl ist für einen ruhigen und erholsamen Schlaf entscheidend.

Hinzu kommt, dass Babys und Kleinkinder in der Nacht alles verarbeiten, was sie am Tag erlebt haben. Und gerade in den ersten drei Lebensjahren ist das mitunter überwältigend viel.

Das Gehirn entwickelt sich rasend schnell in dieser Zeit. Und manchmal verändert sich die Wahrnehmung und das Verständnis, das Kinder von ihrer Umwelt haben, von einem Tag auf den anderen.

Kein Wunder, dass sie dann aufgewühlt sind und Trost und Zuwendung von den wichtigsten Menschen in ihrem Leben benötigen, um diese Erfahrungen zu verarbeiten.  

Das Schreien des Kindes ist also immer ein Signal, das die Eltern ernst nehmen müssen. Wenn sie es nicht tun und das Kind mit seiner Angst alleine lassen, kann die Bindung zu den Eltern beschädigt werden.

Das Schreienlassen bleibt nicht ohne Folgen 

Ein Schlaftraining, bei dem ein Baby sich in den Schlaf schreit, kann aber nicht nur die Bindung zu seinen Eltern belasten. Es kann auch zu tiefgehenden Ängsten im Erwachsenenalter führen.

“Die emotionale Erfahrung des Alleingelassen werdens hinterlässt Ängste”, erklärt Brisch. “Es gibt zum Beispiel Menschen, die das erlebt haben und die auch als Erwachsene nicht im Dunkeln schlafen können, oder bei denen Alleinsein ein Panikgefühl auslöst, obwohl sie objektiv nicht in Gefahr sind.”

Im Gehirn werden Schmerzschaltkreise aktiviert, die denen durch körperliche Schmerzen sehr ähnlich sind.

Sogar das Gehirn kann Schaden nehmen, wenn Babys zu oft Schreien, ohne beruhigt zu werden. Denn das Schreien führt dazu, dass das Gehirn des Babys mit Stresshormonen überschüttet wird, wie Diplom-Psychologin Kathrin Beckh in einem Artikel auf der Website des Staatsinstituts für Frühpädagogik beschreibt:

“Im Gehirn werden Schmerzschaltkreise aktiviert, die denen durch körperliche Schmerzen sehr ähnlich sind. Die Stressreaktionssysteme des Gehirns können so dauerhaft auf Überempfindlichkeit programmiert werden. Ein möglicher Langzeiteffekt von wiederholter Trennungsangst ist demnach eine erhöhte Stressempfindlichkeit im Erwachsenenalter.”

Das Gehirn eines schreienden Babys

Nicht nur Beckh warnt vor den Auswirkungen des Schreienlassens auf das Gehirn der Babys. In ihrem Buch “Die neue Elternschule” erklärt die britische Kinderpsychologin und Psychotherapeutin Margot Sunderland ganz genau, was im Gehirn des Babys passiert, wenn es schreit, ohne beruhigt zu werden. Sie beschreibt auch die möglichen Folgen: “Gehirnscans zeigen, dass frühkindlicher Stress das Stressreaktionssystem auf dauerhafte Überempfindlichkeit programmieren kann.”

 

Eine solche Stressprogrammierung in der frühen Kindheit könne ein Kind im späteren Leben anfällig machen für Depressionen, Angststörungen, stressbedingte körperliche Erkrankungen und Alkoholmissbrauch.

Sunderland beschreibt eine weitere erschreckende Langzeitfolge des Schreienlassens:

“Auf Hirnscans von Kindern, die stark unter ungetröstetem Kummer litten, erscheint der Hippocampus leicht geschrumpft. Wir wissen nicht, inwieweit dieser Zelltod die Gedächtnisleistung des Kindes beeinflusst, jedoch schneiden Erwachsene mit einem geschrumpften Hippocampus bei Gedächtnisaufgaben und verbalen Denkaufgaben schlechter ab.

Hirnscans haben gezeigt, dass der Hippocampus eines stark gestressten Kindes dem eines alten Menschen ähnelt. Manche Wissenschaftler bewerten frühkindlichen Stress als Risikofaktor für einen vorzeitigen Alterungsprozess dieses Teils des Gehirns.”

Auch andere körperliche Leiden können auf frühkindlichen Stress zurückgeführt werden, wie Sunderland beschreibt. Zum Beispiel Probleme mit der Atmung wie Asthma, Herzerkrankung, Ess- und Verdauungsstörungen, Schlaflosigkeit, Bluthochdruck, Panikattacken, Muskelverspannung, Kopfschmerz und chronische Müdigkeit.

 

Für die körperliche und seelische Gesundheit eines Kindes ist es also entscheidend, dass seine Eltern auf seine Signale eingehen und verstehen, dass es aus einer Not heraus nach ihnen schreit. 

Mit einer starken Bindung machen Eltern ihren Kindern ein großes Geschenk

Es mag einem vielleicht nicht immer als der einfachste, schnellste und effizienteste Weg erscheinen, bindungs- und bedürfnisorientiert mit einem Kind umzugehen.

Doch für das Kind bedeutet Bindungssicherheit nicht nur körperliche und seelische Unversehrtheit. Sie hat sogar noch mehr Vorteile, wie Bindungsforscher und Kinderpsychiater Brisch erklärt: 

Kinder die bindungssicher aufwachsen, können schon im Kindergarten schwierige Situationen und Stressbelastungen besser bewältigen. Sie haben mehr Bewältigungsstrategien, sie sind in der Lage, sich Hilfe zu holen. Sie sind bereits im Kindergartenalter empathiefähiger, weil sie schon früh über genau diese Fähigkeiten verfügen, die wir für ein gelingendes zwischenmenschliches Verhalten benötigen, etwa als Freunde, Partner oder auch als Eltern.

► Und das ist noch nicht alles: 

“Es gibt viele weitere Vorteile, die Kinder haben, wenn sie bindungssicher aufwachsen. Sie haben zum Beispiel eine bessere Sprachentwicklung, Gedächtnisleistung, Lernleistung, Kreativität, Flexibilität und können Aufgaben besser lösen.

Wie feinfühlig und empathisch ein Mensch sein wird, hängt also auch davon ab, wie seine Eltern und engen Bezugspersonen mit ihm umgegangen sind.  

Ein Kind muss erstmal erleben, dass seine eigenen Gefühle wahrgenommen, ernstgenommen und beantwortet werden und dass sich jemand in das Kind und seine inneren Gefühle einfühlt. Erst dann kann es lernen, das auch bei anderen Menschen zu machen.”

Ein Kind, das sich jedoch in den Schlaf schreien muss, das also erleben muss, dass seine Gefühle nicht ernstgenommen und seine Bedürfnisse nicht für wichtig befunden werden, dem wird es möglicherweise als Erwachsener schwerer fallen, auf seine eigenen Gefühle und die seiner Mitmenschen angemessen einzugehen.  

(ben)