ELTERN
07/06/2018 17:07 CEST | Aktualisiert 08/06/2018 11:56 CEST

“Ich hacke euch in Stücke“: Wie man damit umgeht, wenn Kinder vom Töten reden

Das aggressivste Alter ist zwischen zwei und drei Jahren.

  • Wenn Kinder plötzlich Gewaltfantasien äußern, machen sich viele Eltern Sorgen.
  • Ein Kinder- und Jugendpsychotherapeut erklärt, wie Eltern damit am besten umgehen sollten.
  • Im Video oben: Im Interview erklärt Bloggerin Tracy Gillett, wie wir die Psyche unserer Kinder ruinieren. 

Besonders Jungs lieben Waffen, Action-Figuren und Co. Leidenschaftlich wird in Kinderzimmern mit (Laser-)Schwertern gekämpft, mit Pistolen geschossen, geschubst und gehauen.

Dafür brauchen Kinder kein spezielles Spielzeug: Zur “Waffenbeschaffung“ reichen Legosteine und Äste. Doch wenn ein Vierjähriger stolz verkündet, er hätte eben Jemanden “abgeknallt“, kann das auf erwachsene Beobachter aggressiv und befremdlich wirken.

“Aggressives Verhalten gehört zum Menschsein dazu“, sagt der Münchner Kinder- und Jugendpsychotherapeut Robert Ilg im Gespräch mit der HuffPost. “Das aggressivste Alter ist zwischen zwei und drei Jahren, erst danach lernen Kinder langsam sich in andere hinein zu versetzen und die Tragweite ihrer Handlungen und Äußerungen zu überblicken.“

Mehr zum Thema: Viele Eltern wissen nicht, was wirklich hinter den Wutanfällen ihrer Kinder steckt

“Ich hacke euch in Stücke“

Krieg spielen ist also normal. Einige Eltern müssen allerdings noch mehr aushalten: Wenn die Kleinen plötzlich Gewaltfantasien außerhalb des Spiels mit Freunden aussprechen.

Aussagen wie “Ich nehme eine Maschine und säge Euch die Köpfe ab“ oder “Ich besorge mir eine Axt und hacke euch wenn ihr schlaft in Stücke“ geht meistens ein Konflikt voraus. Trotzdem fragen sich Eltern verständlicherweise, ob sie vielleicht einen Massenmörder großziehen oder bei der Erziehung etwas falsch gelaufen ist.

Und auch wenn sich die Mordlust der Kinder gegen sich selbst richtet und im Streit Sätze wie “Soll ich zu einem Jäger gehen und mir ein Gewehr holen und mich erschießen?“ fallen, sind Eltern schnell verunsichert und fragen sich, ob so ein Verhalten auch noch normal ist.

► “Wenn Schulkinder solche Aussagen machen, sollte man sich Sorgen machen! In diesem Alter sollten Kinder sich in Andere reinversetzen können, also Empathie entwickelt haben“, erklärt Ilg gegenüber der HuffPost.

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Der Psychotherapeut ruft zu Gelassenheit auf

Fallen solche Sätze, könnte eine Störung des Sozialverhaltens – also eine psychische Störung – vorliegen, die sich bis ins Erwachsenenalter negativ auswirken kann (zum Beispiel im Ausüben von Gewalt- und Eigentumsdelikten).

Weil die Ursachen vielfältig sind, sollten Eltern, die sich Sorgen machen, zuerst mit ihrem Kinderarzt sprechen. Der kann die Eltern beruhigen oder das Kind zu einem Psychiater überweisen.

Über Elterntrainings, eine psychiatrische Behandlung und in sehr schwerwiegenden Fällen mit einer medikamentösen Therapie kann den betroffenen Familien geholfen werden.

“Bei ansonsten unauffälligen, jüngeren Kindern sind solche Sätze grenzwertig, ich würde aber zu Gelassenheit aufrufen. Wichtig ist, dass man in Kontakt zu seinem Kind bleibt, und es bei dieser wichtigen Entwicklungsprozess der Empathieentwicklung unterstützt.“

► Der Psychotherapeut rät aber auch, auf sonstige Symptome zu achten: “Wenn die Kleinen zusätzlich zum Beispiel Schlaf- und Essstörungen oder extreme Wutanfälle haben, sollten Eltern sich im ersten Schritt vorbeugend an den Kinderarzt oder den Kindergarten wenden. Hilfe findet man auch bei Erziehungsberatungsstellen oder direkt bei Kinderpsychologen.“

So solltet ihr reagieren

Ihr seid unsicher, ob das Verhalten des eigenen Kindes normal ist? Macht zuerst eine kleine “Spielplatz-Umfrage“: Wenn ihr ehrlich eure Ängste mit anderen teilt, werdet ihr vielleicht die ein oder andere entsetzte Reaktion erhalten, doch wenn nur ein einziger Elternteil eine ähnliche Geschichte erzählt, hilft das ungemein.

Auch in diversen Elternforen im Internet findet ihr Einträge von verunsicherten Eltern, deren Kinder vom Töten reden – es handelt sich also um ein öfter auftretendes Phänomen in Familien – ihr seid nicht allein.

► “Wichtig ist, in solchen Situationen ruhig zu bleiben und als Eltern das Gespräch mit dem Kind zu suchen“, sagt Ilg.

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“Finden Sie heraus, warum das Kind sich so geäußert hat und was dahinter steckt. Gehen Sie auf die kindlichen Phantasien ein und sprechen Sie darüber. Der Tod gehört dazu. Und vielleicht ist ihr Kind damit im Kindergarten, über ein Märchen oder die Medien damit in Berührung gekommen. Im zweiten Schritt sollten Sie ihrem Kind erklären, wie Sie sich dabei fühlen.“

Auch wenn es uns Eltern also grausam vorkommt, testen unsere Kinder mit aggressivem Verhalten und Allmachtsphantasien ihre Grenzen und entwickeln sich weiter. Das ist schon mal beruhigend. Trotzdem gilt es aufmerksam zu bleiben und das Kind so gut es geht bei der Entwicklung zu unterstützen.

(ks)