ELTERN
27/06/2018 08:36 CEST | Aktualisiert 27/06/2018 08:39 CEST

Experten verraten: Wie du deine Kinder zu einfühlsamen Menschen erziehst

"Mit einfachen Regeln kann man schon einiges erreichen."

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“Der Schlüssel zur Entwicklung von Empathie liegt in emotionaler Bildung” – Michele Borba.
  • Empathie ist eine Eigenschaft, die von Eltern gefördert werden kann.
  • Psychologen, Eltern und andere Experten verraten ihre besten Erziehungstipps für Einfühlsamkeit.

Die Medien sind momentan voll von hitzigen Auseinandersetzungen, Hasskommentaren und beunruhigenden Neuigkeiten. In diesen Zeiten fragen sich viele Menschen, was denn in unserer Gesellschaft eigentlich aus Werten wie Empathie und Freundlichkeit geworden ist.

Und ebenso fragen sich viele Eltern, wie sie ihre Kinder bei all dieser Bitterkeit und bei diesem Hass zu liebevollen und guten Menschen erziehen können. Die HuffPost hat bei Psychologen, Eltern und anderen Experten nachgefragt, wie Kinder Empathie lernen können.

Eine einfache Regel kann Wunder wirken

“Der Schlüssel zur Entwicklung von Empathie liegt in emotionaler Bildung”, sagt Michele Borba, Schulpsychologin und Autorin von zahlreichen Erziehungsratgebern. Eines ihrer Bücher heißt: “UnSelfie: Why Empathetic Kids Succeed in Our All-About-Me World.”

Ein einfacher Weg zur Förderung von emotionaler Bildung ist es, im Zeitalter von Textnachrichten und Smartphones wieder mehr Wert auf die persönliche Kommunikation zu legen. “

Kinder, die sich viel mit digitalen Medien beschäftigen, lernen nicht wirklich etwas über Gefühle, während sie die passenden Emojis auswählen”, sagt Borba.

Laut ihr können Eltern schon mit einer einfachen Regel so einiges erreichen: 

“Führe in deiner Familie die Regel ein, dass sich jeder bei einem Gespräch die Augenfarbe seines Gegenübers einprägen muss. Denn so lernt dein Kind, sich auch wirklich auf die andere Person zu konzentrieren.”

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Sprich mit deinem Kind über Gefühle

Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, deinen Kindern bereits von klein auf beizubringen, ihre eigenen Gefühle zu benennen.

“Verwende häufig Gefühlsbezeichnungen, wenn du mit deinen Kindern sprichst. Sage zum Beispiel Dinge wie: ‘Ich merke, das du wirklich frustriert bist,’ oder ‘Ich merke, dass du echt sauer bist’”, empfiehlt Laura Dell der HuffPost. Sie ist Dozentin an der University of Cincinnati’s School of Education.

“Bevor Kinder sich mit den Gefühlen anderer Menschen identifizieren und so Empathie zeigen können, müssen sie lernen, ihre eigenen Gefühle zu verarbeiten”, fährt Dell fort.

“Sobald sie ihre eigenen Gefühle benennen können, verbessert sich auch ihre Fähigkeit zur Selbstregulierung. Sie lernen dann, ihre eigenen Gefühle zu kontrollieren. Im nächsten Schritt beginnen sie, die Gefühle von anderen zu verstehen.”

Erforscht Gefühle spielerisch

Ravi Rao ist ein pädiatrischer Neurochirurg, der mittlerweile eine Kindersendung moderiert. Er findet, dass Eltern ihren Kindern genauso viel über Gefühle beibringen sollten, wie sie ihnen über Farben und Zahlen erklären.

“Oft sehe ich Eltern im Park, die jede einzelne Gelegenheit ergreifen, um ihren Kindern Fragen zu stellen. Zum Beispiel: ‘Welche Farbe hat die Jacke dieses Mannes?’, ‘Welche Farbe hat der Bus?’ ‘Wie viele Bäume stehen da?’”, erklärt Rao. “Gleichermaßen könnten Eltern ihren Kindern jedoch auch Gefühle näher bringen, indem sie sie fragen: ’Siehst du die Frau da drüben? Schaut sie glücklich oder traurig aus?’”

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Ein weiterer Tipp von Rao lautet, zuhause mit seinen Kindern “Rate, was ich fühle” zu spielen.

► Das geht so: Einfach einen Gesichtsausdruck nachahmen und anschließend seine Kinder darum bitten, das dazugehörige Gefühl zu benennen.

“So gewöhnt sich das Gehirn der Kinder daran, die Signale in den Gesichtern anderer Menschen zu erkennen.

”Sobald deine Kinder einen besseren Sinn für Emotionen entwickelt haben und wissen, wie sich bestimmte Dinge anfühlen, kannst du sie auch nach der emotionalen Lage von anderen Menschen fragen.

“Du kannst zum Beispiel fragen: ’Was glaubst du, wie hat Tommy sich wohl gefühlt, als du ihm sein Spielzeug weggenommen hast?’ Oder: ‘Ich bin jetzt wirklich traurig, weil du mich geschlagen hast’”, erklärt Borba.

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Nutze die Medien zu deinem Vorteil

Zusammen fernzusehen oder Bücher zu lesen ist eine weitere hervorragende Möglichkeit zum Aufbau von Empathie, findet die ehemalige Erzieherin Madeleine Sherak.

Sie hat das Kinderbuch “Superheroes Club” geschrieben, in dem es darum geht, wie wichtig Freundlichkeit ist. “Sprich mit deinen Kindern über Situationen, in denen Figuren sich freundlich und einfühlsam verhalten. Und sprich auch mit ihnen über Szenen, in denen Figuren verletzend und gemein sind”, rät Sherak.

“Unterhalte dich mit deinen Kindern darüber, wie sich diese Figuren jetzt wahrscheinlich fühlen. Überlegt euch gemeinsam, wie sie sich in diesen Situationen anders hätten verhalten müssen, damit alle Figuren freundlich behandelt werden.”

Borba empfiehlt, sich vor allem auf emotionsgeladene Filme und Bücher zu konzentrieren, wie beispielsweise “Wilbur und Charlotte”, “Harry Potter” oder “Wer die Nachtigall stört”.

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Sei ein gutes Vorbild 

Eltern müssen Taten sprechen lassen und selbst Empathie zeigen, erklärt Rao. “Kinder lernen nicht nur von deinen Worten allein. Du kannst ihnen schon sagen, dass sie auf die Gefühle anderer Menschen Rücksicht nehmen sollen. Doch wenn dein Kind nicht sieht und spürt, dass auch du auf die Gefühle anderer Rücksicht nimmst, werden deine Worte nicht sonderlich viel bewirken”, warnt der Neurochirurg.

Laut ihm ist es sehr wichtig, dass Eltern den Kindern ihre eigenen Gefühlslagen erklären, indem sie beispielsweise sagen: “Heute bin ich echt frustriert.” Oder: “Heute bin ich richtig enttäuscht.”

Eltern können ihren Kindern auch durch Rollenspiele mit Puppen, Action-Figuren oder anderen Spielsachen Empathie beibringen.

Zeigt Respekt vor den Emotionen eurer Kinder

Nach Meinung von Dell ist es darüber hinaus auch wichtig, dass Eltern die Gefühle ihrer Kinder erkennen und respektieren. “Damit Kinder uns und anderen gegenüber Empathie zeigen können, müssen wir ihnen diese Empathie aber auch vorleben”, erklärt Dell.

“Natürlich ist es schwierig für Eltern, mehrere Kinder auf einmal dazu zu bringen, sich fertig anzuziehen und morgens in die Schule zu gehen. Doch manchmal kann es einen echten Unterschied machen, wenn man kurz innehält und zu seinem Kind sagt: ‘Ich sehe, dass es dich wirklich traurig macht, dass wir ‘Coco, der neugierige Affe’ heute Morgen nicht bis zum Ende schauen können. Doch wenn wir es uns ganz ansehen würden, würden wir es nicht pünktlich in die Schule schaffen. Und in der Schule müssen wir wirklich pünktlich sein.’”

► “Das bedeutet nicht, dass du den Wünschen deiner Kinder ständig nachgeben musst. Du solltest ihnen jedoch zeigen, dass du verstehst, wie sie sich in einer bestimmten Situation fühlen”, empfiehlt die Dozentin weiter.

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Lobe deine Kinder, wenn sie sich anderen gegenüber aufmerksam verhalten

“Eltern loben ihre Kinder, wenn sie gute Noten bekommen oder bei einer Prüfung gut abgeschnitten haben. Um jedoch die Empathie deines Kindes zu fördern, solltest du ihm erklären, wie wichtig es ist, sich immer
auch um das Wohl von anderen zu kümmern”, so Borba.

Sie empfiehlt Eltern, einen kurzen Moment innezuhalten und ihren Kindern Anerkennung zu schenken, wenn diese sich freundlich und aufmerksam verhalten haben:

“Du könntest beispielsweise sagen: ’Hey, das war so lieb von dir, dass du gerade stehengeblieben bist, um diesem kleinen Jungen zu helfen. Hast du gesehen, wie glücklich du ihn dadurch gemacht hast?’”

“Indem du die Situation ansprichst, lernt dein Kind, wie wichtig es ist, sich um andere zu kümmern. Schließlich wird es anfangen, sich selbst als aufmerksamen Menschen wahrzunehmen und es wird sich auch dementsprechend verhalten.”

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Zeige deinen Kindern, wie unterschiedlich Menschen sein können

“Eltern müssen ihren Kindern dabei helfen, in einer vielfältigen Gesellschaft aufzuwachsen und sich darin wohlzufühlen. Sie sollten ihnen erklären, wie verschieden Menschen sein können”, sagt Sherak.

“Außerdem sollten sie dafür sorgen, dass ihre Kinder mit Menschen in Berührung kommen, die anders als sie selbst sind. Ganz egal, ob diese Vielfältigkeit sich nun in kultureller, ethnischer, religiöser Hinsicht oder aufgrund des körperlichen Erscheinungsbildes oder aufgrund von bestimmten Fähigkeiten oder Behinderungen bemerkbar macht”, empfiehlt die Erzieherin.

Erfahrt Diversität zusammen

Es gibt viele Möglichkeiten, seinen Kindern die Vielfältigkeit der Welt näherzubringen. Ihr könntet zum Beispiel zusammen Bücher lesen, euch bestimmte Filme und Fernsehserien ansehen, Restaurants mit verschiedenen Küchen ausprobieren, Museen besuchen, Freiwilligenarbeit in eurer Gemeinde leisten oder an Veranstaltungen teilnehmen, die von unterschiedlichen religiösen oder ethnischen Gruppen organisiert wurden.

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► “Außerdem ist es wichtig, dass du dich nach solchen Besuchen und Unternehmungen offen mit deinen Kindern austauschst und dass du mit ihnen über möglicherweise auftauchende Fragen oder Gedanken sprichst”, sagt Sherak.

► “Darüber hinaus ist es hilfreich, mit deinen Kindern über die Unterschiede zwischen den Menschen in ihrem eigenen Umfeld zu sprechen und sie nach ihren Erfahrungen in der Familie, in der Schule, in der Nachbarschaft und in ihrem weiteren Umfeld zu fragen.”

Eltern könnten auch die örtlichen Schulen darum bitten, das Thema interkulturelles Bewusstsein verstärkt in die Lehrpläne mit einzubinden, so Rao.

Macht keine Witze auf Kosten anderer

“Darüber hinaus sollten wir dafür sorgen, dass zuhause keine Witze mehr über andere Ethnien oder Kulturen gemacht werden”, erklärt der Neurochirurg weiter.

“Witze im Stil von Archie Bunker zu reißen, war vielleicht früher einmal akzeptabel. Man dachte damals vielleicht, dass solche Witze dazugehörten, wenn die Familie in den Ferien Zeit miteinander verbrachte.”

“Einem Kind wird es jedoch schwer fallen, Empathie gegenüber einer bestimmten Ethnie oder Personengruppe zu empfinden, wenn der erste Gedanke, den es damit verbindet, ein abfälliger Witz über diese Menschen ist. Es kann anschließend sehr schwer sein, diese Vorstellungen durch positive Aussagen wieder auszumerzen.”

Steh zu deinen eigenen Fehlern

“Wenn du dich selbst falsch verhalten hast und beispielsweise unhöflich zu einer Verkäuferin warst, die an der Supermarktkasse alles durcheinandergebracht hat, solltest du diesen Fehler vor deinen Kindern außerdem zugeben”, sagt Dell.

Wenn Eltern so etwas passiert, könnten sie anschließend zu ihren Kindern sagen: “Wow, ich wette, sie hatte unglaublich viel zu tun. Es waren gerade richtig viele Menschen in dem Laden. Ich hätte ein wenig freundlicher zu ihr sein sollen.”

Wenn du vor den Augen deiner Kinder in bestimmten Situationen zu wenig empathisch reagiert hast, solltest du diesen Fehler zugeben und mit deinen Kindern darüber sprechen.

Denn das macht Eindruck auf sie.

“Dein Kind steht dann direkt neben dir und bekommt alles ganz genau mit”, so Dell. “Gib zu, dass du dich in manchen Situationen besser verhalten und freundlicher zu deinen Mitmenschen hättest sein können.”

 

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Übe dich zusammen mit deiner Familie in Freundlichkeit

Als Familie kann man sich durch einfache Rituale in Freundlichkeit üben.

► So könnte man sich beispielsweise die Zeit dafür nehmen, dass jedes Familienmitglied beim Abendessen zwei freundliche Handlungen aufzählt, die es tagsüber vollbracht hat.

► Oder man könnte einfache Möglichkeiten aufschreiben, wie man es schafft, freundlich zu anderen sein.

Anschließend sollte die Familie gemeinsam über diese Ideen sprechen, sagte Borba. Und auch bei gemeinsamen Brettspielen kann man lernen, mit allen gut klarzukommen.

Der Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

(fk)