POLITIK
22/03/2018 11:18 CET | Aktualisiert 22/03/2018 11:18 CET

Mangelernährung bei armen Kindern: So dramatisch ist die Lage in Deutschland

Es kommt zu Entwicklungsstörungen des Gehirns.

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Betroffene Kinder können in einen Teufelskreis der Armut rutschen.
  • Für die Ernährung von Kindern in Hartz-IV-Familien sind unter drei Euro pro Tag vorgesehen
  • Forscher glauben gesunde Ernährung ist damit unmöglich

2,77 Euro zahlt so manche Mutter in Deutschland für einen veganen Müsliriegel aus dem Bioladen. 2,77 Euro ist auch der Betrag, der einer Mutter, die Hartz IV bezieht, pro Tag für die Ernährung ihres Kindes zu Verfügung steht.

Damit soll sie ihr Kind gesund, nährstoffreich und vollwertig ernähren.

Unmöglich, sagen jetzt Ernährungswissenschaftler der Fachgesellschaft Society of Nutrition and Food Science (SNFS) mit Sitz an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

In der Realität seien mindestens vier Euro nötig, um eine gesunde Ernährung für Kinder unter 6 Jahren zu gewährleisten. Ist das Geld nicht da, droht den Kindern Mangelernährung. Und ein “fataler Kreislauf der Armut”.

1,8 Millionen Kinder sind von Armut bedroht

In einem reichen Land wie Deutschland ist es kaum vorstellbar, dass Mangelernährung zum Problem wird. Doch für Millionen Kinder könnte genau das bittere Realität sein.

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1,8 Millionen sind nachweislich von Armut bedroht. 2,5 Millionen deutsche Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren leben in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft – und bekommen vom Staat weniger als drei Euro pro Tag für Lebensmittel gestellt.

Damit wird ein Kind zwar satt, aber eine abwechslungsreiche Ernährung ist nicht drin.

Und genau die brauchen Kinder, um sich normal entwickeln zu können, so die Experten. Genug Obst und Gemüse, Milchprodukte, Fleisch und Eier, sollten dafür auf dem Speiseplan stehen – ergänzt durch sättigende Beilagen wie Kartoffeln, Reis und Nudeln.

Ist eine Mutter gezwungen, günstig einzukaufen, kann das nicht mehr geleistet werden.

Übergewicht bei unzureichender Versorgung mit Nährstoffen

Die Sättigungsbeilage werde dann zur Hauptmahlzeit – und fettes Schweinefleisch und billiges Fast Food ergänzen das Menü, erklärt Professor Hans Konrad Biesalski,  Ernährungswissenschaftler an der Universität Hohenheim.

“Es gibt zahlreiche Untersuchungen dazu, dass die Qualität eines Lebensmittels, also die Menge an enthaltenen Mikronährstoffen, mit sinkendem Preis abnimmt, während der Energiegehalt zunimmt“, so Biesalski.

Mit vielen günstigen Lebensmitteln führt sich ein Kind zwar Kalorien zu, aber bekommt nicht die Stoffe, die für Wachstum und Entwicklung so wichtig sind.

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“Es kommt zu dem, was wir als ‘double burden‘ bezeichnen”, so Biesalski. “Übergewicht bei unzureichender Versorgung mit Mikronährstoffen.“

So sei Übergewicht bei Kindern aus armen Verhältnissen dreimal häufiger als bei Kindern aus Familien mit gutem Einkommen, ergänzt der Experte.

Außerdem zeige eine Studie aus Brandenburg, dass Kinder aus armen Familien kleiner sind – ein Hinweis auf Mangelernährung.

Es kommt zu Entwicklungsstörungen des Gehirns

Doch das sind nicht die einzigen Folgen. Laut internationaler Studien sollen Kinder aus Ländern mit hohen Einkommen, die dort in Armut leben, häufiger unter Entwicklungsstörungen des Gehirns leiden.

Und so könnten betroffene Kinder in einen Teufelskreis der Armut rutschen: Ist die Entwicklung ihres Gehirns beeinträchtigt, könnte das ihre schulischen Leistungen, ihr Erwachsenwerden und ihre ganze berufliche Zukunft negativ beeinträchtigen.

So bleiben arme Kinder arm.

Einmal hineingeraten, ist es für sie fast unmöglich, aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung leben 21 Prozent aller deutschen Kinder mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage. 

1,40 Euro pro Monat für Bildung

Ein kurzzeitiges Phänomen ist es lediglich für 10 Prozent. Der Grund dafür ist wohl nicht nur Mangelernährung. Auch an Bildung spart der Staat bei Hartz-IV-Kindern.

Bezieht eine Familie das Arbeitslosengeld, ist dabei für ein 10-jähriges Kind lediglich ein Betrag von 1,40 Euro pro Monat für Bildung eingeplant.

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Viel zu wenig, meint Kinderarzt Dr. Stefan Schwarz aus Bayreuth. So können arme Familien ihren Kindern viele Freizeit- und Bildungsangebote nicht ermöglichen.

“Das Kind tut sich dann schwer, soziale Schlüsselqualifikationen zu erlangen”, so Schwarz. “Außerdem fördert es die soziale Ausgrenzung und kann damit sogar psychische Schäden verursachen.”

Weiter traue das Kind sich weniger zu und könne so sein Potenzial niemals ganz ausschöpfen.

Der Gesetzgeber behandelt Kinder wie kleine Erwachsene

2,77 Euro pro Tag für das Essen, 1,40 Euro pro Monat für Bildung – die Zahlen sehen traurig aus. Warum der Staat mit den Hartz-IV-Sätzen so unrealistisch rechnet, weiß die Bertelsmann-Stiftung.

“Bislang werden Kinder vom Gesetzgeber wie ‘kleine Erwachsene’ behandelt”, heißt es dort. “Es braucht neue sozial- und familienpolitische Instrumente, die Armut entgegenwirken und Kinder gezielt unterstützen.”

“Meiner Meinung nach muss in der Politik ein Umdenken stattfinden”, sagt auch Dr. Schwarz. “Kinder aus finanzschwachen Familien müssen dieselben Möglichkeiten haben, wie Kinder aus einem reichen Elternhaus.”

(tb)