POLITIK
15/05/2018 09:37 CEST | Aktualisiert 15/05/2018 14:09 CEST

Doku zeigt, warum der Kinderschutz in Deutschland misslingt

“Die Fälle, über die berichtet wird, sind nur die Spitze von einer Spitze des Eisbergs.”

Annie Otzen via Getty Images
Kinder haben Rechte – auch gegenüber ihren Eltern (Symbolbild). 
  • 2017 gab es über 20.000 Fälle von Kindesmisshandlung in Deutschland.
  • Doch Sozialarbeiter und Jugendämter können den Familien oft nicht so helfen, wie es eigentlich nötig wäre.

Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik werden pro Woche in Deutschland etwa zwei bis drei Kinder so schwer misshandelt, dass sie sterben. Lilly (Name geändert) hatte Glück: Sie hat überlebt.

Die ARD-Dokumentation “Wenn Eltern ihre Kinder misshandeln” zeigt, wo das Kinderschutzsystem an seine Grenzen kommt. 2017 gab es mehr als 20.000 Fälle von Kindesmisshandlung. Der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg M. Fegert sagt in der Doku: “Die Fälle, über die berichtet wird, sind nur die Spitze von einer Spitze des Eisbergs.”

Ein Fall, der ans Licht gekommen ist, ist der von Lilly. Im Februar 2015 wird das Jugendamt Köln auf eine Gefährdungsmeldung aufmerksam: Bei einer normalen Vorsorgeuntersuchung entdeckt eine Kinderärztin blaue Flecken an Armen und Beinen der heute Dreijährigen.

Mit drei Monaten hat Lilly neun gebrochene Rippen

Die Eltern scheinen ahnungslos, können sich die Verletzungen des Kindes nicht erklären. Die Ärztin rät, das Baby in einem Krankenhaus genauer untersuchen zu lassen, um eine Blutgerinnungsstörung auszuschließen. Dabei werden neun gebrochene Rippen entdeckt – das Jugendamt wird alarmiert.

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Verletzungen im Mund- und Nasenbereich deuten oft auf Gewalteinwirkung hin - zum Beispiel, weil eine Trinkflasche gewaltvoll eingeführt oder herausgezogen wird (Fallaufnahme der Kinderschutzambulanz in Neukölln).

Bis heute weiß niemand, wie Lillys Verletzungen entstanden sind. 

Eine repräsentative Studie der Sozialwissenschaftlerin und Politologin Kathinka Beckmann, Professorin an der Hochschule Koblenz, zeigt eines der größten Probleme in der Bekämpfung von Kindesmissbrauch in Deutschland:

► In manchen Städten betreut eine Vollzeitkraft des Jugendamts über 100 Fälle.

► Dabei sollte die Obergrenze bei maximal 35 Fällen pro Mitarbeiter liegen.

► 58 Prozent der Sozialarbeiter verbringen bei Besuchen weniger als eine Stunde Zeit mit den Familien.

► Die Fluktuation der Mitarbeiter bei Jugendämtern ist so groß, dass bei 52 Prozent der Fälle mehr als einmal der Sachbearbeiter wechselt.

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Die Folge: Der Kinderschutz misslingt, weil Sozialarbeiter und Jugendämter den Familien oft nicht so helfen können, wie es eigentlich nötig wäre.

Eine Sozialarbeiterin allein kümmert sich um 80 Fälle

Sozialarbeiterin Monika Wallor aus Berlin-Mitte bearbeitet zum Beispiel gerade 80 Fälle, in denen Kinder und ihre Eltern Hilfe brauchen. Jeden Tag aufs Neue muss sie entscheiden, welche Fälle dringend behandelt werden müssen, welche noch warten dürfen – und entscheidet damit täglich über Kinderschicksale.

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Jeden Tag muss Wallor entscheiden, welche Fälle dringend behandelt werden müssen.

“Das Personaldefizit liegt momentan bei über 16.000 Menschen, die einfach fehlen”, sagt Beckmann in der Doku. Die Folge sind überarbeitete Sozialarbeiter, die alle paar Monate im Schnitt gerade einmal eine Stunde Zeit haben, um Familien zu besuchen und zu begutachten.

Allein die Hälfte der Arbeitszeit geht schon für die Dokumentation der Fälle drauf – das genügt kaum, um einen Fall hinreichend bewerten zu können, geschweige denn ein Vertrauensverhältnis zu einer Familie aufzubauen.

Im schlimmsten Fall fühlen sich Eltern angegriffen und sind nicht bereit, mit dem Jugendamt zu kooperieren. So wird dem Jugendamt jegliche Möglichkeit verwehrt, Kindern zu helfen.

So ähnlich verlief auch der Fall Lilly: Ihre Eltern waren nicht bereit, Unterstützung vom Jugendamt anzunehmen, ihre Tochter blieb erst einmal bei ihnen. Erst im Februar 2016 erstellt schließlich ein Familiengericht ein Gutachten darüber, dass die Eltern nur eingeschränkt erziehungsfähig seien. Lilly kommt in eine Pflegefamilie.

Familienrichter sind oft uninformiert

Im Oktober 2016 legen ihre leiblichen Eltern Beschwerde beim Oberlandesgericht Köln ein. Lillys Pflegeeltern erleben, welchen hohen Stellenwert Elternrechte in deutschen Familiengerichten nach wie vor genießen: Obwohl Anwältin Claudia Marquardt das Gericht auf einen ähnlichen Fall wie den Lillys aufmerksam machte, entschied das Gericht zugunsten der leiblichen Eltern.

“Man hat den Eindruck, die Richter haben das gar nicht gelesen, die wollen das nicht zur Kenntnis nehmen”, sagt die auf Kinderschutzfälle spezialisierte Anwältin in der Dokumentation.  

Schließlich sind es nicht nur die Jugendämter, die auf Kinderschutz spezialisiert sind und bei denen Defizite herrschen: Gerade im Familienrecht gibt es immer noch viele Richter, die die Risiken für Kinder unterschätzen.

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Rechtswissenschaftler Prof. Ludwig Salgo bei der Arbeit. 

“Es ist schon übermütig, sich mit Lebenserfahrung darüber hinwegzusetzen, was die Gutachter gesagt haben. Das ist aber hier passiert. Es wäre vielleicht nicht passiert, wenn Richter etwas wüssten über Kindeswohlgefährdung, Bindung, Trennung, kindliches Zeitempfinden – das wären alles Themen für die Fort- und Ausbildung,” sagt Rechtswissenschaftler Ludwig Salgo, der in der Dokumentation beklagt, es fehle Familienrichtern an grundlegendem Wissen. Sie sind auf Fachleute angewiesen.

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Eine gesetzlich vorgeschriebene Fortbildungspflicht lehnen die Justizminister aller Bundesländer allerdings bisher ab – mit der Begründung, damit könnte die rechtliche Unabhängigkeit gefährdet werden. Damit wird noch mehr Druck auf Jugendämter und Ärzte, aber auch nahe Verwandte, Nachbarn und Lehrer ausgeübt – denn oft sind sie es, die Fälle von Kindesmissbrauch beobachten und melden.

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Lillys Vater zeigt, wie sich seine Tochter nach dem Treffen mit ihren leiblichen Eltern verhalten hat.

Trotz deutlicher Warnsignale beschließt das Oberlandesgericht Köln also, Lilly solle zu ihren leiblichen Eltern zurück. Die Pflegefamilie machte sich Sorgen, denn die Rückfallquote gewaltbereiter Eltern ist sehr hoch, Lilly zeigte sich zudem nach Treffen mit ihren leiblichen Eltern deutlich verstört. Doch dann geschah etwas Einzigartiges:

Seit 2012 hat jedes Kind in Deutschland ein Anrecht auf einen Beistand vor Gericht – die Sozialpädagogin Birgit Martens hat sich Lillys Fall angenommen und etwas getan, was bisher noch keine Verfahrensbeiständin getan hat: Sie hat eigenständig eine Anwältin eingeschaltet.

Erstmals wurden die Rechte des Kindes gegenüber seinen Eltern vertreten – mit Erfolg: Das Bundesverfassungsgericht prüfte den Fall erneut, Lillys Eltern zogen ihre Beschwerde zurück.

Die Situation in Deutschland:

► Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2016 rund 22.000 Fälle von Kindesmissbrauch gemeldet.

► Für 147 Kinder endete die Gewalt im Jahr 2017 tödlich.

► Misshandlungen beginnen oft mit einer Ohrfeige oder einem Klaps auf den Po.

► Für den Kinderschutz mangelt es an Personal: In manchen Jugendämter betreut eine Vollzeitkraft über 100 Fälle – 63 Prozent der Arbeitszeit verbringen Sozialarbeiter mit der Dokumentation der Fälle.

Kinder haben Rechte – auch gegen ihre Eltern

Bis heute lebt Lilly bei ihrer Pflegefamilie. Ihr Fall ist sicher wegweisend für andere – denn Lilly beweist: Auch das Kind hat einen rechtlichen Anspruch gegenüber dem Staat und auch gegenüber seinen Eltern.  

“Wir hoffen, dass die leiblichen Eltern Verständnis haben”, sagt Lillys Pflegemutter in der Doku. “Wir würden uns wünschen, dass sich dieses Verhältnis zwischen uns und den Herkunftseltern entspannt.”

Lilly hat nun gute Chancen, mithilfe von geeigneten Therapiemaßnahmen ein normales Leben zu führen und die Traumata, die sie wegen ihrer leiblichen Eltern erlitten hat, zu überwinden. Leider gibt es auch hier noch Lücken: Lange noch gibt es nicht genügend Therapiestellen für Kinder, die Gewalt erlebt haben. “Wir haben zu wenige niedergelassene Therapeuten, die sich trauen, Traumatherapien anzubieten”, sagt Fegert.  

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Beispielhafte Fälle wie die von Lilly oder Studien wie die von Prof. Beckmann helfen dabei, Missstände aufzudecken sowie den Weg für einen geregelten und aufgeklärten Umgang in Sachen Kindesmissbrauch zu ebnen.

Es kann allerdings noch dauern, bis dieses Ziel vollständig erreicht wird: Zu überlastet sind Sozialarbeiter, zu unaufgeklärt Familienrichter. Bis die Lücken im Kinderschutzgesetz geschlossen werden können, muss also noch einiges passieren.

Die Dokumentation ist in der ARD-Mediathek abrufbar.