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08/07/2018 13:35 CEST | Aktualisiert 10/07/2018 12:12 CEST

Wie sich ein Kind fühlt, das von den Eltern stehengelassen wird

Wenn Eltern ihren Kindern drohen, werden Bindung und Beziehung verletzt.

Im Video oben mehr zum Thema Erziehung: Das könnte laut Experte der Grund dafür sein, dass eure Kinder nicht gehorchen.

Eben hatte das Kind noch vollkommen zufrieden gespielt; Es hatte Sand in den Laster gefüllt und abtransportiert, war die Rutsche hochgeklettert und hatte die Krähen gejagt, die sich immer wieder auf dem Spielplatz niederließen. 

Doch als seine Mutter von der Bank aufstand, anfing, das Spielzeug einzusammeln und das Kind zum Gehen aufforderte, schlug die Stimmung schnell um.

Das Kind protestierte, wollte unbedingt auf den Arm. Die Mutter wollte das Kind aber nicht tragen. “Du kannst sehr wohl laufen”, sagte sie immer wieder, denn das Kind wollte sich einfach nicht in Bewegung setzen. So ging es eine Weile hin und her, bis die Mutter genug hatte.

Dann gehe ich eben ohne dich nach Hause!”, sagte sie zu ihrem Kind, das mit ausgestreckten Armen vor ihr stand. Und als sie sich zum Gehen wandte, liefen dem Kind die Tränen übers Gesicht. Es schrie aus Leibeskräften.

“Musst du immer so einen Aufstand machen?”, fragte die Mutter wütend. “Du kannst doch auch alleine laufen!” Trotzdem nahm sie das Kind schließlich hoch und marschierte davon.

Auf dem Spielplatz war es ganz ruhig.

Wenn Eltern und Kind sich missverstehen

Szenen wie diese können jeden Tag und überall beobachtet werden. Ich habe Mütter und Väter schon unzählige Male androhen gehört, dass sie ohne ihr Kind gehen würden. Natürlich machen Eltern das nie wirklich. Sie nutzen die Drohung nur als Mittel, um ihre Kinder zum Gehorchen zu zwingen.

Doch als ich diesmal den Kampf zwischen Mutter und Kind beobachtete, fragte ich mich zum ersten Mal, was wohl in einem kleinen Kind vorgeht, das fürchtet, seine Mutter könnte es zurücklassen.

Die Bestseller-Autorin und Gründerin des Artgerecht-Projekts Nicola Schmidt befasst sich in ihren Büchern mit der Frage, woher die Bedürfnisse von Kindern kommen und wie Eltern damit am besten umgehen können. Sie betrachtet das Kind aus evolutionärer Sicht und kann dadurch oft Missverständnisse zwischen Eltern und Kind auflösen.

Auch sie kennt Szenen wie diese und weiß, dass Kinder in solchen Situationen weder Machtspiele spielen, noch ihre Eltern tyrannisieren wollen. Sie sind einfach nur zu müde, um zu kooperieren und zu tun, was ihre Eltern von ihnen wollen.

Die Perspektive des Kindes einnehmen

Während die Eltern sich häufig fragen, warum ihr Kind sich so sträubt und nicht einfach läuft – schließlich hatte es ja auch eben noch genug Energie zum Spielen – erleben die Kinder die Situation vollkommen anders.  

“Die Kinder stehen in so einem Moment unter Stress und sie haben Angst”, sagt Nicola Schmidt mir am Telefon.

“Die Kinder haben Bindungsstress. Zurückgelassen zu werden ist eine Urangst von Kindern. Deshalb tun sie alles, um auf den Arm genommen zu werden. Das ist für sie der sicherste Ort.”

Stress aktiviere bei Kindern das Bindungssystem. Ihr Bindungsruf laute: “Nimm mich auf den Arm!” Sie fürchten, die Bindung zu der Bezugsperson zu verlieren. Sie fürchten, zurückgelassen zu werden.

Ivan via Getty Images
Kinder, die stehengelassen werden, haben panische Angst. 

Die Urangst der Kinder

Kinder tragen diese Urangst in sich. Sie ist Teil ihres evolutionären Erbes. Bei Jäger- und Sammlervölkern sei es durchaus vorgekommen, dass Kinder auch mal zurückgelassen wurden, erklärt Schmidt. Alleine hatten sie natürlich kaum eine Überlebenschance:

“In dem Alter haben sie auch keine Chance, der Gruppe auf eine lange Strecke zu folgen. Das schaffen sie einfach nicht. Und deshalb wissen Sie: der sicherste Platz ist auf dem Arm eines vertrauten Erwachsenen. Und sie versuchen alles, um dorthin zu kommen.”

Aus evolutionärer Sicht ist das vermutlich sehr clever: 

“Möglicherweise sind wir alle die Nachfahren derer, die es geschafft haben, auf den Arm zu kommen“, sagt Schmidt augenzwinkernd.

Die Erwachsenen sehen jedoch häufig nur ein schreiendes Kind, das gegen sie arbeitet und um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte.

Die Kinder schreien, weinen und protestieren auch tatsächlich, weil sie ihren Willen durchsetzen und auf den Arm genommen werden wollen. Aber nicht, weil sie kleine Tyrannen sind, sondern weil es aus ihrer Sicht überlebenswichtig ist.

Erziehung mit Angst ist keine Erziehung, sondern Machtspiel

Eltern, die ihren Kindern androhen, sie zurückzulassen, spielen mit der Urangst der Kinder und setzen sie damit enorm unter Stress - ein Zustand, in dem Kinder nicht lernen können.

“Man spielt mit der Urangst, man spielt mit dem Urvertrauen und man wird außerdem noch unglaubwürdig”, sagt Schmidt. Schließlich würde am Ende ja doch keiner ohne das Kind gehen. Das sei für die Erziehung nicht gerade förderlich.

Noch schlimmer sind aber die Auswirkungen auf die Beziehung zum Kind:

“Wenn man versucht, das Kind zu brechen – es in diesem Fall also so lange weinen lässt, bis es aus lauter Verzweiflung hinterher läuft – schädigt man die Bindung und die Beziehung zum Kind.

Was das Kind aus dieser Erfahrung lernt, ist, dass die Mutter oder der Vater nicht für es da sind, wenn es sie am meisten braucht. Ich habe Angst, aber ich werde nicht auf den Arm genommen.

“Das kann eine ganz frühe Verlusterfahrung für das Kind sein”, sagt Schmidt.

Stress ist Gift für das sich entwickelnde Gehirn eines Kindes

Diese schlimme Erfahrung hat sogar körperliche Folgen. Es sei zum Beispiel davon auszugehen, dass der Cortisol-Spiegel der Kinder stark ansteigt. Cortisol ist ein Hormon, das der Körper in Stresssituationen ausschüttet.

Das habe auch Auswirkungen auf die Gehirnleistung, sagt Schmidt: “Wenn ich ein Kleinkindgehirn durch eine solche Situation derartig unter Stress setzte, kann es in dieser Situation nichts lernen - vor allem nicht, dass es jetzt aber vernünftig sein und laufen soll.

Eltern können ihren Kindern diese schmerzhafte und ungesunde Erfahrung ersparen, indem sie selbst die Konsequenzen für ihr Handeln übernehmen.  

“Entweder, sie gehen so früh vom Spielplatz weg, dass das Kind noch nicht zu müde zum Laufen ist. Oder sie entscheiden sich, länger zu bleiben – müssen das Kind dann aber auch tragen”, sagte Schmidt.

Den Kindern diese Verantwortung zu übertragen, ist auch ziemlich unfair. Ein zwei- bis dreijähriges Kind kann weder so weit im Voraus planen, noch sprachlich klar ausdrücken, was es von seinen Eltern braucht.

Wenn wir uns in die Perspektive des Kindes hineinversetzen, liegt auf der Hand was die Situation sofort entschärft hätte: liebevolle Zuwendung, Verständnis für die Gefühlswelt des Kindes und bärenstarke Mama-Arme.

(ks)