POLITIK
15/05/2018 23:26 CEST | Aktualisiert 16/05/2018 07:00 CEST

Warum Kim Jong-un plötzlich wieder die Muskeln spielen lässt

Auf den Punkt.

dpa
Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un

Gefeiert als Sensation, nun droht es doch zu scheitern: das historische Treffen zwischen Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump in Singapur.

Die Anfang des Jahres begonnene Liaison zwischen Nord- und Südkorea scheint plötzlich abrupt beendet. Pjöngjang zeigt sich kühl – und wettert gegen die Militärübungen des Südens mit den USA.

Warum der kommunistische Diktator Kim Jong-un wieder Stärke zeigt – auf den Punkt gebracht.

Warum die Situation wieder gekippt ist:

► Nordkorea droht wegen Militärübungen der USA mit Südkorea das für den 12. Juni geplante Gipfeltreffen von Kim mit Trump abzusagen. Das berichtete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap.

► Dazu kommt: Auch geplante hochrangige Versöhnungsgespräche mit Südkorea für Mittwoch wurden abgesagt.

► Damit droht nach Wochen des Tauwetters ein schwerer Rückschlag in diesem gefährlichen Konflikt, in dem Nordkorea am Ende Atombomben einsetzen könnte.

► Die USA sehen dagegen keinen Grund für eine Verschiebung oder Absage des Treffens: “Wir machen weiter und treiben die Planungen für das Treffen von Präsident Trump und Kim Jong-un voran”, sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Heather Nauert.

Die zwei Perspektiven auf das Militärmanöver:

Seit 1997 findet jedes Jahr im Frühjahr das Militärmanöver mit Zehntausenden Soldaten der Streitkräfte Südkoreas und der verbündeten USA statt.

In diesem Jahr wurden die Übungen wegen der Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang verschoben und begannen am 1. April.

Die Sicht der USA und Südkoreas: 

► Die Militärübungen stellten keinesfalls eine Provokation dar. “Das sind Dinge, die wir auf der ganzen Welt machen”, sagte Sprecherin Nauert. 

Die Sicht Nordkoreas:

► Laut der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA seien die Militärübungen nicht wie gewünscht eingestellt worden. 

► So simulierten die südkoreanische und die US-Luftwaffe während der zwei Wochen dauernden sogenannten “Max Thunder”-Übungen Attacken auf den Norden – dies sei eine “absichtliche Provokation” inmitten der Erwärmung der innerkoreanischen Beziehungen.

► Damit verletze das Manöver die gemeinsamen Vereinbarungen von Süd- und Nordkorea nach dem Gipfeltreffens vom 27. April

Warum Nordkorea die Militärübungen rügt:

Fakt ist: Das jährliche Manöver “Max Thunder” hatte bereits am Freitag begonnen – und es ist deutlich kleiner wie vorangegangene Übungen in diesem Jahr.

Auffällig: Pjöngjang hat erst vier Tage später reagiert. Das dürfte kein Zufall sein. Denn am Dienstag wurden gleich zwei wichtige Berichte veröffentlicht:

► Zum einen hat das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen auf den Mangel an Lebensmitteln in Nordkorea hingewiesen. Das Land benötige etwa sechs bis sieben Millionen Tonnen Nahrungsmittel, es produziere aber nur etwa fünf Millionen Tonnen, sagte der Chef der UN-Organisation, David Beasley.

“Wir haben keine Hungersnot gesehen”, fügte er am Dienstag in Seoul hinzu. “Aber es gibt Probleme mit Unter- und Mangelernährung.”

► Zugleich belegen Satellitenaufnahmen, dass Nordkorea mit dem Abbau seines Atomtestgeländes vorankommt.

Einige wichtige Einrichtungen an den Eingängen des weitläufigen Testgeländes Punggye-ri im Nordosten des Landes seien abgerissen worden, berichteten Fachleute der auf Nordkorea spezialisierten Nachrichtenseite “38 North” des US-Korea-Instituts.

Allerdings hatten chinesische Wissenschaftler schon Ende April auf Basis geologischer Messungen berichtet, dass das Atom-Testgelände zu großen Teilen zerstört und derzeit sowieso unbrauchbar ist.

Damit fehlt Nordkoreas Diktator seine wichtigste Trumpfkarte in den Verhandlungen. Dieses Zeichen der Schwäche will Kim vermeiden und sucht deshalb nach Alternativen. Die mögliche Absage der Gespräche mit den USA ist eines der wenigen verbliebenen starken Druckmittel, die ihm derzeit bleiben.

Warum Kim den USA wieder droht:

► Kim will jedes Zugeständnis möglichst teuer verkaufen. Laut “Washington Post” bieten die USA Nordkorea Wirtschafts- und Entwicklungshilfe an, wenn das Regime permanent und verifizierbar sein Nuklear-Programm aufgibt. 

► Weiteres mögliches Ziel: Pjöngjang versucht, entweder die Sprengung der gesamten Testanlage, die zwischen dem 23. und dem 25. Mai geplant ist, aufzuschieben oder sich dafür neue Konzessionen seitens Südkoreas und der USA zu sichern. 

► Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass Kim den vermeintlichen Konflikt um das aktuelle Militärmanöver nur vorschiebt, wie eine Aussage vom März zeigt:

Laut Südkoreas nationalem Sicherheitsberater Chung Eui-yong habe Kim damals erklärt, er verstehe, “dass die routinemäßigen gemeinsamen militärischen Übungen zwischen der Republik Korea und den Vereinigten Staaten fortgesetzt werden müssen”.

Auf den Punkt gebracht:

Die Kontroverse um die drohende Absage des Treffens zwischen Kim und Trump zeigt, dass Nordkoreas Diktator der einzige ist, der die volle Kontrolle über das Geschehen behält.

Mit Material von dpa.

(lp)