POLITIK
16/10/2018 06:23 CEST | Aktualisiert 16/10/2018 09:08 CEST

Kelheim: Nirgendwo stahlen die Freien Wähler der CSU mehr Stimmen – daran lag's

"Wir hatten hier einen schweren Wahlkampf."

LEONHARD LANDES
Tiefes niederbayerisches Land: Die Stadt Kelheim. 

“Jetzt ist erstmal für zwei Wochen a Ruh”, sagt ein älterer Mann im Café am Donautor in der Innenstadt Kelheims. In zwei Wochen nämlich steht die nächste Landtagswahl an, dieses Mal in Hessen.

In Bayern sind die Parteien noch dabei, das Ergebnis der Wahl am Sonntag zu verarbeiten. Die CSU hat ihre absolute Mehrheit verloren und stürzte auf historisch schlechte 37,2 Prozent ab. 

Einer der wenigen Gewinner der Wahl: die Freien Wähler. Mit 11,6 Prozent wurde die Partei um Chef Hubert Aiwanger drittstärkste Kraft. Nirgendwo waren die Freien Wähler stärker als im niederbayerischen Kelheim – sie schafften hier 24,6 Prozent, die CSU nur 33,7 Prozent. Mit 11,7 Prozentpunkten erreichten die Freien Wähler hier auch ihren stärksten Zugewinn, die CSU verlor rund 13 Prozent.  

Warum war die Partei hier so stark? Wir haben uns am Montag auf Spurensuche begeben. 

“Wir hatten hier einen besonderen Wahlkampf” 

Am Nachmittag – der ältere Mann, der sich nach mehr Ruhe in der Politik sehnt, hat gerade gezahlt – treffen wir Johanna Frischeisen. Sie ist die Besitzerin des Cafés am Donautor, Vorsitzende des CSU-Ortsverbands in Kelheim und Stadträtin. 

Es mag zunächst überraschend klingen, aber bei der CSU in Kelheim sind sie mit dem Wahlergebnis zufrieden. “Sie dürfen nicht vergessen, wir hatten einen besonderen Wahlkampf hier, der nicht so einfach war”, sagt Frischeisen.

Denn die CSU-Direktkandidatin im Stimmkreis Kelheim, Petra Högl, sei hier nicht sehr bekannt gewesen. Ihr politischer Gegner, Hubert Faltermeier von den Freien Wählern, dagegen umso mehr. Faltermeier war 24 Jahre lang Landrat im Kreis Kelheim. 

Ihr Direktmandat holte Högl dennoch. “Ich freue mich sakrisch, weil ich vor allem vor Dr. Hubert Faltermeier als Gegenkandidat richtig Bammel hatte”, sagte die CSU-Politikerin der “Mittelbayerischen Zeitung”, als ihr Wahlsieg feststand. Ein Foto zeigt die 47-Jährige mit einem breiten Lächeln. 

Wollten CSU-Anhänger ihrer Partei einen Denkzettel verpassen?

In Kelheim lobt Frischeisen den “leidenschaftlichen Wahlkampf” ihrer Wahlhelfer. Die CSU habe versucht, mit vier Wahlkampf-Ständen in der Stadt die Wähler zu mobilisieren. 

Zu den Schwierigkeiten im Stimmkreis komme die allgemeine Schwäche der CSU bei diesem Wahlkampf hinzu. Die CSU habe nicht immer gut ausgesehen, sagt Frischeisen und nennt die Diesel-Affäre und die Streitereien zwischen Ministerpräsident Markus Söder und Parteichef Horst Seehofer als Beispiele.

Wenn eingefleischte CSUler ihrer Partei einen Denkzettel verpassen wollten, würden sie eben zu den Freien Wählern gehen: “Das Programm der Freien Wähler ist im Grunde sehr nahe an der CSU.”

Die Stärke der Freien Wähler bei bei dieser Wahl? Für Frischeisen eine “Persönlichkeitssache”.

Jeder kennt jeden in Kelheim

Die Zeit mit Frischeisen auf der Terrasse vor dem Café zeigt auch schnell, wie klein die Welt in Kelheim, einer Stadt mit rund 15.500 Einwohnern, ist. Man kennt sich hier.

Mehrmals grüßt die CSU-Politikerin Passanten. Einmal legt ihr eine Frau die Hand auf die Schulter und fragt: “Und, bist du zufrieden mit der Wahl?” Auch der Bürgermeister, Horst Hartmann von der SPD, läuft vorbei und bleibt für ein kurzes Gespräch und ein paar Scherze stehen. 

Die SPD verliert in Kelheim wie überall in Bayern massiv an Stimmen. Da hilft offenbar auch kein Bürgermeister, der selbst von der CSU gelobt wird. 

“Er wurde von allen Parteien geschätzt” 

Wir gehen weiter. Vor einem Dönerstand sitzen vier Männer in der Sonne und trinken Bier. Ein Mann mit langen Haaren und einem dichten weißen Bart sitzt in einem elektrischen Rollator und erklärt das Wahlergebnis.

Die AfD würden diejenigen wählen, die noch immer über die 300 Asylbewerber in der Turnhalle hier in der Stadt wütend seien. Die Turnhalle haben die Flüchtlinge bereits Ende 2015 verlassen, die AfD kam in Kelheim auf 11,5 Prozent. 

Und die Einbrüche bei der CSU? Der Kandidat der Freien Wähler, Hubert Faltermeier, sei sehr beliebt hier, erklärt der Mann. “Er wurde eigentlich von allen Parteien geschätzt.” 

In einem Biergarten berichtet eine Bedienung ähnliches. Viele Gäste hätten erzählt, dass sie lange unentschlossen gewesen seien. Vermutlich hätten sie dann eben ihr Kreuz bei einem bekannten Namen gemacht. Die CSU-Kandidatin Högl selbst kommt nicht aus Kelheim, sondern aus Volkenschwand, das rund 40 Kilometer von der Stadt an der Donau entfernt liegt. 

Die Abstimmung in Kelheim zeigt zweierlei: Zum einen, wie sehr die Landtagswahlen auch von der Bekanntheit der Kandidaten geprägt sind. Und wie sehr den Freien Wählern die Schwäche der CSU genutzt hat – vor allem in Regionen, wo ihre Kandidaten bereits bekannt und gut vernetzt sind. 

“Der Trend hört nicht an der Landkreisgrenze auf” 

Auch der aktuelle Landrat von Kelheim, CSU-Politiker Martin Neumeyer, bewertet das Ergebnis deshalb ähnlich wie seine Pateikollegin Frischeisen. Neumeyer selbst hatte 2013 noch 53 Prozent der Erststimmen im Wahlkreis bekommen, bei den Zweitstimmen erreichte die CSU rund 45 Prozent. 

Insgesamt ist das Ergebnis hinter den Erwartungen zurückgeblieben”, sagt Neumeyer uns am Montagabend am Telefon. Er ist gerade mit dem Auto zu einer Sitzung im Landkreis unterwegs. 

Wenn jemand 24 Jahre lang Landrat ist, dann hat er einen gewissen Bekanntheitsgrad, das nützt natürlich”, sagt er zum Ergebnis der Freien Wähler. Seine CSU dagegen habe bei diesem Wahlkampf auf Jugend und mit zwei Männern und zwei Frauen auf eine moderne Aufstellung gesetzt. 

Insgesamt ist Neumeyer zufrieden mit dem Ergebnis von Direktkandidatin Högl. Bevor er auflegt sagt er: “Der Trend in Bayern lässt sich ja nicht an der Landkreisgrenze abgrenzen.”

HuffPost Dahoam

(jg)