LIFE
01/11/2018 12:40 CET | Aktualisiert 01/11/2018 12:40 CET

Wie es sich anfühlt, als Frau mit Mitte 40 noch keine Kinder zu haben

Es stimmt: Ich fühle mich betrogen.

Photoboyko via Getty Images

Vor einigen Jahren war ich nach der Arbeit zur Happy Hour in einer überfüllten Bar. Plötzlich deutete meine Freundin auf einen Mann, der ein kleines Kind auf seinen Schultern sitzen hatte. “Warum nimmt man denn bitte ein Kleinkind mit in die Bar?”, fragte sie.

“Ja”, antwortete ich. “Und warum bekommt man eigentlich überhaupt Kinder?”

Mit diesem Spruch heimste ich genau das Gelächter ein, das ich erwartet hatte. Meine Freundinnen waren alle Singles und Ende zwanzig.

Der Gedanke an eigene Kinder schien uns allen noch unglaublich weit entfernt.

Ich war damals Anfang dreißig und hatte mich erst vor Kurzem scheiden lassen. In mir festigte sich immer mehr der Gedanke, dass ich gar keine Kinder wollte — also auf jeden Fall nicht zu diesem Zeitpunkt und vielleicht sogar nie.

Das Ticken der biologischen Uhr

Und dennoch wurde das Ticken meiner biologischen Uhr irgendwann so laut, dass ich es über die Salsa-Musik hinweg hören konnte, zu der ich mehrmals die Woche tanzte. Im Alter zwischen 41 und 43 Jahren versuchte ich, von meinem Freund Inti schwanger zu werden.

Dass ich einen geeigneten Vater ausgesucht und meine Spirale entfernen lassen hatte, waren jedoch die einzigen Bemühungen, die ich dafür unternahm. Ich ging lediglich für meine jährliche Kontrolluntersuchung zum Frauenarzt. Und ich verwendete weder ein Thermometer noch eine App zur Bestimmung meiner fruchtbaren Tage.

Eine Zeit lang beobachtete ich meinen Zyklus zwanglos.

Einmal im Monat warf ich Inti dann diesen bestimmten Blick zu und streckte nach dem Sex meine Beine in die Luft. Doch ein Jahr verging und meine Periode kam immer so regelmäßig, dass ich meinen Schwangerschaftstest gar nicht erst auspacken musste.

Klingt ganz schön traurig, oder? Das war es auch — aber irgendwie doch auch nur ein bisschen. Denn wenn es wirklich traurig gewesen wäre und wenn ich eine Frau wäre, die sich ohne Kind einfach nicht vollständig fühlt, dann wäre ich ganz anders an die Sache herangegangen.

Es ist schwer, weil ich ja wirklich Kinder wollte und deshalb neidisch bin. Doch es ist auch schwer, weil es sich für mich jedes Mal wie ein Betrug anfühlt, wenn meine Freundinnen Kinder bekommen. Es stimmt: Ich fühle mich betrogen.

Wenn meine Freundinnen sich Kinder wünschten und diese nicht auf natürliche Weise empfangen konnten, unternahmen sie die Schritte, die man eben tut, wenn einem so etwas passiert und man genug Geld hat.

Diese Freundinnen waren verheiratet oder auch alleinstehend und die meisten von ihnen waren jünger als ich.

► Sie nahmen Hormone ein und sie ließen sich Myome entfernen oder sich künstlich befruchten.

► Sie führten Gespräche mit potenziellen Eizellen- und/oder Spermienspendern und suchten den besten Kandidaten dafür aus.

► Sie informierten sich über Adoptionen und adoptieren schließlich Kinder.

In den letzten Jahren haben alle von ihnen auf irgendeine Weise Kinder bekommen.

Schwanger werden um jeden Preis

Meine Freundinnen sagen mir, dass ich das doch auch tun könne. Doch ich versuche es gar nicht mehr. Und ich habe auch keine Lust, diese extremen Maßnahmen auszuprobieren, die sie ergriffen haben.

Ich kann auch gar nicht genau sagen, warum das so ist. Die einzige Erklärung dafür ist, dass mein Kinderwunsch vielleicht einfach nicht groß genug ist.

Bisher habe ich noch kein Vorbild und keinen Weg gefunden, um diese Situation gut bewältigen zu können. Ich habe noch gar nicht alles in meiner Macht stehende versucht, um Mutter zu werden.

Und trotzdem bin ich traurig darüber, dass ich keine Kinder bekommen werde.

Ich fürchte mich vor Babypartys und ich weiß bereits im Voraus, wie schlecht es mir nach dem ersten Besuch bei einem neugeborenen Baby meiner Freundinnen gehen wird.

Es ist schwer, weil ich ja wirklich Kinder wollte und deshalb neidisch bin. Doch es ist auch schwer, weil es sich für mich jedes Mal wie ein Betrug anfühlt, wenn meine Freundinnen Kinder bekommen. Es stimmt: Ich fühle mich betrogen.

Freundinnen verschwinden, sobald sie Kinder haben

Es fühlt sich so an, als hätten meine Freundinnen sich von all den kinderlosen Jahren, die wir zusammen erlebt haben, einfach abgewandt. Von der Freiheit, mitten unter der Woche in den Salsa-Club gehen zu können. Davon, dass wir uns mit einer spontanen SMS noch für denselben Abend für den Besuch einer Happy Hour verabreden konnten.

Ich hatte diesen Lebensstil und meine Freundinnen, die dazugehörten, immer sehr geschätzt und geliebt. Doch was hatte ihnen dieses Leben eigentlich bedeutet, wenn sie es jetzt einfach so komplett umkrempeln konnten?

Ich weiß, ich weiß.

Wir sind jetzt in einer anderen Phase unseres Lebens angelangt und meine Freundinnen haben sich eben weiterentwickelt. Keine von ihnen hat mir jemals versprochen, für immer und ewig kinderlos zu bleiben.

Schön und gut.

Doch irgendwie hatte ich immer geglaubt, dass wir uns auch in Zukunft noch miteinander austauschen würden, auch wenn wir aufgrund unserer unterschiedlichen Lebensentscheidungen nun an gegensätzlichen Standpunkten angelangt waren. 

Wenn deine Freundinnen Kinder bekommen und du nicht, gibt dir niemand eine Landkarte für das unbekannte Terrain, das du von nun an betrittst.

Deine Freundinnen kommen nicht mehr auf deine Cocktail-Partys, weil sie keinen Babysitter finden konnten.

Sie laden dich zwar zu ihren Festen ein, doch meist hast du dort nicht wirklich Spaß. Denn es wimmelt nur so vor Kindern, die du vielleicht ganz gerne hast und die du anfangs auch ganz süß und unterhaltsam findest. Doch du liebst sie eben nicht so sehr, wie du deine Freundinnen selbst liebst. Außerdem bleibt bei diesen Partys nie genug Zeit für ein sinnvolles Gespräch.

Menschen mit Kindern haben Verständnis für diese neue Situation. Sie rollen dann zwar mit den Augen, aber sie verstehen es: So ist das Leben jetzt nun einmal.

Ich hingegen nehme es den Kindern übel, wenn sie mir meine Freundinnen wegnehmen.

Es ist einfach so.

Ich weiß, dass sie großartig und süß sind, aber sie sind eben nur Kinder. Ich will meine Freundinnen haben — und nicht diese fordernden kleinen Menschen.

Wir spüren den vorwurfsvollen Blick ganz genau, den unsere Freundinnen mit Kindern uns zuwerfen, wenn wir ihnen von einem Hobby vorschwärmen, das sie nun nicht mehr ausüben können. Wir wissen, dass sie uns für verrückt halten, weil wir versuchen, in diesen familienunfreundlichen Aktivitäten einen tieferen Sinn zu finden.

Es ist gesellschaftlich akzeptabel, dass Eltern sich über ihr Leben mit Kindern beschweren.

Sie dürfen sich über ihre verlorene Freiheit beklagen. Sie dürfen zugeben, wie fertig und gestresst sie sind und dass sie unter Schlafmangel leiden. Sie können über das Chaos in ihrem Haus jammern und es auf ihre Kinder schieben.

Und wie um ihre Schuldgefühle für diese Aussagen wieder auszugleichen, dürfen sie im gleichen Atemzug sagen, dass sie all das um nichts in der Welt eintauschen möchten. Sie dürfen sagen, wie toll und wunderbar und wertvoll dieses ganze Chaos doch ist.

Es ist jedoch weniger gesellschaftlich akzeptabel, dass wir kinderlosen Menschen mit unseren Urlauben in Europa, mit unseren entspannenden Abenden zuhause oder mit unseren ordentlichen Wohnzimmern prahlen, in denen zerbrechliche Gegenstände auf niedrigen Couchtischen stehen.

Wir spüren den vorwurfsvollen Blick ganz genau, den unsere Freundinnen mit Kindern uns zuwerfen, wenn wir ihnen von einem Hobby vorschwärmen, das sie nun nicht mehr ausüben können.

Wir wissen, dass sie uns für verrückt halten, weil wir versuchen, in diesen familienunfreundlichen Aktivitäten einen tieferen Sinn zu finden.

Natürlich beneiden sie uns äußerlich um unsere Freiheit — welche Mutter würde sich nicht gerne eine Auszeit von ihren Kindern gönnen, um eine Woche am Strand zu verbringen? Doch was bedeutet diese Vergnügungssucht schon im Vergleich zu dem Wunder, eine Mutter sein zu dürfen? Oder im Vergleich zu dem wertvollen, Freude schenkenden kleinen Menschen, der ihr eigener Sohn nun einmal ist? 

Eltern gewinnen letzten Endes immer

Ob man sich nun für oder gegen ein Leben mit Kindern entscheidet, soll natürlich kein Wettbewerb sein. Vor allem, weil alle Eltern früher einmal kinderlos waren.

Mehr oder weniger gewollt kinderlose Menschen hingegen haben noch keinerlei Erfahrung als Eltern. Und genau das ist das Ass, das alle Eltern im Ärmel tragen: Sie können beide Seiten vergleichen, denn sie haben ja beide Möglichkeiten ausprobiert.

Und wir alle wissen, dass Eltern ihre Kinder für nichts in der Welt wieder hergeben würden, selbst wenn sie sich manchmal auch noch so bitterlich darüber beklagen.

Das bedeutet also, dass Eltern letzten Endes immer gewinnen.

Und trotzdem ist mein Kinderwunsch einfach nicht groß genug, um bedeutendere Schritte zu ergreifen.

Du kannst mir noch so oft sagen, dass es das wirklich wert ist. Und es ist mir auch egal, wie süß, klug und knuddelig dein Baby ist.

Ich persönlich bin trotzdem der Meinung, dass man als Eltern auf fast alles verzichten muss, was Spaß macht. Ich kann auch nicht so tun, als ob ich das selbst nicht eigenartig und erstaunlich fände.

Mein Leben ist vollkommen anders – und es ist vor allem deshalb anders, weil ich es so haben will. Ich genieße es ganz bewusst, dass ich keine Kinder habe. Und zwar sehr.

Ich lebe das freie, aufregende Leben, das verantwortungsbewusste Eltern frühestens nach 18 Jahren zurückbekommen können.

Und ich konzentriere mich voll und ganz darauf, meine Träume zu verwirklichen. Ich arbeite an meiner Karriere als freiberufliche Autorin, ich baue meine Tätigkeit als Schreib-Coach aus und ich verwende sehr viel Zeit darauf, mein Leben so sinnvoll wie möglich zu gestalten.

Ich verbringe ungestörte Abende zuhause und lese auf dem Sofa. Kerzen brennen, der Tee zieht auf dem Unterteller vor sich hin und mein Freund sitzt vor dem Computer.

Im Leben meiner Freunde spiele ich nur noch eine kleine Rolle

Was sollen also kinderlose Frauen mittleren Alters tun, wenn ihre besten Freunde Mütter und Väter werden? Und wie sollen frischgebackene Eltern sich ihren kinderlosen Freunden gegenüber verhalten? Ihren Freunden, die sie noch immer per SMS zu einem spontanen Besuch bei der Happy Hour einladen? Die darauf bestehen, mit ihnen alleine Zeit zu verbringen und die ihnen nicht anbieten, auf ihre Kinder aufzupassen?

 

 

Wir sind alle erwachsen. Wir können miteinander befreundet bleiben, auch wenn unsere Lebensweisen sich grundlegend verändern. Wir können mit den Herausforderungen des Lebens umgehen.

Ich gewöhne mich einfach daran, dass ich im Leben meiner Freunde jetzt eine kleinere Rolle spiele. Und ich verbringe dafür mehr Zeit mit meinen kinderlosen Freundinnen oder mit meinen geschiedenen Freundinnen, die ihre Kinder hin und wieder abgeben können.

Es ist jetzt ungefähr drei Jahre her, seit ich mich damit abgefunden habe, dass ich keine Kinder bekommen werde. Und obwohl Inti und ich nicht aktiv verhüten, breche ich nicht mehr jeden Monat zusammen, wenn meine Periode kommt und mich wieder einmal daran erinnert, dass ich nicht schwanger bin.

Ich bin 46 Jahre alt und weiß, wie meine Chancen stehen.

Hin und wieder holt das Gefühl der Trauer und Leere mich noch ein. Und ich habe Angst, dass es niemals aufhört. Das passiert zum Beispiel, wenn ich meinen Neffen zu seinem ersten Geburtstag besucht habe oder wenn ich einen Abend lang mit dem Baby meiner besten Freundin gekuschelt und herumgealbert habe.

Ich habe große Angst davor, dass ich meine Entscheidung eines Tages bereuen werde.

Denn manchmal bereue ich sie. Und dann bereue ich sie wieder nicht. Es ist kompliziert.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(tb)