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09/04/2018 17:37 CEST | Aktualisiert 10/04/2018 16:19 CEST

Kopftuch bei Kindern: Ich arbeite im Brennpunkt – so ist es wirklich

Selbst in unserem christlichen Kindergarten sind die meisten Kinder Muslime.

Ich habe jetzt über 40 Jahre als Erzieherin in unterschiedlichen Kindergärten im Ruhrgebiet gearbeitet. Viele Jahre davon in Brennpunktvierteln. Gegenden, in denen kaum Deutsch gesprochen wird. Wo selbst im christlichen Kindergarten die meisten Kinder Muslime sind.

In all den Jahren hab ich viel erlebt, denn in einem muslimisch geprägten Problemviertel zu arbeiten, ist anders. Nur eines hab ich in 40 Jahren nie gesehen: ein Kindergartenkind mit Kopftuch.

Bei Kindern spielt das Kopftuch keine Rolle

Dass derzeit über ein Kopftuchverbot bei jungen Mädchen diskutiert wird, kann ich daher kaum nachvollziehen. Wenn es selbst hier im Brennpunktviertel nicht vorkommt – wo sollen die Kinder, über die hier gesprochen wird, denn dann sein?

Mehr zum Thema Kopftuchverbot: Diskussion um Kopftuchverbot für Kinder in Deutschland – die wichtigsten Fakten

Es gibt natürlich Mütter, die ein Kopftuch tragen, aber bei den Kindern spielt das Kopftuch noch keine Rolle. Die Mädchen, von denen ich weiß, dass sie später eins angezogen haben, taten es erst nach der Hochzeit.

Ich habe auch von Mädchen gehört, die zwischen 12 und 14 angefangen haben, aber davor ist es mir noch nie untergekommen.

Ich behaupte nicht, dass es so etwas gar nicht gibt, aber ich vermute doch, dass es sehr selten ist.

Wir sollten mehr über die religiöse Prägung von Kindern sprechen

Trotzdem halte ich die aktuelle Debatte für wichtig. Denn wir sollten mehr über die religiöse Prägung von Kindern sprechen.

► Ich bin ganz klar der Meinung, dass Kinder nicht in eine Religion gezwungen werden sollten.

Obwohl ich gläubig bin und in einem christlichen Kindergarten arbeite, habe ich zum Beispiel meine eigenen Kinder nicht getauft. Ich wollte, dass sie sich – wenn dann – aus freien Stücken für die Religion entscheiden.

Deshalb war es mir wichtig, dass sie sich mit den unterschiedlichen Religionen auseinander setzen. Denn nur dann kann die Entscheidung zum Glauben eine wirkliche Entscheidung sein.

Mehr zum Thema: Ich bin Muslima und trage Kopftuch, weil es mich in meiner Weiblichkeit bestärkt

Meine Tochter entschied sich irgendwann für das Christentum, mein Sohn gehört keiner Religion an.

Ich finde: Kinder sollten daher nicht von religiösen Symbolen ferngehalten werden, sondern mit so vielen verschiedenen wie möglich in Kontakt kommen.

Kinder sollen selbst entscheiden dürfen

Was wir unseren Kindern jedoch so früh es geht beibringen sollten, ist Nächstenliebe. Wer seinen Nächsten liebt, der beleidigt ihn nicht, der betrügt ihn nicht, der verletzt ihn nicht.

Und diese Nächstenliebe gibt es in allen Religionen. Sie ist sogar möglich, ohne religiös zu sein.

► Wir sollten daher niemandem verbieten, seine Religion auszuleben. Wir sollten niemanden verurteilen, egal für welche Religion sich jemand entschieden hat.

So sollten wir auch mit den Kindern umgehen. Wir sollten ihnen zeigen, welche Möglichkeiten ihnen das Leben bietet. Ihre Fragen beantworten und ihnen helfen, anständige Erwachsenen zu werden.

Die unterschiedlichen Religionen machen unsere Gesellschaft stark, allerdings nur dann, wenn sie nebeneinander existieren können. Und wenn Kinder unterschiedlicher Religionen und Herkunft miteinander lernen und spielen dürfen.

Das Gespräch wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet.

(amr)