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23/02/2019 16:45 CET

Panik vor der Hochzeit: Was tun, wenn nach der Verlobung die Nerven blank liegen?

Angst nach dem Antrag zu bekommen, muss nicht bedeuten, dass der Verlobte der Falsche ist.

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Auf einmal musst du unzählige Fragen zum Antrag und den Hochzeitsplänen beantworten. Wenn du emotional angeschlagen bist, kann das schwierig werden.

Sie waren seit fünf Jahren ein Paar, als Christine Sferles Freund ihr 2014 einen Heiratsantrag machte. Die folgenden beiden Tage lag sie schluchzend im Bett. Damit hätte sie nicht gerechnet.

Schließlich war der bilderbuchreife Antrag nicht aus dem Nichts gekommen; sie hatten schon oft über ihren Heiratswunsch gesprochen. Auf der einen Seite war Sferle glücklich und begeistert darüber, ihre Zukunft mit diesem wirklich wunderbaren Mann zu verbringen. Auf der anderen Seite wurde sie von unerklärlicher Angst, Traurigkeit und Scham überwältigt.

“Ich schämte mich nicht wegen der Verlobung, sondern weil ich verwirrt und traurig war“, sagt Sferle zu HuffPost. “Ich dachte erst, ich müsse das geheim halten. Bis ich doch mit meinem Verlobten darüber sprach und erkannte, dass meine Gefühle in Ordnung waren und nichts falsch an unserer Beziehung war.“

“Warum war ich nicht glücklich?”

Der Hochzeitsfotografin Jamie Delaine erging es ähnlich, als sie sich 2013 verlobte. Sie war bis über beide Ohren in ihren Partner verliebt, sie war begeistert vom Ring, den er ausgesucht hatte, und vom Antrag in ihrem Lieblingscafé. Und doch lag sie später verängstigt im Bett und weinte.

“Warum ging ich jeden Abend mit Tränen in den Augen die Treppe zum Schlafzimmer hoch? Warum war ich nicht glücklich? Ich war traurig. Erschlagen, durch und durch traurig“, schreibt sie in einem Blogbeitrag.

Wenn jeder um dich herum sagt, dass die Verlobung die “glücklichste Zeit deines Lebens“ sei, du aber anders fühlst, beginnst du zu glauben, dass mit dir oder deiner Beziehung etwas nicht stimmt. Aber das ist oft gar nicht der Fall.

Wir baten Frauen, die heute glücklich verheiratet sind, und Therapeuten darum, zu erklären, warum nach dem Antrag Angstgefühle entstehen – und wie man damit umgeht.

Angst zu haben nach dem Heiratsantrag ist normal – die Gründe:

Große Veränderungen im Leben – auch positive wie ein Heiratsantrag, eine Beförderung oder eine Schwangerschaft – können Stress, Angst und andere negative Emotionen auslösen.

“Angstgefühle zu bekommen, heißt nicht, dass man unglücklich über den Antrag selbst ist“, sagt Ehe- und Familientherapeutin Marni Feuerman. “Wenn man sich verlobt, kommt man der lebenslangen Bindung einen Schritt näher. Die bevorstehende Hochzeitsplanung kann dir Sorgen machen, die Familien zusammenzubringen, eine gute Schwiegertochter zu sein, zusammenzuziehen, finanzielle Entscheidungen zu treffen, eine gute Ehefrau zu sein und so weiter. Nach einem Antrag kommt so vieles auf dich zu, das Ängste auslösen kann – auch wenn sie nicht ganz logisch oder rational sind.“

Christine Sferle erkannte schließlich, dass ihr das veränderte Selbstbild zu schaffen machte, das der Antrag mit sich brachte. Fast ihr ganzes Leben lang war sie Single gewesen oder hatte Affären. Jetzt würde sie auf einmal die “Verlobte“ und die “Ehefrau“ sein, für sie ein ungewohnte Titel.

Warum ging ich jeden Abend mit Tränen in den Augen die Treppe zum Schlafzimmer hoch? Warum war ich nicht glücklich?Jamie Delaine

“Wir waren seit fünf Jahren zusammen. Aber wie es häufig bei Veränderungen ist, ist die neue Rolle da, lange bevor man sich wohl damit fühlt und man sie völlig angenommen hat“, sagt sie. “Ich fühlte mich während unserer Beziehung noch immer als Single-Frau – bis wir uns verlobten. Ich glaube, ein Teil meiner Trauer beruhte auf dem Verlust dessen, wer ich gewesen war und wie ich mich bis dahin gesehen hatte.“

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Wenn du deine Beziehung schon immer privat gehalten hast (du beispielsweise deine Partnerschaft nicht den sozialen Netzwerken zelebrierst), ist es ein enormer Wandel für dich, wenn auf einmal deine Liebe im Vordergrund steht. Die Nachricht verbreitet sich rasant, plötzlich wirst du überflutet von Nachrichten und Telefonanrufen von Freunden und Verwandten.

Diese Anteilnahme kann wunderbar sein, aber auch erschlagend. Auf einmal musst du unzählige Fragen zum Antrag und den Hochzeitsplänen beantworten. Wenn du emotional angeschlagen bist, kann das schwierig werden. Es ist aber alles eine Frage der Gewöhnung. Du kannst dir sicher sein, dass es völlig normal ist, wenn dir das Angst macht.

Sprich mit dem Partner und anderen Vertrauten über die Ängste

Du zögerst womöglich, mit jemand anderem über diese Gefühle zu sprechen – ganz zu schweigen vom zukünftigen Ehepartner. Schließlich willst du dessen Gefühle nicht verletzen, indem du ihn glauben machst, dieses Gefühlschaos sei mit Zweifeln an ihm als lebenslangen Partner verbunden.

Aber der Expertin Marni Feuerman zufolge lohnt es sich in jedem Fall, das Thema mit dem zukünftigen Ehepartner zu besprechen. Dabei solltest du allerdings durchdacht vorgehen.

“Werde dir zunächst bewusst darüber, über was genau du dir Sorgen machst. Du kannst diese Sorgen artikulieren, ohne die Gefühle deines Partners zu verletzen. Sag zuerst, wie glücklich du über die Verlobung bist, bevor du deine Angst ansprichst“, sagt sie. “Es ist gut möglich, dass dein Verlobter genauso fühlt und froh ist, darüber reden zu können. Das Gespräch bietet für euch beide die Gelegenheit, die Sorgen des anderen zu beruhigen und herauszufinden, welche Themen die negativen Gefühle auslösen.“

Vielen Frauen ging es ähnlich

Jamie Delaine erzählte ihrem Verlobten alles, was in ihr hochgekommen war, nachdem sie Ängsten befallen hatten. Wenngleich ihr Freund nicht hundertprozentig verstand, warum sie so beunruhigt war, hörte er geduldig zu, tröstete sie und versicherte, sie zu unterstützen.

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Sie vertraute sich einigen ihrer Brautjungfern an, die selbst erst kürzlich geheiratet hatten. Dabei erfuhr sie, dass es drei von vier Frauen nach dem Antrag ähnlich wie ihr ergangen war.

“Fast jede frisch verheiratete Frau, die ich gefragt habe, erlebte während der Verlobungszeit Phasen von Traurigkeit“, schreibt Delaine in ihrem Blogbeitrag. “Man ist hin- und hergerissen zwischen ‘der glücklichsten Zeit meines Lebens‘ und ‘Alles verändert sich. Das muss ich stoppen.’“

Mit den Freunden Familie über die Ängste zu sprechen war nicht einfach

Christine Sferle fand aus dem Tief heraus, nachdem sie ihrem heutigen Ehemann ihre Ängste offenbart hatte. Seine Reaktion erinnerte sie daran, warum sie sich in diesen Mann verliebt hatte.

“Einer der Gründe, warum ich ihn liebe, ist, dass ich mit ihm über alles reden kann“, sagt sie. “Das ist so wichtig in einer Partnerschaft. Denn jetzt, da uns das Leben immer einschneidendere Erfahrungen beschert – der Tod seiner Eltern, die Geburt unseres Babys, Verlust des Arbeitsplatzes und so weiter – haben wir ein starkes Fundament, das aus Gesprächen, Vertrauen und Zusammensein besteht. Dieses Fundament verstärkt sich noch, weil wir von Anfang an offen über unsere Gefühle in schweren Momenten des Lebens gesprochen haben.“

Mit den Freunden und der Familie über die Ängste zu sprechen war jedoch nicht so einfach.

“Diese ‘beunruhigenden Gefühle‘ lösten Unbehagen bei ihnen aus. Sie wollten sie für mich aus der Welt schaffen“, sagt sie. “Oder sie zogen voreilige Schlüsse, das Gefühlschaos sei ein Warnsignal und bedeute, dass etwas mit meiner Beziehung nicht stimme. Als Außenstehender so zu denken ist sicher nicht ungewöhnlich. Dennoch entfremdete mich von ihnen, dass sie die Komplexität meiner Gefühle nicht verstanden.“

Manchmal weist die Angst nach der Verlobung auf ein tieferes Problem in der Beziehung hin

Während derartige Angstgefühle normalerweise kein Grund zur Beunruhigung sind, gibt es Fälle, in denen sie auf ernsthafte Bedenken gegen den Partner oder die bevorstehende Ehe hinweisen.

Sie sollten tief in sich hineinhorchen oder die Hilfe eines Therapeuten oder eines anderen Vertrauten in Anspruch nehmen, um den wahren Grund für Ihre Befürchtungen zu finden, rät die Ehe- und Familientherapeutin Becky Whetstone.

Fast jede frisch verheiratete Frau, die ich gefragt habe, erlebte während der Verlobungszeit Phasen von Traurigkeit. Man ist hin- und hergerissen zwischen ‚der glücklichsten Zeit meines Lebens‘ und 'Alles verändert sich. Das muss ich stoppen.’Jamie Delaine

“Ich gehe mit frisch verlobten Klienten gerne einen Fragenkatalog durch: Habt ihr Warnsignale bemerkt? Seid ihr euch wirklich sicher?“, sagt sie. “Interessanterweise sind sich viele von ihnen – egal ob einzeln oder als Paar – vor dem Antrag möglicher Bedenken oder Gefahren bewusst. Aber dann entscheiden sie sich, sie zu rechtfertigen oder zu ignorieren und trotzdem zu heiraten.“

Allgemeine Bedenken angesichts der Bürde, die eine Ehe auch mit sich bringt, oder weil eine neue Lebensphase beginnt, sind in der Regel harmlos. Aber “wenn man konkrete Probleme benennen kann, die einen beunruhigen oder die noch nicht gelöst sind und sich diese auch noch auf den Verlobten beziehen, handelt es sich oft um ein Warnsignal“, sagt Feuerman.

Wenn du erkennst, dass dein Partner nicht der Mensch ist, mit dem du langfristig zusammen sein willst, dann denke daran: Es ist viel einfacher, eine Beziehung im Falle von Zweifeln abzubrechen, als die Scheidung einzureichen.

“Einer meiner Klienten hat sich kürzlich mit einer Frau verlobt. Inzwischen ist er sich sicher, dass sie ihm viel Leid bringen wird“, sagt Whetstone. “Ich sage ihm: Eine aufgekündigte Verlobung ist nicht mehr als ein kurzes Aufblitzen in der Lebensgeschichte, eine gescheiterte Ehe hat dagegen viel größere emotionale Auswirkungen.“

Wie du mit Ängsten nach dem Antrag umgehst

Marni Feuerman empfiehlt, sich der eigenen Gefühle bewusst zu werden (vielleicht mithilfe eines Tagebuchs) und mit dem zukünftigen Ehepartner und anderen vertrauenswürdigen Freunden und Verwandten zu sprechen. Daneben sollte man eine voreheliche Beratung bei einem Therapeuten oder – wenn man einer Kirche angehört – einem Geistlichen in Betracht ziehen.

“Eine Drittpartei kann dir bei der Gesprächsführung helfen, damit du alles auf den Tisch bringst, was dir Angst macht“, sagt sie. “Empfehlenswert ist, mit Menschen zu sprechen, die bereits verheiratet sind und diese Phase des Lebens bereits durchlaufen haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird deine Angst nachlassen. Du entspannst dich und kannst diese besondere Zeit in deinem Leben genießen.“

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Je ehrlicher wir über Ängste und Bedenken sprechen, die wir auch in scheinbar “glücklichen“ Zeiten haben, desto besser können wir mit der breiten Palette menschlicher Emotionen umgehen.

“Je weniger ich mich darauf konzentrierte, alles in einer bestimmten Weise zu sehen oder zu fühlen, desto mehr entspannte ich mich und desto besser konnte ich mit Veränderungen umgehen“, sagt Christine Sferle.

Wichtig: Derartige Angstgefühle müssen nichts mit einer diagnosefähigen Angststörung zu tun haben. Aber wenn du besorgt bist oder wenn du regelmäßig in deinem Alltag von Angst befallen wirst, solltest du einen Arzt oder einen Psychologen aufsuchen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(ak/ll)