POLITIK
26/07/2018 16:46 CEST | Aktualisiert 29/08/2018 14:02 CEST

Rassismus? An alle Deutschen, die nicht "Kartoffel" genannt werden wollen

Ein Gespenst geht um in unserem schönen Land.

Westend61 via Getty Images

Die Kartoffel muss sich vor konstanter Bedrohung schützen. Damit meine ich nicht das beliebte Knollengemüse – sondern den gemeinen Deutschen (ja, genau den!).

Ein Gespenst geht um in unserem schönen Land – ein Gespenst, das sein weißes Laken gegen eine braune Schale getauscht hat. Die Deutschlandfeindlichkeit manifestiert sich nicht in zunehmenden Angriffen gegen unsere deutschen Mitbürger (denn die Statistiken beweisen, dass die Zahlen sinken), sondern in der simplen Bezeichnung: Kartoffel. Das ist ja Rassismus!

Verständlicherweise ist es schlimm, wenn der Sandneger, das Schlitzauge oder der Spaghettifresser sich erdreisten, dem Deutschen einen knollig-knuffigen Kosenamen zu geben.

Dabei haben sich Deutsche seit Generationen aufgeopfert, dieses Land ganz alleine wieder aufzubauen (die Millionen Gastarbeiter aus Italien oder der Türkei haben schließlich nur die Drecksarbeit übernommen, das zählt nicht) – damit die Itaker, Polacken und Kanaken sich hier nun als Nutznießer breitmachen. Und sich dann auch noch beschweren.

“Spaghettifresser geht nicht – aber Otto-Normalkartoffel ist okay?”

Ich selbst habe polnische Wurzeln, bin aber in Deutschland geboren und aufgewachsen und fühle mich als Deutsche in meiner Kartoffelpelle sehr wohl. Ich habe Eigenschaften, die ich selbst als kartoffelig wahrnehme – zum Beispiel wenn ich genervt bin, weil jemand in der Bahn laut telefoniert. Oder weil mir in der Schule eine Weltoffenheit und Reflektiertheit mitgegeben wurde, die in manch anderen Ländern vielleicht keine Selbstverständlichkeit ist. Oder weil ich viel bio esse.

Ich habe vor kurzem einen Text veröffentlicht, in dem ich Deutsche als Otto-Normalkartoffeln bezeichne. Ein HuffPost-Leser kommentierte unter diesen Artikel wie folgt und fasst die gängigen Ressentiments ganz gut zusammen: 

Facebook Screenshot

Auch die AfD ist auf die Thematik des bedrohten Deutschen aufmerksam geworden – deswegen hat der AfD-Abgeordnete Jens Meier fürsorglich dafür plädiert, den Paragraphen 130 des Strafgesetzbuches gegen Volksverhetzung ausdrücklich auch auf Diskriminierung gegen das deutsche Volk anzupassen:

“Fragen Sie einmal die Kinder in westdeutschen Großstädten, ob gegen sie schon einmal in der Schule rassistisch gehetzt wurde. Gerade weil sie deutsch sind. Es werden jährlich mehr als 100 Millionen Euro für den Kampf gegen Rechts ausgegeben. Für den Schutz der eigenen Bevölkerung vor rassistischer Hetze oder Gewalt wird nichts oder so gut wie nichts getan. Das ist ein Skandal.” 

Auch der sonst so links verseuchte Gutmenschen-Journalismus ist auf den Zug mit aufgesprungen – so schreibt die “Neue Zürcher Zeitung” zum Beispiel darüber, dass es mittlerweile zum guten Ton gehöre, rassistisch gegen Deutsche zu sein 

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Dabei lieben wir Kartoffeln doch

Dabei ist die Bezeichnung “Kartoffel” doch erst einmal eine ganz liebevolle. Kartoffeln sind auf den ersten Blick vielleicht weder besonders spannend noch formschön – aber vielseitig.

Zunächst sind sie hart und ungenießbar – aber nach nur wenigen Minuten Weichkochen und einer Prise Salz erfüllen sie uns mit einer wohligen Wärme. Sie sind anpassungsfähig – erst im 16. Jahrhundert haben sie den Weg aus den Anden zu uns gefunden, und doch scheinen sie in Deutschland und der Welt zu Hause zu sein.

Und wer isst außerdem nicht gerne Kartoffeln? Immerhin verspeist der Durchschnitts-Deutsche bis zu 57 Kilo pro Jahr

Natürlich kann Sprache beleidigen und ausgrenzen – wie ein bestimmter Begriff gemeint und ob er rassistisch ist, hängt am Ende auch von Sprecher und Kontext ab. Der Soziologe Albert Memmi definiert in der “Welt” Rassismus so:

“Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.”  

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Das Wort Kartoffel alleine, auch als Sammelbezeichnung für Deutsche, ist demnach also erst einmal nicht rassistisch. Kartoffel ist kein Kraftwort, es ist nicht obszön, weist auf kein bestimmtes Aussehen oder eine spezielle Eigenschaft im negativen Sinne hin und der Kartoffel-Sager zieht keinen Nutzen aus dem Kartoffel-Genannten, wenn er ihn Kartoffel nennt.

Wenn die Kartoffel den Schwarzen allerdings Neger nennt, steht das in einem bestimmten geschichtlichen Kontext, der aus Herablassung entstanden ist und in Abgrenzung mündet.

Anders ist es natürlich, wenn man so etwas sagt wie: “Du dreckige Scheiß-Kartoffel, geh doch, wo du wohnst” – dann ist das eine Beleidigung. Keine Frage. Wenn aber jemand die deutsche Mentalität in einem liebevoll-witzelnden Begriff, der seinen Ursprung in der Esskultur findet, zusammenfasst, kann man auch mal auf dem Boden der Tatsachen bleiben:

Das ist kein ausgrenzender Hass-Begriff. Vor allem nicht, wenn die eine Kartoffel die andere Kartoffel nennt. In seinem eigenen Land mit der nationalen Identität umzugehen, ist nicht rassistisch, sondern notwendig.

Wir wollen alle beim Bullshit-Bingo der Diskriminierung mitspielen

Warum ist manch Deutscher dann so empfindlich bei der Bezeichnung Kartoffel? Weil er eine unglückliche Verallgemeinerung seines Deutschseins darin sieht und vielleicht auch ein bisschen, weil er beim Bullshit-Bingo der Diskriminierung mitspielen will.

Wegen der ganzen Political Correctness darf man ja gar nichts mehr – wer gegen die blöden Flüchtlinge hetzt, ist gleich rechts, wegen der Islamisierung muss man sich das Schweinefleisch vom Teller verbieten lassen – und der Negerkuss schmeckt auch nicht mehr so gut, seitdem er nur noch Schokokuss heißt.

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Wenn man sich als Biodeutscher schon derart den Mund verbieten lassen muss, dann dürfen die anderen Deutschen oder Nicht-Deutschen zumindest nicht mehr über die Deutschen im allgemeinen Sinne oder gar über die Kartoffeln sprechen.

Es ist ein bisschen wie in dem Lied “Straight White Male” von Bo Burnham. Dort heißt es: “Wir hatten früher das ganze Geld und das ganze Land – und wir haben es immer noch, aber es macht nicht mehr so viel Spaß.”

Die Durchschnittskartoffel gibt es nicht – deswegen steckt ein wenig von ihr in uns allen

Wenn ich Deutsche Kartoffeln nenne, tue ich das, um unser vielfältiges Land und seine Bevölkerung auf eine Tendenz zuzuspitzen, die sich in der Mentalität abzeichnet.

Um einen Durchschnittsdeutschen zu benennen, den es eben nur in der Theorie gibt, weil niemand auf der Welt Durchschnitt ist – und weil sich deswegen jeder Deutsche ein Stück weit mit ihm identifizieren kann. Und manchmal nenne ich mich selbst eben auch Kartoffel.

Wer sich an jeglichem, auch nur ansatzweise kritischem Umgang mit der deutschen Mentalität stört, sollte sich vielleicht stärker mit seinem eigenen Deutschsein auseinandersetzen.

Denn verunsichert sind wohl eher die, die sich schnell aus der Bahn werfen lassen und in jeder auch harmlos oder humorvoll gemeinten Verallgemeinerung eine Beleidigung wittern.