POLITIK
04/03/2018 00:44 CET | Aktualisiert 04/03/2018 11:18 CET

Kandel zeigt, dass die AfD keine Berührungsängste mehr mit Rechtsextremen hat

Die Organisatoren feiern die Proteste als “Durchbruch im Westen”.

Thomas Witzgall
Demonstration in Kandel
  • Mehr als 4000 Menschen sind am Samstag in den kleinen Ort Kandel gekommen 
  • Die Veranstaltung kam einem Schulterschluss der AfD mit der extremen Rechten gleich – egal ob Hooligan, Identitärer oder Neonazi

Durch die Rheinstraße im in Kandel schallen laute Parolen.

► “Festung Europa, macht die Grenzen dicht”, skandieren die Demonstranten. Über ihnen wehen Deutschlandfahnen, die Stimmung ist aggressiv.

► In der Parallelstraße wird ebenfalls demonstriert, hier dominieren Regenbogenfahnen und Rufe wie “Nazis raus”.

Zwei Straßen, zwei Welten.

Das rheinland-pfälzische Kandel hat am Samstag gezeigt, welch enormes Mobilisierungspotential die rechte Szene mittlerweile auch im Tiefsten Westen hat – wenn Wutbürger über die AfD bis hin zu Neonazis den offenen Schulterschluss üben.

“Kandel brennt nun wie eine Fackel”

Auf beinahe 4.500 Teilnehmer brachte es die Demonstration, die aus dem AfD-Umfeld organisiert wurde. Die Organisatoren hatten kein Problem mit den  mitdemonstrierenden Hooligans, Identitären und anderen extremen Rechten. Etwa 500 Menschen protestierten gegen den Aufmarsch.

Anlass der rechten Demonstration war die bereits Ende Dezember begangene tödliche Messerattacke auf die 15-jährige Mia – aber vermutlich nur, weil der mutmaßliche Täter, ihr Ex-Freund, aus Afghanistan stammt.

Bei der Demonstration selbst ging es dann auch nur am Rande um das Mädchen. 

Vielmehr feierten sich die Organisatoren: Die Demonstration sei der lange gewünschte “Durchbruch im Westen”. “Kandel brennt nun wie eine Fackel” und die Teilnehmer sollten für den Flächenbrand sorgen, verkündeten Redner. 

► Das sind Belege dafür, wie sehr die Organisatoren dort ein Festsetzen der rechten Bewegung herbeisehnen, wie es im Osten in Dresden oder Cottbus – zumindest zeitweise – schon gelungen ist.

Alles was rechts ist, war willkommen

Schon zu Beginn machte der Versammlungsleiter deutlich, dass es an dem Tag keine rote Linie nach rechts außen geben würde: 

► Er begrüßte die anwesenden Hooligans mit dem von Hogesa bekannten Schlachtruf “Ahu!”. Sie sollten nur daran denken, keine Bilder wie in Köln zu produzieren.

“Gesinnungsverfolgung” wolle man vielmehr Jusitzminister Heiko Maas überlassen, bekräftigte die AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum. In ihren Händen lag auch die Organisation der Veranstaltung.

Vertreter verschiedenster rechtsextremer Gruppierungen und Kleinstparteien strömten nach Kandel. Ob Neonazis vom III. Weg, die teilweise in Parteileitung mitliefen, vom Verfassungsschutz beobachtete Islamfeinde aus Bayern, frühere Pegida-Aktivisten, Pseudo-Bürgerwehrler von den Soldiers of Odin oder gar Reichsbürger. Sie alle waren Willkommen. 

Die Identitäre Bewegung durfte während der Demonstration sogar einen eigenen Block bilden.  

Thomas Witzgall
Der Block der Identitären

Kritiker wird rausgeschmissen 

Das Gros der Demonstration machten allerdings AfD-Anhänger und -Politiker aus – darunter die Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst oder der Essener AfD-Politiker Guido Reil. Zur Teilnahme an der Demo rief auch der AfD-Bundestagabgeordnete Thomas Seitz auf.

► Ausgeschlossen wurde an dem Tag nur ein ältere Teilnehmer. Er empfand eine Rede gegen den Islam als zu hetzerisch und tat auch vor der Bühne kund.

Daraufhin packten ihn Ordner und beförderten ihn rabiat heraus. Die Rednerin von der islamfeindlichen Organisation “Bürgerbewegung Pax Europa” warf dem Ausgeschlossenen auf dem Weg nach draußen noch vor, Konvertit zu sein.

“Merkels Marionetten” 

Auch inhaltlich gab es in den Reden keine Grenzen.

Anwesende Polizisten sollten sich fragen, ob sie “gegen ihr eigenes Volk” vorgehen würden. Merkel begehe mit ihren “Marionetten Hochverrat am Volk”.

“Wir Mütter haben keine Kinder bekommen, um sie von den Merkel-Gästen schänden oder abschlachten zu lassen”, dröhnte es aus einem Lautsprecher.

Kurzum: Blut klebe an den Händen der “Frontparteien”, die sich nicht mit “dem Islam” auseinandergesetzt hätten.

Am Ende verkündeten die Organisatoren noch einen kruden Forderungskatalog, der selbst das Positionspapier von Pegida in den Schatten stellt:  

► Die Grenzen sollten geschlossen werden.

Alle Illegalen seien abzuschieben.

► Schluss mit dem Doppelpass, nur Assimilation berechtige zum Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft.

► Grundsätzlich solle wieder das alte Abstammungsprinzip für die Vergabe der Staatsbürgerschaft gelten.

► Moscheen solle es nicht mehr geben, ebenso nur “unpolitische Muslime” – ohne aber näher ins Detail zu gehen.

Die Veranstalter forderten zudem weniger politische Einmischung von den Kirchen und Betrieben.

► Die Wehrpflicht solle wieder eingeführt werden, dafür aber das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gestrichen werden. 

Die Veranstaltung endete mit dem zweimaligen Singen der Nationalhymne – und der Aufforderung, sich das Land zurückzuholen.

Thomas Witzgall
Kuriosität am Rande: Neben der Demonstration und dem Gegenprotest gab es am Samstag noch eine dritte Veranstaltung. Etwa 350 Teilnehmer, darunter auch Mitglieder der AfD und der Jungen Alternative, folgten dem Aufruf von Marco Kurz – der sich vor allem inhaltlich an der Antifa abarbeitete. Ein Banner, dass sie mit der Sturmabteilung der Nationalsozialisten verglich, musste eingerollt werden.

Mit Material von dpa.

(mf)