POLITIK
18/04/2018 15:50 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 17:53 CEST

Kinder in Kampfanzügen in Moscheen: Experte erklärt die Hintergründe der verstörenden Szenen

Es geht um Nationalismus, nicht um Religion.

Kinder in Kampfanzügen salutieren, paradieren, präsentieren Spielzeugwaffen, liegen wie Leichen am Boden, zugedeckt mit der türkischen Flagge.

In den vergangenen Tagen sind immer mehr solcher Aufführungen aus Moscheegemeinden im deutschsprachigen Raum bekannt geworden. Erst in Herford. Dann Mönchengladbach, Ulm. Wien.

Was erst aussah wie ein befremdlicher Einzelfall, ist offenbar weit verbreitet. Entsetzt die Gesellschaft, beschäftigt die Polizei, bringt Moscheenverbände unter Druck. Lässt Welten aufeinanderprallen.

Yunus Ulusoy, Mitarbeiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung hat Einblick in beide Welten ­– und liefert Erklärungen.

Was hinter den martialischen Auftritten steckt

Türken erinnern am 18. März traditionell an die Schlacht von Gallipoli beziehungsweise Çanakkale.

Im Jahr 1915, im Ersten Weltkrieg, starteten die Alliierten mit britischen, australischen und neuseeländischen Soldaten eine Offensive auf die osmanische Halbinsel Gallipoli in der Provinz Çanakkale, um von dort Konstantinopel zu erobern, das heutige Istanbul.

Auch mit Hilfe des Deutschen Reichs schlugen die osmanischen Soldaten die Angreifer letztlich zurück. Obwohl sie technisch und militärisch unterlegen waren, wie Ulusoy sagt.

Die Zahl der Opfer war enorm: 100.000 Menschen starben, die meisten von ihnen Osmanen.

Ein osmanischer Soldat tat sich in der Schlacht besonders hervor: Mustafa Kemal Atatürk.

“In dieser Schlacht liegt Atatürks Mythos begründet”, sagt Ulusoy. Atatürk, der später die Türkei begründete, diesen neuen Staat, der mit dem Sultanat, der Religion, dem Alltag des Osmanischen Reichs brach und sich bis heute nicht als Nachfolger versteht. 

Es geht um Nationalismus, nicht um Religion 

ullstein bild via Getty Images
Ein Porträt Mustafa Kemal Atatürks und die türkische Flagge

Das heißt: Die Aufführungen haben nichts mit Religion zu tun, es geht um türkischen Nationalstolz, der im religiösen Umfeld gelebt wird.

Die drei bekannten Vorfälle in Deutschland fanden alle in Ditib-Gemeinden statt. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist der größte Moscheeverband in der Bundesrepublik, mit etwa 900 Gemeinden.

Er wird vom türkischen Religionsministerium Diyanet gesteuert.

Ditib stand schon mehrmals in der Kritik, weil dort religiöse Akteure politische Ziele verfolgen. Was besonders heikel ist, weil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei systematisch rechtsstaatliche Prinzipien aushebelt.

Atib, die Türkisch Islamische Union für kulturelle und soziale Zusammenarbeit in Österreich, in dessen Wiener Moschee Kinder aufmarschierten, gilt ebenfalls als verlängerter Arm der Türkei.

Politik und Behörden reagieren scharf

Nationalismus, Erdogan, Kindern als Kämpfer, als Leichen – das ist eine Mischung, die Politik und Behörden alarmiert.

► “Die Bilder aus der Ditib-Moschee sind verstörend und völlig inakzeptabel”, sagte Integrationsminister Joachim Stamp (FDP). 

► Der Bürgermeister von Herford, Tim Kähler, fand, das Spektakel sei “verstörend und alles andere als integrationsfördernd”. Die Stadt prüft, ob gegen den Jugendschutz verstoßen wurde.

► Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt.

► In Wien sagte Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) der Zeitung “Standard”: “Die Bilder zeigen Militarismus und Nationalismus, und dafür werden offenbar Kinder missbraucht.” Das Jugendamt solle prüfen, ob Kindswohlgefährdung vorliege. 

Experte: Solche Auftritte gibt es schon lange

“Ich kann die Diskussion aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft nachvollziehen”, sagt Ulusoy. “Wir sind im Moment ein wenig empfindlich, was Organisationen angeht, die der türkischen Regierung nahestehen.”

Außerdem seien Heldentum und Militarismus in Deutschland aufgrund der Geschichte besonders sensible Themen. 

Die deutsche Gesellschaft sehe den Aufführungen daher Militarismus, Ultranationalismus und Kindesmissbrauch.

Er geht davon aus, dass die Veranstalter die Brisanz der Aufführungen ganz anders einschätzen. Der Experte vermutet, dass es solche Auftritte in Deutschland vermutlich seit 30 Jahren gebe, “nicht nur bei Ditib”.

Die Ditib-Führungsebene bekommt, so jedenfalls vermutet es Ulusoy, von solchen Auftritten kaum etwas mit. Die einzelnen Moschee-Gemeinden agierten relativ unabhängig. Solche Auftritte würden in der Regel von Laien organisiert oder vom Imam, der aus der Türkei komme. 

“Interkulturelle Kompetenz braucht es auf beiden Seiten”

Ulusoy mahnt deswegen interkulturelle Kompetenz an. Man solle solche Vorfälle nicht aufbauschen. Aber kulturelle Sensibilität müsse eben nicht nur die Mehrheitsgesellschaft entwickeln, sondern auch ein Verband.

Er wünsche sich, dass Ditib in die Offensive gehe. Entweder, um den Mitgliedern klarzumachen, was sie mit solchen Veranstaltungen anrichten. Oder um klarzustellen, dass die Sache nicht so brisant sei, wie die Gesellschaft annimmt. 

Ditib aber schweigt. Der Dachverband hat eine HuffPost-Anfrage bislang nicht beantwortet.

Atib geißelt die “Entgleisung”

Ganz anders Atib in Österreich. Der Verband platziert auf seiner Homepage prominent eine Stellungnahme zu der “Entgleisung”: 

Die Veranstaltung sei schon lange vor den Presseberichten von der Zentrale auf ausdrückliche Anordnung des Dachvereins abgebrochen worden. Der Verantwortliche im Verein sei zum Rücktritt veranlasst worden.

Dennoch habe die Veranstaltung nicht Nationalismus und Militarismus dienen sollen, sondern dem Gedenken der gefallenen Soldaten und dem Frieden der Nationen.

Korrektur: In einer ersten Version des Textes wurde der Name des Experten falsch angegeben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

(tb)