POLITIK
25/11/2018 14:33 CET | Aktualisiert 25/11/2018 17:36 CET

Kamele im Schnee

Wie aus einem Flüchtling aus dem Sudan ein Käsemacher in der Schweiz wurde.

Josh Groeneveld
Der sudanische Flüchtling Hassan Alzain baut sich in den Schweizer Alpen ein neues Leben auf. 

Hassan Alzain steht in einer Lache aus Putzwasser und Joghurtresten vor einem kleinen Fließband und greift zu. Aus seinen schwieligen Händen wandern vier Milchkartons in eine graugrüne Plastikkiste; vier weitere Kartons schieben sich auf dem Fließband hinterher.

Gegenüber pumpt die Abfüllmaschine unablässig Milch in Kuh-bemalte Pappschachteln. Der Lärm verschluckt jedes Wort, das Hassan und seine drei Kollegen wechseln, die Maschine röhrt und sonort unablässig. Aber Hassan scheint zufrieden. Er greift zu, er packt weg, er greift zu – Stunden lang.

Hassan Alzain lebt und arbeitet in Bever, einem aus Holzhütten, Fachwerk und Betonbauten bestehenden Dorf nahe St. Moritz in der Schweiz. In diesen letzten Tagen des Oktobers vermischen sich draußen vor der Molkerei die rostgoldenen Nadeln der Lärchen mit den dicken, ersten Schneeflocken dieses Winters.

Der Sudaner hat hier eine Wohnung, in der gerade genug Platz ist für ein Bett, einen Schrank, einen Tisch, den Fernseher und eine kleine Küchenzeile. Aus der Lataria Engiadinaisa, in der er arbeitet, dringt würzig-beißender Geruch herauf.

“Mein Haus, meine Arbeit, wo ich lebe, das ist für mich meine Heimat”, sagt Hassan. Er steht vor dem Herd und schneidet Mangostücke in sein Reiscurry. Meistens isst er abends allein.

Im Jahr 2014 ist Hassan aus seiner Heimat geflohen. Er wollte nach Schweden und strandete in der Schweiz. In der Alpenregion Engadin in Graubünden.

Josh Groeneveld
Schnee, Eis und Nebel in St. Moritz. 

200.000 Menschen leben hier, Migranten gibt es kaum. Im gesamten Kanton wurden in den vergangenen Jahren nur 508 Flüchtlinge anerkannt; Hassan war einer von ihnen.

Ein Fünftel aller Geflüchteten in Graubünden geht einer Arbeit nach – ein Wert weit über dem Schweizer Durchschnitt. Wenn möglich, vermittelt der Kanton eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz.

Oder ein Praktikum, wie bei Hassan, der im Juli seine Stelle im Engadin antrat. 

Eine richtige Heimat sei das Engadin für viele Migranten zwar nicht, heißt es bei der Integrationsbehörde des Kantons. Das Leben in der Region sei teuer, die Erwartungshaltung an die Geflüchteten hoch.

“Aber Herr Alzain, der ist ein Guter.”

Aus der Steppe in die Berge

“In unserem Haus waren immer Leute, 20 mindestens, es wurde geredet und gelacht und gegessen”, sagt Hassan über den Reistopf gebeugt. Doch in der Schweiz ist das Leben für ihn einsam geworden.

“Wenn ich mit Leuten etwas mache, ist es gut. Aber wenn ich alleine bin, dann kommen zu viele Gedanken in den Kopf.”

Wenn Hassan spricht, malt er Bilder in die Luft. Bilder vom Haus seiner Familie im Sudan, seinem Vater, dem Häuptling, seiner Mutter, seiner Schwester. Von Freunden und Fremden, den Gästen seines Vaters. Und der Steppe Darfurs, auf der die Kamele seiner Onkel grasten.

Hassans Hände malen, was er vermisst.

Josh Groeneveld
Hassan im Supermarkt der Stadt Bever. Die Kassierin grüßt ihn mit einem "Grüzi", er grüßt mit einem "Grüzi" zurück. 

Hassan Alzain will nicht erklären, warum er den Sudan verlassen hat. Warum er vor vier Jahren geflohen ist, gerade 18 Jahre alt. Aus der Steppe in die Berge, aus Darfur bis in die Schweiz.

“Nur ein Unfall”, sagt er lächelnd über die Narben an seinem Auge. Die Stammeskriege in Darfur, die Hunderttausenden aus ihren Dörfern Vertriebenen, die überfallenen, vergewaltigten und gelynchten Zivilisten – er erwähnt sie nicht.

Hassan ist ein Flüchtling, der nicht als solcher gesehen werden will. Zwischen seiner glücklichen Kindheit im Sudan und seinem neuen Leben in der Schweiz klafft eine Lücke. Eine Lücke, die der 22-Jährige nicht mit Worten füllen will.

Bewusst anders

Auf einer Ablage vor dem Bett, neben den Servietten und der Mikrowelle, liegen sieben Zettel. Sie sind von oben bis unten voll geschrieben, auf Deutsch und Arabisch.

Wörter wie “der Konsument”, “der Wucher” und “invariabel” stehen auf den Zetteln. Den Begriff “die Preisminderung” hat Hassan in roter Farbe geschrieben.

Hassan will Milchtechnologe werden. Er möchte sogar einen Käse kreieren, den es weder im Sudan noch in der Schweiz gibt: einen Käse aus Kamelmilch. Kamele, sagt Hassan, seien seine Lieblingstiere.

Hunderte, Tausende hätten die Familien im Sudan. Aber die Milch der Tiere werde nicht richtig genutzt, sie werde nur bei privatem Bedarf gemolken. Hassan will das ändern – und in der Schweiz damit anfangen.

Leider sei es schwer, in Europa überhaupt an Kamelmilch zu kommen, sagt er. Und dann sei da das Problem mit den Enzymen: Kuhmilch gerinne anders als Kamelmilch. Schmecken würden beide aber ähnlich, die Kamelmilch sei bloß salziger – und gesünder.

“Wenn das klappt, mit dem Kamelkäse, dann hole ich auch Kamele in die Schweiz”, sagt Hassan und lacht. Kamele im Schnee, das sei zwar zu kalt. Aber dann baue er eben einen Stall mit Heizung.

Erst die Arbeit

“Der Hassan ist schon intelligent”, lobt Beat Klöti, der Chef der Molkerei. Klöti sitzt im Aufenthaltsraum der Lataria Engiadinaisa und trinkt einen Kaffee, während seine Mitarbeiter durch die Molkerei wuseln.

Er hat den Flüchtling im Juli nach einer Woche Probearbeit eingestellt. “Hassan hat eine Nische gefunden, mit seinem Kamelkäse”, sagt Klöti und lächelt breit.

“Wenn die Flüchtlinge nun mal hier sind, dann soll man sie auch beschäftigen, oder?”, fragt Klöti. “Dann kommen sie auch nicht auf dumme Gedanken und sind versorgt.”

Josh Groeneveld
Hassan bei der Arbeit in der Lataria Engiadinaisa. 

Eine echte Lehrstelle wolle er erst 2019 ausschreiben, sagt der Molkerei-Chef. Für diese hätte dann aber ein Einheimischer den Vorrang. Hassan könne vielleicht in einem anderen Betrieb des Molkereiverbands Emmi unterkommen, zu dem die Lataria Engiadinaisa gehört.

Sicher ist das nicht. Ebenso wenig, ob Hassans je Kamelkäse herstellen wird.

Klöti will seinem Praktikanten zwar helfen – auch, weil das gut für das Marketing wäre. Konkrete Pläne für einen sudanesisch-schweizerischen Kamelkäse gibt es aber noch nicht.

“Super, tiptop”

Der Chef sagt: “Hassan muss jetzt erstmal Arbeiten lernen.” Also arbeitet Hassan. Er greift zu und er packt weg.

Auch seine Sorgen versucht er, wegzupacken. Dass es mit einer Lehrstelle nicht klappt, dass ihn die Menschen in Bever oder anderswo in seiner neuen Heimat nicht aufnehmen.

Hassan will nicht zurück in den Sudan. Er spricht bereits Deutsch mit arabisch-schweizerischem Akzent. Dinge, die er gut findet, nennt er “super, tiptop”.

An einer Wand in seinem Zimmer, in der Ecke rechts neben dem Fenster, hängen Fotos. An einer Stelle berühren sich die sandige Weite Darfurs und die sonnigen Gipfel des Engadin. Unter die Fotos hat Hassan ein Bild geklebt, das er selbst gemalt hat.

Es zeigt ein Kamel.