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04/04/2018 17:05 CEST | Aktualisiert 04/04/2018 17:05 CEST

Hebamme: Wir müssen aufhören, Kaiserschnitt-Mütter zu verurteilen

Alle Mütter sind Heldinnen.

Image taken by Mayte Torres via Getty Images
Es kann passieren, dass man einen Kaiserschnitt braucht – und dafür sollte sich niemand schämen.  

Ich möchte euch gerne von der ersten Geburt erzählen, die ich begleitet habe.

Ich war Schwesternschülerin und machte gerade mein Praktikum auf der Entbindungsstation. Die Stimmung im Raum war angespannt, doch man spürte auch eine gewisse Vorfreude.

Wir befanden uns in einem Krankenhaus. Die Mutter und der Vater hatten aufgeregt und sehnlich auf diesen Tag gewartet, an dem sie endlich ihr geliebtes Baby kennenlernen würden.

Ärzte und Hebammen kamen herbeigeeilt, um dieses neue Leben zu begrüßen. Und ich durfte dabei zusehen und dieses Wunder aus nächster Nähe miterleben. Stille. Man hörte ein Saugen, einen Schwall von Flüssigkeit, etwas ziehen und dehnen und eine piepsende Maschine.

Und dann kam aus der Mutter plötzlich ein richtiges Menschenbaby heraus. Rosarot, wundervoll und mit dem Hintern voran. Ein hübsches Mädchen, das stolz schrie. Es war so großartig, ein wahres Wunder.

Ich wollte am liebsten der ganzen Welt von diesem Erlebnis berichten

Ich war unglaublich bewegt und stolz darauf, dass ich etwas so Magisches miterleben durfte. Aus dem Bauch dieser Frau war gerade einfach ein Baby herausgekommen.

Ich wusste ja, dass es da drinnen war. Ich wusste, dass dies alles passieren würde. Doch dem Baby dabei zuzusehen, wie es auf die Welt kam, war einfach atemberaubend. Ich weinte und wollte am liebsten der ganzen Welt von diesem Erlebnis berichten.

Diese Geburt war ein Kaiserschnitt. Es war ganz genau dasselbe Wunder der Geburt und dasselbe Gefühl, das ich jedes Mal habe, wenn ich dabei zusehe, wie ein Baby zur Welt kommt. Und zwar unabhängig davon, mit welcher Methode dieses Baby geboren wird.

Seit es den Kaiserschnitt gibt, wurden viele Leben gerettet

Mittlerweile muss ich nicht mehr jedes Mal automatisch weinen. Doch trotzdem werde ich immer noch jedes Mal von einer Welle an Emotionen überwältigt. Ich bin stolz auf uns Menschen und ich bin glücklich, dieses Wunder miterleben zu dürfen.

Könnt ihr sagen, wer per Vaginalgeburt und wer mit einem Kaiserschnitt zur Welt gekommen ist, wenn ihr in einem Raum mit 200 Menschen steht? Nein.

Ich weiß jedoch, dass viele Leben gerettet werden konnten, seit diese Operation durchgeführt wird. Und seit diese Operation in einer sterilen Umgebung mit qualifiziertem medizinischen Fachpersonal durchführt wird, konnten sogar noch mehr Menschenleben gerettet werden.

Es klappt eben nicht immer so, wie man möchte

Bei Kaiserschnittgeburten wird oft behauptet, dass die Frauen sich zu ‘fein zum Pressen’ wären oder dass sie den ‘leichteren’ Weg gehen wollten.

Vaginalgeburten scheinen das Nonplusultra für Frauen zu sein. Und wenn man keine Medikamente gebraucht hat und eine Hausgeburt hatte, ist man sowieso die Heldin.

Doch selbst wenn man noch so ausgeklügelte Pläne schmiedet, klappt es eben nicht immer so, wie man möchte.

Es kann passieren, dass ihr einen geplanten Kaiserschnitt braucht, weil das Baby in der Steißlage liegt oder weil ihr an einer Placenta Praevia leidet. In diesem Fall liegt ein Teil oder sogar die ganze Plazenta vor dem Gebärmutterhals, was im Falle einer natürlichen Geburt zu Blutungen führen könnte und sowohl für die Mutter als auch für das Kind lebensgefährlich ist.

Und es gibt noch viele weitere Gründe. Es kann in jeder Phase der Wehen passieren, dass ihr plötzlich einen Notfall-Kaiserschnitt braucht. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um einen Notfall. Das heißt, dass das Leben der Mutter, des Babys oder von beiden in Gefahr ist.

Und deshalb sollte es heutzutage auch nicht mehr passieren, dass Frauen dafür kritisiert werden.

Immerhin ist auch ein Kaiserschnitt die Geburt eines neuen Menschen

Während manche Frauen enttäuscht sind, freuen andere wiederum sich über ihren Kaiserschnitt. Und genau das sollten wir auch tun. Denn immerhin handelt es sich um die Geburt eines neugeborenen Menschen.

Ein Mensch, auf den ihr gewartet habt und den ihr herbeigesehnt habt und der jetzt endlich da ist, um geliebt und geschätzt zu werden.

Ich persönlich hatte sowohl Vaginalgeburten als auch einen Kaiserschnitt. Bei einer der Vaginalgeburten musste ich genäht werden, bei der anderen nicht.

Mehr zum Thema: 3 Wahrheiten über Kaiserschnitt-Mütter

Ich kann euch sagen, dass Vaginalgeburten zwar während der Wehen größere Schmerzen verursachen (denn ich hatte zuerst ganz normale Wehen und dann einen Kaiserschnitt, es hat also auch weh getan!). 

Kaiserschnitte sind jedoch während der Heilungsphase schmerzhafter und ich war danach weniger fit.

Außerdem hatte ich nach dem Kaiserschnitt viele Narben und ein Taubheitsgefühl in dem Bereich. Und ich kam mir ein kleines bisschen wie eine Versagerin vor.

Mit der Zeit verheilt die Narbe

Ich schaute auf meine Narbe herab und sie erinnerte mich daran, dass alles nicht so wirklich nach Plan gelaufen war.

Natürlich weiß ich, dass mein Kaiserschnitt vermutlich das Leben meines Babys und auch mein eigenes gerettet hat. Doch trotzdem frage ich mich manchmal, ob ich mich vielleicht nicht doch anders entschieden hätte, wenn es anders gegangen wäre?

Mit der Zeit verheilte meine Narbe. Die Wahrheit ist jedoch, dass wir dieses ‘was wäre wenn’ ohnehin niemals beantworten können.

Ich verließ mich bei der Geburt auf den Rat der Ärzte und ich war ihnen ausgeliefert. Selbst wenn ich die Macht gehabt hätte, alles zu verändern, wäre letzten Endes vermutlich trotzdem dasselbe dabei herausgekommen.

Es ist an der Zeit, uns von diesen Vorstellungen zu lösen

Er ist jetzt hier und es geht im gut. Ich bin am Leben und ich konnte danach noch zwei Vaginalgeburten ohne Komplikationen haben.

Doch könnte dies vielleicht der Grund dafür sein, dass manche Frauen noch immer von anderen Frauen kritisiert werden (denn meist kommen diese Aussagen von anderen Frauen)?

Weil wir insgeheim alle das Gefühl haben, dass Kaiserschnitte vermieden werden sollten? Ist das eine Scham, die wir uns selbst auferlegen?

Es ist an der Zeit, uns von allen diesen Vorstellungen zu lösen. Wir tun genau das, was wir zu diesem Zeitpunkt mit unserem jeweiligen Wissensstand eben tun können.

Es liegt einfach nicht in unserer Hand 

Manche Frauen machen ihrer Ansicht nach alles “richtig”. Sie besuchen sämtliche Kurse und lesen alles nach. Sie machen Sport, sie ernähren sich gesund, sie machen Hypnobirthing, eine Geburt unter Selbsthypnose. Und dann geht während der Wehen doch etwas schief und sie brauchen einen Kaiserschnitt.

Ich habe Frauen erlebt, die danach zutiefst enttäuscht von sich selbst waren. Doch es ist nicht ihre Schuld.

Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen und den stärksten Willen der ganzen Welt haben, liegt es nicht in unserer Hand. Die Nabelschnur des Babys kann während der Wehen eingeklemmt werden. Es kann auch passieren, dass der Kopf des Babys in einer bestimmten Position stecken bleibt.

Und dann kann man so fest pressen, wie man will, und er kommt trotzdem nicht heraus. Es gibt die verschiedensten Gründe, warum es einfach nicht klappt. Doch zum Glück haben wir eine Alternative.

Mehr zum Thema: Die Angst, keine Hebamme zu finden, hat mir die Freude über meine Schwangerschaft genommen

Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass wir die freie Wahl haben sollten. Wenn eine Frau genug Geld hat, sich ausreichend informiert hat und über die Vor- und Nachteile von Kaiserschnitten aufgeklärt wurde und sich letzten Endes für einen geplanten Kaiserschnitt entscheidet, warum sollten wir dann über sie urteilen dürfen?

Ein Kaiserschnitt bedeutet nicht, dass du deshalb keine richtige Mutter bist

Man sollte sich immer ausführlich aufklären lassen. Doch wenn eine Frau sich informiert hat und über diese Auskünfte nachgedacht hat, müssen wir ihre Entscheidung respektieren.

Eine Geburt ist eine Geburt. Ganz egal, wie das Baby zur Welt kommt. Ein Kaiserschnitt bedeutet nicht, dass ihr deshalb keine richtige Mutter oder kein vollwertiger Elternteil mehr seid.

Ist ein Vater nach einer Kaiserschnittgeburt kein richtiger Vater mehr? Diese Frage stellt niemand, richtig?

Alle Mütter sind Heldinnen

Ein Vater entsteht, wenn ein Baby zur Welt kommt. Genauso ist es mit der Mutter. Ganz egal, wie es gelaufen ist.

Stellt euch mal vor, Männer würden sich in der Kneipe darüber beklagen, dass sie als Vater versagt haben, weil ihre Partnerin einen Kaiserschnitt hatte. Oder dass sie dies in ihrem Facebook-Status posten würden.

Darüber muss man schon fast lachen. Und genau so sollten wir jeden behandeln, der irgendetwas über die Art deiner Geburt oder über die Geburt einer anderen Frau sagt.

Alle Mütter sind Heldinnen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.