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05/03/2018 17:54 CET | Aktualisiert 05/03/2018 18:11 CET

Justin Baldoni: Was ich von meinem neugeborenen Sohn über meine Männlichkeit gelernt habe

Ich hatte Angst, dass mein Sohn mein Verhalten irgendwann nachahmen wird.

Greg Doherty via Getty Images
Justin Baldoni.

In vergangenem Frühjahr fanden meine Frau Emily und ich heraus, dass wir zum zweiten Mal Eltern werden würden. Dieses Mal sollte es ein Junge werden. Wie die meisten Eltern überkam auch uns einen kurzen Augenblick lang die Angst. Uns wurde klar, dass wir von nun an für den Rest unseres Lebens nicht mehr nur für das Wohlergehen eines einzigen Menschen verantwortlich sein würden, sondern für das Wohlergehen von gleich zwei Menschen – was eigentlich überhaupt keine große Sache ist.

Zusammen mit unserer wundervollen zweijährigen Tochter Maiya erlebten Emily und ich alle emotionalen Aufs und Abs, die eine Schwangerschaft so mit sich bringt. Wir waren glücklich, erwartungsvoll und aufgeregt. Wir beteten, dass unser Baby gesund zur Welt kommen möge. Und wir konnten das schiere Wunder kaum fassen, dass wir es irgendwie geschafft hatten, noch ein weiteres Menschenleben zu erschaffen.

Was für ein Wunder.

Ich hatte Panik

Doch als der Bauch meiner Frau immer größer wurde, kam bei mir auch noch ein anderes Gefühl auf. Ein Gefühl, über das niemand spricht. Ein Gefühl, auf das mein Vater und die anderen Männer in meinem Leben mich nie vorbereitet hatten. Wahrscheinlich, weil wir Männer derartige Gefühle eigentlich gar nicht haben sollten: Ich hatte Panik.

Leon Bennett via Getty Images
Baldoni mit seiner Frau Emily – und dem ungeborenen Sohn.

Diese Panik kam von dem Wissen, dass mein Sohn mit zunehmendem Alter natürlicherweise mein Verhalten nachahmen würde. Genau wie ich das Verhalten meines Vaters nachgeahmt hatte und wie er wiederum das Verhalten seines Vaters nachgeahmt hatte. Denn das tun Söhne eben.

Ich bin jetzt nicht unbedingt das schlechteste Vorbild: Ich kümmere mich um meine familiären und beruflichen Pflichten. Ich versuche liebevoll zu sein und zu helfen, wo ich kann. Ich bin mit Sicherheit alles andere als perfekt, aber ich gebe mein Bestes. 

Ich will meinem Sohn in seiner Kindheit die Dinge vermitteln, die ich am besten kann. Ich weiß aber auch, dass er meine eigenen Unsicherheiten mitbekommen wird.

Wie jeder andere habe auch ich eine Schattenseite. Diese Seite bekommen nur meine engsten Vertrauten zu sehen. Ich arbeite daran, auch diese Seite offen zu zeigen, um sie etwas näher ans Licht zu bringen.

Ich habe ein problematisches Verhältnis zu meinem Körper

Auch dieser Artikel ist Teil meines Versuches, mehr zu dieser Seite zu stehen. Es gibt eine ganze Reihe an Dingen, die mein Sohn mir lieber nicht nachmachen sollte.

Aber allein der Gedanke, dass er mir dabei zusehen würde, wie ich stundenlang im Fitnessstudio trainierte, Kalorien zählte, meine Kohlehydrat-Zufuhr überwachte, mein Aussehen kritisierte und gemeine Kommentare über meine dürren, hässlichen Beine und meine schiefe Nase abließ, brachte mich zu der Überzeugung, dass ich bereits versagt hatte. Und dabei war er noch nicht einmal auf der Welt.

Um es ganz offen zu sagen wusste ich, dass mein Sohn mitbekommen würde, welch problematisches Verhältnis ich zu meinem eigenen Körper hatte. Und dass er dieses Verhalten vielleicht auch irgendwann nachahmen würde. Er sollte in diesem Punkt auf gar keinen Fall nach mir geraten. Ich wollte, dass er es besser weiß, dass er sich besser fühlt und dass er es besser macht als ich.

►  Es ist kein Geheimnis, dass in unserer Kultur Männlichkeit mit körperlicher Größe und Kraft gleichgesetzt wird.

“Richtige Kerle” haben einen breiten Oberkörper, einen Waschbrettbauch und Arme, mit denen sie einen Fiat in die Luft heben können.

Ich habe mich nie wie ein “echter Mann” gefühlt

“Echte Männer” können sich und ihre Familie vor Gefahren schützen. Und richtige Männer haben keine Angst ― weder vor Liebeskummer, noch vor einer Kündigung. Und schon gar nicht vor dem neuen Leben, das gerade im Bauch ihrer Frau entsteht.

Meine Garage ist vollgestopft mit Hanteln, Yogamatten, einem Laufband, einem Heimtrainer und vielen anderen Utensilien, die mir dabei helfen sollen, die großen, starken und fettfreien Muskeln aufzubauen, die ich nach Meinung der Gesellschaft brauche, um ein richtiger Mann zu sein.

Doch obwohl ich viel trainiere, kann ich diesen echten Kerl nicht im Spiegel entdecken. Stattdessen habe ich lange Zeit einen dünnen und unbeliebten Jungen gesehen. Ich habe einen tollpatschigen Teenager gesehen, der in der Schule gehänselt wurde. Einen Jungen, der seine tief sitzenden Unsicherheiten unter gespieltem Selbstvertrauen versteckt hat.

► Und der sich niemals wie ein “echter Mann” gefühlt hat, weil er immer Angst vor seiner eigenen Verletzlichkeit hatte.

Ich habe viel Zeit und Energie investiert und Abend für Abend im Fitnessstudio geschwitzt, um diesen unsicheren kleinen Jungen in die verborgensten Regionen meiner Seele zu verbannen. Doch er ist nie ganz verschwunden. Und selbst als ich anfing, immer mehr Muskelmasse aufzubauen, sah ich im Spiegel noch immer diesen Jungen.

Du bist faul und schwach und nicht gut genug

Er sagte mir, dass ich nicht gut genug war. Ich wollte mit meinen Muskeln nicht meine Männlichkeit unter Beweis stellen. Stattdessen wollte ich mit meinen Muskeln diesen kleinen Jungen beschützen. Und vielleicht wollte ich ihn auch darunter verstecken.

Ich habe das Glück, einen wundervollen Beruf ausüben zu dürfen, bei dem ich hin und wieder auch dafür bezahlt werde, dass ich im Fernsehen mein T-Shirt ausziehe. Und trotzdem ertappe ich mich noch immer manchmal dabei, wie ich in den Spiegel schaue und Dinge zu mir sage, die ich zu keinem anderen sagen würde: Du bist faul. Du bist schwach. Du bist nicht gut genug. Du bist nicht männlich genug.

Ich war sehr überrascht zu erfahren, dass die gesellschaftlichen Vorstellungen, die zum Teil für meine Unsicherheiten verantwortlich sind, ein relativ neues Phänomen sind. In einer aktuellen Folge meiner Serie “Man Enough” habe ich mich mit dem klinischen Psychologen Dr. Roberto Olivardia unterhalten.

Die Vorstellung, dass Männer wie griechische Götter aussehen sollten, sei tatsächlich erst in den 1980er-Jahren entstanden, erklärte er mir.

Damals wurden Stars wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone immer populärer. Vor dieser Zeit sah das Idealbild eines Mannes in den USA eher wie der Marlboro-Mann aus — ein derber und kräftiger Einzelgänger. In den 1980er-Jahren erschienen dann jedoch Filme wie Rambo und Terminator. Und in der Werbung sah man plötzlich nur noch Muskelprotze mit nackten Oberkörpern.

Jeder Mann sollte sich so einen Körper zulegen

Immer mehr Männer unterzogen sich Schönheitsoperationen und ein extrem männliches Aussehen wurde zum neuen Idealbild. Dieses Aussehen wurde meist durch Steroide erzielt, die anfangs nur Spitzensportlern verabreicht wurden und schließlich doch für jeden erhältlich waren.

Jungen und Männern wurde eine eindeutige Botschaft vermittelt: Es kann mittlerweile jeder Mann einen solchen Körper bekommen. Und deshalb sollte auch wirklich jeder Mann sich so einen Körper zulegen.

Ich nahm mir diese Botschaft sehr zu Herzen. Und weil mein Körper nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprach, wuchs ich zu einem sehr unsicheren jungen Mann heran. Ich abonnierte jede Fitness-Zeitschrift, die ich finden konnte. Meine Küche war vollgestopft mit den neuesten Protein-Nahrungsergänzungsmitteln, mit Sportlernahrung und mit Kreatinen.

Denn die Typen mit den extremen Waschbrettbäuchen in meinen Fitnesszeitungen behaupteten, dass ich diese Produkte kaufen musste, wenn ich so aussehen wollte wie sie. Die Jahre vergingen.

Ich wurde Schauspieler, Ehemann und Vater. Ich reiste durchs Land und unterhielt mich mit Kindern über Spiritualität, über die Verwirklichung ihrer eigenen Träume, über Selbstbewusstsein und darüber, wie man mit Anstrengung zum Erfolg kam.

Und dennoch musste ich feststellen, dass ein Teil meines eigenen Selbstwertes nicht nur von meinem Aussehen abhing. Sondern auch davon, wie hart ich dafür arbeitete, um dieses Aussehen zu erreichen.

Denn mein hoher Grad an Disziplin war für mich ein weiterer Beweis für meine Männlichkeit.

Der erste Schritt zur Heilung

Ich bin im Bahai-Glauben aufgewachsen. In dieser Religion hatte ich gelernt, dass man sein wahres Glück nur in der geistigen Welt finden kann, nicht in der physischen. Ich hatte gelernt, dass wir Menschen geistige Wesen sind, die eine körperliche Erfahrung auf der Welt machen.

Als Emily zum zweiten Mal schwanger wurde, war ich 34 Jahre alt. Ich hatte mit der Zeit herausgefunden, dass ich am zufriedensten war, wenn ich mich auf meine Seele konzentrierte anstatt auf meinen Körper. Doch obwohl ich ein sehr spiritueller Mensch war, gab es noch immer Tage, an denen ich mich nicht wie ein richtiger Mann (und Mensch) fühlte, wenn ich ein Training verpasste oder wenn mein T-Shirt einmal lockerer saß als normalerweise.

Und wenn ich dann auch noch meinem gelegentlichen Verlangen nach einem doppelten Cheeseburger mit Pommes nachkam, fiel mein Selbstwert ins Unendliche.

Dass ich erkannte, wie wenig meine spirituellen Prinzipien mit meinen zerstörerischen Gedankenmustern zusammenpassten, war für mich der erste Schritt zur Heilung. Wie man so schön sagt, muss man sein Problem erst einmal erkennen, bevor man es lösen kann.

Der zweite Schritt zu meiner Heilung war, mich nicht mehr dauernd mit anderen zu vergleichen. Ich arbeite noch immer daran und werde das möglicherweise für den Rest meines Lebens tun. Ich versuche, mich in meinen Gedanken und in meinem Verhalten immer daran zu erinnern, dass ich allein der einzige Mensch bin, an dem ich mich messen muss.

Angesichts der Tatsache, dass es in den sozialen Medien Millionen Adonisse gibt, die mit ihren nackten Oberkörpern um Likes buhlen, ist diese Lektion ziemlich herausfordernd.

Ohne meine Frau hätte ich es nicht geschafft

Der nächste Schritt war es, mich selbst zu lieben. Ohne Emily hätte ich das niemals geschafft. Sie hat mir gezeigt, dass bedingungslose Liebe wirklich existiert. Ihre Liebe — ihre Geduld, dass sie mir wirklich zuhört, wenn ich ihr etwas erzähle, dass sie mich mit einem einzigen verständnisvollen Blick beruhigen kann, dass sie sich um unsere Familie kümmert und uns bedingungslos liebt — hat mir gezeigt, was Liebe wirklich bedeutet und wie sie sich anfühlt.

Emily hat mir gezeigt, dass ich ihre Liebe verdient habe.

Und dass ich so viel mehr bin als nur mein Körper. Bei Emily konnte ich mich so sicher fühlen, dass ich es gewagt habe, ihr den traurigen, dünnen Jungen zu zeigen, der in mir steckt. Und als ich ihn ihr zeigte, schenkte sie auch ihm ihre bedingungslose Liebe. Emily ist der Grund dafür, dass die Scham und die Verlegenheit, die seit Jahrzehnten in mir verborgen sind, sich allmählich auflösen.

Im Laufe dieses Prozesses habe ich verstanden, dass der Teil in mir, den ich immer als den schwächsten erachtet hatte, in Wahrheit zu meinen größten Stärken zählte.

Ich will, dass er weiß: Verletzlichkeit ist die wahre Stärke

Ich habe Mitgefühl für mich selbst entwickelt und eingesehen, dass hinter meinem Leiden das tiefe Bedürfnis steckte, gewollt, akzeptiert und geliebt zu werden. Und durch diese Erkenntnis konnte ich auch Mitgefühl für andere Menschen entwickeln. Mir ist klar geworden, dass wir alle letzten Endes einfach nur das Gefühl haben wollen, gut genug zu sein.

Und ich bin hier, um dir zu sagen, dass es stimmt. Hier, heute und genau jetzt sage ich dir, dass du gut genug bist.

Maxwell Roland-Samuel Baldoni kam am 18. Oktober 2017 zur Welt. Er ist einfach perfekt. Er hat winzige Zehen, dichte Augenbrauen wie sein Papa und ein Lächeln, das mich jeden Tag erneut zum Schmelzen bringt. Er ist genau richtig so, wie er ist. Doch trotzdem will ich ihm beibringen, wie gesunde Männlichkeit aussieht.

Ich will ihm beibringen, dass Muskeln nicht unbedingt Kraft bedeuten. Und dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist, sondern die Quelle von wahrer Stärke.

Ich bin selbst noch dabei, das alles zu lernen. Und es wird immer wieder Momente geben, in denen ich versage. In denen ich mich selbst verurteile und einiges davon vergesse, was ich bereit gelernt habe. Und natürlich habe ich immer noch Angst. Und indem er genau richtig so ist, wie er nun einmal ist, zeigt mir Maxwell mit seinen gerade einmal drei Monaten, dass auch ich gut genug bin.

 Justin Baldoni ist Schauspieler, Regisseur und Unternehmer. Er spielt die Rolle des Rafael in der amerikanischen TV-Serie “Jane the Virgin”. Vor kurzem hat er die Serie “Man Enough” herausgebracht, in der er sich mit der Frage auseinandersetzt, was es in der heutigen Zeit wirklich bedeutet, ein Mann zu sein.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei HuffPost US und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.