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06/03/2018 11:47 CET | Aktualisiert 06/03/2018 15:55 CET

Muslima: "Ich konnte jahrelang mit meiner Mutter nicht über Sex reden"

"Viele Frauen verlieren ihre Unschuld nicht bei Kerzenschein, sondern in komischen, ungemütlichen Situationen."

Wenn du glaubst, die Hunger Games seien hart, dann lass dir eins gesagt sein: Es ist noch härter, als Muslima die Unschuld zu verlieren. Denn auch dort bist du immer auf der Hut vor möglichen Feinden. Und diese Feinde können sich überall verstecken.

Oben im Video: Autofahren, Leihmütter, Sex – wie das alte islamische Recht Antworten auf hochaktuelle Fragen liefert

Sie können Mitglieder der muslimischen Gemeinde sein, die deinen Eltern davon berichten, dass sie dich mit einem Jungen gesehen haben. Wenn das passiert, dann bist du tot und das Spiel ist aus. Game over.

Zumindest im übertragenen Sinn. Deine Mutter wird weinen, sie wird sich fragen, was sie falsch gemacht hat, um eine Tochter zu verdienen, die ihr so etwas antut.

Dein Vater wird vorschlagen, gemeinsam in eine andere Stadt zu ziehen. Wahrscheinlich wird er sogar vorschlagen, in ein anderes Land zu ziehen, bis deine Mutter ihm diese Idee wieder ausredet. Es wäre schon in Ordnung, hier zu bleiben, aber die nächsten 15 Jahre lang darfst du das Haus nicht verlassen.

Solange nicht, bis die Sache vergessen ist. Lass dir eins gesagt sein: Es wird nie vergessen sein. Die muslimische Gemeinde vergisst nicht. Niemals. 

So jedenfalls stellt sich die Situation dar, wenn ich mit meinen muslimischen Freundinnen darüber spreche, wie sie ihre Jungfräulichkeit verloren haben.

Viel Geheimniskrämerei, viel strategisches Planen. Nur so kann die Mission erfolgreich beendet werden. Dazu kommt auch noch, dass es meistens eine sehr schmerzhafte und unangenehme Erfahrung ist.

Viele Frauen verlieren ihre Unschuld nicht bei Kerzenschein, sondern in komischen, ungemütlichen Situationen. Und mit Jungs, die es nicht verdienen.

Stellt euch vor, man würde die Hälfte der Bevölkerung mit einem Keuschheitsgelübde belegen. Und sie jedes Mal, wenn sie es bricht, mit einem roten Buchstaben der Schande brandmarken. Dann ist es nur zu verständlich, dass dieser ganze Akt von einer gewissen Anspannung gezeichnet ist.

Das Thema Sex wird totgeschwiegen

Diese Anspannung ist in der muslimischen Gemeinde noch einmal um ein Zigfaches höher. Denn hier treffen archaische Traditionen auf das Tabuthema Sexualität.

► Das Thema wird einfach totgeschwiegen.

Dieses Schweigen wird sich auch in unsere zukünftigen sexuellen Beziehungen mit Männern einschleichen. Wir werden nicht wissen, wie wir etwas ansprechen sollen, das immer unausgesprochen geblieben ist.

Davon, unsere Wünsche und Bedürfnisse zu äußern, will ich gar nicht erst reden.

Dennoch: Unter dem Mantel der Unsichtbarkeit sind wir zu Frauen geworden, wir nehmen uns selbst neu wahr und halten diese neuentdeckte Selbstwahrnehmung verborgen.

Hinter verschlossenen Türen entdeckten wir unsere Sexualität und googelten heimlich Pornoseiten. Mit Kerzen erkundeten wir die Landkarte unseres Körpers, mit den Griffen von Zahnbürsten und gefrorenen Hot Dogs.

Nachts, unter der Bettdecke, drückten, ertasteten und berührten wir uns voller Scham. Verzweifelt suchten wir den Knopf, der den Schmerz tief in uns lindern würde.

Selbst als wir unsere Keuschheitsgürtel für die Jungs, die wir liebten, aufgaben, geschah das leise.

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Ich war endlich eine Frau

Ich kam von einer zweiwöchigen Reise mit meinem heimlichen Freund nach Hause. Ich war endlich eine Frau und das ließ mich förmlich erblühen – gleichzeitig versuchte ich aber, diese neue Selbstwahrnehmung zu verstecken.

Ich wünschte, ich hätte mit meiner Mutter darüber sprechen können.

Ich wünschte, ich hätte ihr sagen können, dass es eine der schönsten Nächte meines Lebens gewesen war.

Dass es nicht wehgetan hatte und dass ich nicht dazu gedrängt oder unter Druck gesetzt worden war.

Dass wir ein Jahr gewartet hatten, nur um uns sicher zu sein.

Dass mein Herz vor Liebe überquoll und dass sich Liebe für mich jetzt anders anfühlte. Voller. Reichhaltiger. Vollkommen.

Ich wünschte, ich hätte sie fragen können, was ich mit meinem Körper tun sollte, als er von der Hitze durchströmt wurde und ich nicht wusste, was das war. Stattdessen hatte ich Google. Und ich lernte schnell, dass Google in diesen Dingen sehr viel unzuverlässiger war als meine Mutter.

Erst Jahre später, als ich eine 28-jährige Frau war, konnte ich endlich aufhören, das Jungfrauen-Spiel zu spielen. Ich hatte es bereits zu lange gespielt.

Es sind kulturelle Zwänge, keine religiösen

Ich und meine Freundinnen hatten vorgegeben, unberührte Mädchen zu sein, die auf die Ehe warteten. Ich habe 30-jährige Freundinnen, die immer noch dieses Spiel spielen. Die den Schein wahren, weil kulturelle Zwänge ihnen nicht viel Raum lassen.

Und es sind kulturelle Zwänge, keine religiösen.

Ich hoffe, dass wir bald aufhören werden, die Religion als den Teppich zu benutzen, unter den wir ständig all die Dinge kehren, über die wir uns nicht zu sprechen trauen.

Der Islam befürwortet sexuelle Beziehungen und weibliche Lust, wenn auch in der heiligen Institution der Ehe. Die Wahrheit ist aber, dass es muslimische Frauen in aller Welt gibt, die nicht bald heiraten werden. Und junge Männer und Frauen, die im Namen der Liebe oder der Lust alle möglichen Regeln brechen.

► Diese Tatsache wird sich nicht ändern, nur weil man sie ignoriert.

Und wir tun gut daran, uns vor Augen zu halten, dass es nicht verboten ist, die Dinge zu entdecken, die uns selbst Lust bereiten. Wir verstecken sie immer noch, hüllen die Sexualität in Schande und Schweigen und nennen das “Glauben”.

Wir spielen immer noch die Jungfrauen-Spiele, obwohl alle Teilnehmer die Wahrheit kennen. Und das Problem dabei ist, dass niemand dieses Spiel gewinnen wird.

Dieser Text erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt. 

(best/ujo)