POLITIK
09/04/2018 13:07 CEST | Aktualisiert 09/04/2018 18:44 CEST

Junge Muslima: Warum wir nie mehr über das Kopftuch sprechen sollten

Ich bin mehr als Kopftuch. War ich schon immer.

Yasser Chalid via Getty Images
Muslima mit Kopftuch (Symbolbild). Viele Musliminnen fühlen sich von den Debatten um das Kopftuch genervt.

In Österreich tobt die Debatte über das Kopftuch, wieder einmal. Die Diskussion, ob Grundschulkinder ein Kopftuch tragen dürfen, ist auch nach Deutschland geschwappt. Menerva Hammad hat unter anderem für die HuffPost immer wieder zum Thema geschrieben. Jetzt ist für sie ein Punkt erreicht, an dem sie so nicht weitermachen möchte.

Das ist das Letzte, was ich zur derzeitigen Debatte schreiben werde. Und ich überlege, ob es nicht vielleicht überhaupt das Letzte ist, was mit meinem Hidschab zu tun haben soll – außer Memes, versteht sich.

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In den vergangenen Tagen ist mir so einiges klar geworden, anderes hat sich dann wiederum bestätigt und man hat mich – überraschenderweise –überrascht.

Was ist mir klar geworden?

Es geht um Respekt voreinander

Es ist keine Muslime-gegen-Nichtmuslime-Debatte. DAS ist sehr wichtig, weil es mir die Hoffnung gibt, dass Menschen Medien kritisch lesen, Politik hinterfragen und den Islam zum Teil besser verstehen als so manche Muslime, die schonungslos mit der Haram-Keule auf andere einschlagen.

Mich beruhigt das ungemein, denn ich wollte auf den Menschenverstand meiner Umgebung und meiner Heimatstadt – ja, ich habe zwei – nicht verzichten müssen.

Danke also an jene, die weder an Gott glauben noch etwas von Religionen halten, und dennoch in der Lage sind, anderen Menschen die eigene Freiheit zu lassen.

Mehr zum Thema:Burka, Nikab, Hidschab, Tschador, Hidschab: Was ist der Unterschied?

Mir hat einmal eine sehr weise Frau, die ich sehr schätze, gesagt: “Ich hasse es (den Hidschab), aber es ist DEIN Kopf.” Solche Menschen sind mir echt die Liebsten, weil sie ihre eigene Definition von Selbstbestimmung nicht auf andere draufklatschen.

Wir reduzieren und selbst auf den Hidschab

Und noch etwas: Sichtbare Musliminnen – mich eingeschlossen – haben sich so viele Jahre für etwas rechtfertigen, erklären und verteidigen müssen, dass wir unbewusst an den Punkt angelangt sind, an dem wir uns selbst auf den Hidschab reduzieren – weil wir es nicht anders kennen.

Es wurde uns quasi so von der Gesellschaft beigebracht, denn wir haben oft genug von WILDFREMDEN Fragen wie “Wieso tragen Sie das?” gestellt bekommen.

 

 

Menschen, die nicht einmal deinen Namen kennen, wollen wissen, wieso du was trägst.

Das Gefühl, Botschafterin der Religion sein zu müssen

Man hat dann sofort das Gefühl, eine Botschafterin der Religion sein zu müssen. Ganz nach dem Motto “Wenn ich jetzt etwas Falsches sage, dann hasst der Fragesteller Muslime. Wenn ich jetzt nicht nett bin, denkt der Fragesteller, alle Muslime seien nicht nett.”

Wir versuchen so verkrampft, alles “richtig” zu machen, dass wir vergessen haben, woran wir glauben.

Wenn ich fluche – und ich fluche oft, weil it´s a part of my fucking personality – dann kommt oft “Aber du bist Muslima UND trägst ein Kopftuch, wie passt das zusammen?!”

Wir sind mehr als nur Gestalten mit Kopftuch

Diese äußere Reduzierung auf den Hidschab hat uns in den Irrglauben gestürzt, dass wir tatsächlich nicht mehr sind oder sein können. Wir sind aber mehr.

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Und wir müssen niemanden davon überzeugen. Es ist völlig in Ordnung, wenn dich jemand nicht mag, oder deine Einstellung nicht begrüßt oder versteht, es wäre nur nicht ratsam, viel Zeit mit solchen Menschen zu verbringen.

Und genau das werde ich nun tun: Meine Zeit, wem meine Zeit gebührt.

Islam-Bashing zieht immer

Was hat sich mir bestätigt?

Islam sells. Es ist scheißegal, was hier grad los ist; welche Versicherung aufgelöst wird; ob Politiker wissen, was du mit wem im Bett machst; keiner der Minister das Frauenvolksbegehren unterschrieben hat; Wanzen sich als keine Wanzen entpuppenLieder das Verrecken von Menschen beschwören; eine Frau hierzulande vergewaltigt und Menschen in Münster umgebracht worden sind; wir uns vor finanziellen Kürzungen nicht retten können:

Solange nicht Kopftuch draufsteht und Islam drinnen ist, ist es völlig in Ordnung.

Da kauft man sogar dem rechten Eck ab, dass es ihm um das Wohl der muslimischen Kinder geht ... Seriously?

Selbst Freunde argumentieren wie Rechtsextreme

Was hat mich überrascht?

Dass Freunde, die man als Familie betrachtet hat, plötzlich wie rechtsextreme Politiker argumentieren.

Menschen, die dich seit deiner Kindheit persönlich kennen und genau wissen sollten, dass Hidschab nichts mit Frauenunterdrückung zu tun hat und für Männer wie Frauen gilt, noch dazu NIEMALS “Kopfbedeckung” bedeutet hat –  wie wir es hierzulande übersetzen – werden in ihrer Art der Stellungnahme zu Fremden, während dir fremde Menschen beistehen, die sich mit der wahren Bedeutung des Hidschab auseinandersetzen.

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Einfach so, als Menschen, die kein Unrecht in ihrem Land haben wollen, weil sie – wie wir alle – wissen, dass dies alles schon einmal da war – auch unter dem Deckmantel der Freiheit.

Ich konzentriere mich nun auf meinen Mamablog “HOTEL MAMA”, schreibe dort weiterhin über volle Windeln, weibliche Sexualität, interviewe strake Frauen mit Vorbildfunktion für junge Mädels, erzähle Frauengeschichten von Frauen weltweit, erzähle euch von meinen Reisen mit meiner kleinen Laila und verringere die “Bad-Hidschabdays”, außer der Kontext ist witzig, unterhaltsam, etc.

Denn ich hab grad selber a bisserl genug davon und mir verdrehen sich die Augen schon automatisch, wenn ich irgendwo “Kopftuch” lese. Ich bin mehr als das. War ich schon immer. Du übrigens auch.

Dieser Post erschien zunächst auf der Facebook-Seite von Menerva Hammad.