LIFESTYLE
06/07/2018 18:22 CEST | Aktualisiert 06/07/2018 21:00 CEST

Junge Menschen haben keinen Bock mehr zu telefonieren – und das ist gut so!

Call me maybe! Oder besser gar nicht.

Im Video oben: Hier sind 7 viel bessere Alternativen zum Telefonieren

“Ich hasse es, wenn ich gerade etwas am Handy mache, und mich jemand anruft. Dann muss ich angespannt dasitzen und aufs Display starren, bis es endlich aufhört zu klingeln.”

Als einer meiner Freunde letztens diesen Satz vom Stapel ließ, erntete er in der Runde ausnahmslos verständnisvolles Nicken. Niemand kam auch nur auf die irrwitzige Idee, dass er doch auch einfach abnehmen könnte. 

Der Anruf stirbt aus. Ja, alle über 35 werden das jetzt nicht wahrhaben wollen und ihnen wird vor Schreck das Dosen-Schnur-Telefon aus der Hand fallen. Und auch der ein oder andere jüngere Mensch mag noch an diesem veralteten Kommunikationsweg hängen. Aber das Bild, das sich mir präsentiert, ist eindeutig: Junge Menschen wollen niemanden mehr anrufen und erst recht nicht angerufen werden. 

Das hat auch eine Studie des Telekommunikations-Verbands Bitkom ergeben: Junge Deutsche verwenden ihr Smartphone für alles – nur nicht zum Telefonieren. 

Ich bin doch nicht lebensmüde

Auch ich kenne absolut niemanden in meinem Alter (stramme 24) und schon gar keine jüngeren Menschen, die gerne und oft telefonieren. Das soll nicht heißen, dass wir es absolut nie tun: Wenn mir zum Beispiel jemand sagt, er ruft zu dieser Zeit und aus jenem Grund an, kann ich mich darauf einstellen, und gehe natürlich auch ran. 

Aber jemand, der ohne Ankündigung einfach anruft? Am besten noch eine mir unbekannte Nummer? Ich bin doch nicht lebensmüde.

Telefonieren ist das russische Roulette der Kommunikation: Man hat keine Ahnung, mit welcher Intention die andere Person anruft oder wie der Anrufer gerade drauf ist. Wenn ich diese Art Anspannung in meinem Leben bräuchte, würde ich keinen Bürojob machen, sondern hauptberuflich Fliegerbomben entschärfen.

Was sollte mir diese Person denn zu sagen haben, was sich nicht innerhalb von Sekunden über WhatsApp klären lässt? Wenn etwas dringend ist, melde ich mich doch auch über Nachrichtendienste zeitnah zurück. Und wenn nicht, kann ich selber bestimmen, wann ich antworten will. 

Einen Anruf muss man hingegen annehmen, wenn es der anderen Person gerade passt, und noch dazu alle anderen Aktivitäten währenddessen einstellen. Diese Macht über mein Zeitmanagement hat niemand verdient – Vive la résistance! 

Kein Interesse 

Sollte es sich um eine komplexere Angelegenheit handeln, kann man inzwischen auf Sprachnachrichten zurückgreifen. Eine fast schon therapeutische Erfindung: Wenn man sich einfach mal eineinhalb Minuten ohne Unterbrechung alles von der Seele redet, fühlt man sich manchmal direkt besser. Der Empfänger kann dann antworten, wenn er wirklich Zeit, Lust und ein wenig über seine Antwort nachgedacht hat – wovon der Austausch sicher eher profitiert. 

Und mal von den persönlichen Kontakten ganz abgesehen: Besonders in einer Zeit, in der niemand mehr weiß, was mit unseren Telefonnummern eigentlich geschieht und an welche Firmen sie weitergegeben werden, weigere ich mich erst recht, irgendwelche Anrufe entgegenzunehmen.

Sie wollen eine Umfrage machen? Mir ein Zeitungs-Abo andrehen? Jemand hat mich angezeigt? Blöd gelaufen, ich habe an all diesen Dingen kein Interesse. 

Kein gesellschaftliches Problem

Wenn man darüber mit Menschen redet, die tatsächlich noch bereitwillig zum Hörer greifen, fallen meist Begriffe wie “Sozialphobie” oder “Entfremdung der Gesellschaft”, was in meinen Augen völlig unzutreffend ist. Ich bin ein sehr offener Mensch und unterhalte mich wahnsinnig gerne mit anderen, Angesicht zu Angesicht.

Man hat eine Person, Mimik und Gestik vor sich und kann ein Gespräch viel besser einschätzen. Alles Aspekte, die bei einem Telefongespräch wegfallen und die Kommunikationssituation zunehmend erschweren.

Auch den Vorwurf der Entfremdung finde ich haltlos: Meine Generation verwendet vor allem Online-Nachrichtendienste, Social Media und generell verstärkt das Internet. Dort fallen Gesprächsbarrieren viel schneller und man unterhält sich mit Menschen und über Themen, die man im echten Leben vielleicht nie angesprochen hätte.

Nur, weil wir andere Kommunikationswege bevorzugen, heißt das nicht, dass wir zu kontaktscheuen Einsiedlern mutieren. 

Wir haben es auch nicht “verlernt” zu telefonieren. Wir haben einfach keinen Bock.

Wir haben einfach keinen Bock

Ich finde Anrufe befremdlich und realitätsfern. Man hört nur die Stimme, hat kein Bild des Gegenübers. Eine kommunikative Ausnahmesituation, die einen in keinster Weise auf Face-to-Face Gespräche vorbereitet. 

Also: Ihr seid nicht mein Pizzalieferant, der anruft, weil er auf dem Weg zu mir nach Hause in Treibsand stecken geblieben ist?

Dann habt ihr verdammt noch mal auch keinen Grund, mich anzurufen. 

(jds)