POLITIK
06/03/2018 18:39 CET | Aktualisiert 08/03/2018 00:40 CET

Wie ein junger Italiener im Ausland auf die Wahlen blickt

"Es gab nichts, wofür gekämpft wurde."

FILIPPO MONTEFORTE via Getty Images
Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung in Rom.
  • 2013 hat der Italiener Leonardo Carello wie viele junge Menschen seiner Generation Italien verlassen
  • Nach der Wahl ist er wütend: über die Politik, den Wahlkampf und den drohenden Stillstand bei der Regierungsbildung

Als in der Nacht auf Montag die ersten Prognosen der Parlamentswahlen in Italien eintreffen, ist Leonardo Carella überrascht, wie wenig es ihn kümmert.

Beim Brexit habe er sich betrunken, schreibt der 24-jährige Italiener, der in Oxford Politikwissenschaft studiert, auf Twitter. “Heute Nacht fühle ich es einfach nicht.”

Die Wahl gleicht einem Erdbeben.

Die etablierten Parteien werden brutal abgestraft, die Populisten und Rechten triumphieren – doch keine Partei kommt auf die notwendige Anzahl an Sitzen im Parlament, um allein die Regierung zu stellen.

Dem von Krisen geplagten Italien droht ein gefährlicher, monatelanger Stillstand.

Noch immer beobachtet Carella die Politik in Italien genau. In dieser verhängnisvollen Wahlnacht wird dem jungen Mann, der Italien vor knapp fünf Jahren verlassen hat, allerdings klar: “Es ist einfach nicht mehr meine Heimat.”

Der Exodus der Italiener

Wie Carella kehren jährlich zehntausende Italiener und Italienerinnen ihrem Land den Rücken zu. 

2016 waren es 50.000 Menschen zwischen 18 und 34 Jahren, 23 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. 

Gründe dafür gibt es viele: Die Arbeitslosigkeit ist dramatisch hoch, rund ein Drittel der 15- bis 24-Jährigen hat keinen Job.

“Eine Menge Leute, mit denen ich aufgewachsen bin, sind weggezogen”, erzählt auch Carella nun zwei Tage nach der Wahl der HuffPost. “Die generelle Meinung ist: Wenn du es machen kannst, dann tu es.”

Bei ihm selbst sei es eine Reihe von Faktoren gewesen, die ihn zu der Entscheidung brachten.

Er habe die Möglichkeiten abgewogen, die Italien ihm bei der Ausbildung bot – und welche das Ausland. Er entschied sich für Großbritannien und macht mittlerweile an der Universität Oxford seinen Master in Politikwissenschaft. “Ich hätte nicht gedacht, dass ich so lange bleibe”, sagt er.

Neben der wirtschaftlichen Situation gibt es noch einen weiteren Grund, warum die jungen Italiener das Land verlassen: die Politik.

Die Wut kehrt zurück

Wenn Carella über die Wahl in Italien spricht, weicht die Gleichgültigkeit der Wut. Er werde wütender und wütender, wie er sagt, über die Politik jetzt nach der Wahl. Die Abstimmung habe keine realistische Option auf eine stabile Regierung geliefert. 

Aber schon der Rückblick auf den Wahlkampf frustriert den 24-Jährigen. “Um ehrlich zu sein, das war nur Schadensbegrenzung der anderen Parteien. Es gab nichts, wofür gekämpft wurde. Sondern nur Sachen, gegen die gekämpft wurden.”

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Wettern gegen die Eliten: 5-Sterne-Gründer Beppe Grillo und Spitzenkandidat Luigi Di Maio

Dabei habe Italien so viele Probleme. Das Land brauche eine Wirtschaftsreform, müsse mehr für Bildung investieren, die wirtschaftlichen Strukturen müssten verändert werden, zählt Carella auf. 

Italien brauche auch eine politische Kraft, die die Menschen mobilisieren kann. Und nicht nur mit Problemen, wie das die populistische Fünf-Sterne-Bewegung tue, betont er. Sondern mit Lösungen.

Je länger Carella über die italienische Politik spricht, desto deutlicher wird, wie leidenschaftlich er sich noch immer damit beschäftigt – und wie desillusioniert er mittlerweile ist. 

Italien: Im Norden wie Österreich, im Süden wie Griechenland

Das Wahlergebnis analysiert Carella trocken und klar: “Die eine Hälfte von Italien ist wie Österreich oder Deutschland”, sagt der Politikwissenschaftler über den Norden Italiens, wo das Bündnis der konservativen Forza Italia von Silvio Berlusconi mit dem Rechtspopulisten Matteo Salvini von der Lega die stärksten Ergebnisse einfuhr.

“Hier gibt es eine Unzufriedenheit mit der Flüchtlingspolitik der Regierung”, erklärt Carella.

“Die andere Hälfte ist mehr wie Griechenland oder Spanien”, sagt Carella über den Süden. Die wichtigsten Themen seien hier die Sparpolitik der Regierung, die auch von der Europäischen Union gewollt ist, und die Korruption der politischen Eliten. Hier fuhr die Fünf-Sterne-Bewegung ihre stärksten Ergebnisse ein.

Dazu kommt: Der sozialdemokratische Kandidat und Ex-Premier Matteo Renzi habe alles falsch gemacht, was er falsch machen konnte. Das wirtschaftliche Wachstum sei zwar zurückgekehrt, aber die Mehrheit der Menschen habe davon nicht profitiert. “Es war der perfekte Sturm”, sagt Carella. 

Die zwei Gewinner der Wahl: die Populisten der Fünf-Sterne-Bewegung und die rechte Lega.“Eine der beiden wird regieren müssen”, schätzt Carella. Vielleicht auch beide.

“Lasst die Populisten regieren”

Er sei nicht glücklich über das Wahlergebnis. Dennoch sagt er über die Populisten: “Lasst sie regieren!” Wenigstens gebe es mit dem Wahlergebnis die Aussicht, dass sich ein Wandel in der politischen Landschaft vollzieht.

Bei Vorhersagen ist Carella vorsichtig. Er erwartet derzeit eine Minderheitsregierung der Fünf Sterne unter Duldung der Lega.

“Am Spannendesten wird, was in der Opposition passiert”, sagt Carella über die abgestraften Sozialdemokraten. “Sie müssen sich erneuern. Das ist möglich in den nächsten fünf Jahren – und das wird die Zukunft bestimmen.”