ELTERN
10/07/2018 18:34 CEST

Das erzählen junge Erwachsene beim Psychologen über ihre Eltern

"Die Eltern von jungen Erwachsenen sind notorische Helikopter-Eltern"

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"Ich bin mit Helikopter-Eltern aufgewachsen und bis heute kein echter Erwachsener."
  • Viele junge Menschen haben heute ein schwieriges Verhältnis zu ihren Eltern. 
  • Die HuffPost hat mit fünf Psychologen gesprochen, die erklären, was die Gründe dafür sein könnten. 

Anders als die Generationen vor ihnen haben die Millennials, die jungen Erwachsenen von heute, keine Angst mehr, Zeit auf der Couch eines Psychologen zu verbringen.

► Was sie beschäftigt: Der unsichere Arbeitsmarkt, Zweifel an der Ehe, ihre Studienkredite – und ihre Eltern. Das sagt jedenfalls Deborah Duley, Psychotherapeutin und Gründerin von “Empowered Connections”, einer psychotherapeutischen Praxis, die sich auf Mädchen, Frauen und LGBTQ-Patienten spezialisiert hat.

“Wir haben uns von einer elternzentrierten Gesellschaft zu einer kinderzentrierten Gesellschaft entwickelt. Diese Generation ist das Produkt der Veränderung unseres Erziehungsfokus’,” sagt Duley zur HuffPost. “Folglich höre ich ständige Beschwerden darüber, dass Eltern das Leben ihrer erwachsenen Kinder bis ins kleinste Detail planen. Bis zu dem Punkt, wo es sie erdrückt und überfordert.” 

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Damit ist die Therapeutin nicht alleine. Viele ihrer Kollegen lernen in ihrem Arbeitsalltag junge Menschen kennen, die dieses Problem teilen. Wie es in verschiedenen Fällen dazu kommen konnte, erzählen sie der HuffPost. 

1. Ich bin mit Helikopter-Eltern aufgewachsen und bis heute kein echter Erwachsener

“Das größte Problem, das ich bei jungen Erwachsenen und ihren Eltern sehe, ist eines, über das sie sich nicht beschweren – weil sie es selbst nicht wahrnehmen”, sagt Therapeutin Tara Griffith aus San Francisco.

“Ich weiß, dass es ein Problem gibt, wenn eine Mutter für ihren 28-jährigen Sohn einen Therapie-Termin ausmacht”, erklärt sie. “Die Eltern von jungen Erwachsenen sind notorische Helikopter-Eltern. Das hindert junge Erwachsene daran, unabhängig zu werden und ihre eigenen Probleme zu lösen.” 

2. Ich fühle mich wie ein Versager 

“Ein Thema, das ich im Zusammenhang mit Eltern-Kind-Beziehungen oft höre, ist, dass man sich nicht gut genug fühlt”, so Psychotherapeutin Duley.

“Junge Erwachsene sind mit Eltern aufgewachsen, die hohe Erwartungen haben. Versagen soll nicht nur verhindert werden, sondern wird in einigen Fällen gar nicht geduldet. Eltern wollen, dass ihre Kinder erfolgreich sind. Doch mittlerweile ist die Botschaft, dass man ein Versager ist, wenn man nach den Maßstäben der Eltern nicht erfolgreich ist”, erklärt die Expertin der HuffPost.

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Frauen dieser Generation haben es besonders schwer. Sie müssen mit einer oft intoleranten Gesellschaft und den sozialen Medien umgehen, die ihnen einreden wollen, sie müssen sich in irgendeiner Weise verbessern. Dazu noch die Missbilligung der Eltern und es kann fatal enden”, warnt Duley.

“Ich habe Frauen gesehen, die in ihrem emotionalen Wachstum stehen geblieben sind, weil sie so viele Meinungen darüber gehört haben, wer sie sein sollten”, sagt sie.

3. Meine Eltern denken, ich brauche keine Therapie

Gina Delucca, eine amerikanische Psychologin, beschäftigt ein anderes Problem. ”Manche meiner Patienten haben sich beschwert, dass ihre Eltern nicht an Therapie ‘glauben’ oder sie als Zeichen von Schwäche begreifen”, sagt sie der HuffPost.

“Für diese Eltern ist Therapie mit einem Stigma behaftet. Das führt oft dazu, dass sich erwachsene Kinder wertlos oder missverstanden fühlen. Oder sie glauben, nicht ‘stark genug’ zu sein, um ihre eigenen Probleme zu bewältigen”, erklärt sie. 

“Manche Patienten sagen dann, sie seien frustriert, weil sie mit ihren Eltern nicht offen über ihre psychischen Probleme sprechen können”, so die Expertin.

4. Meine Eltern sind Helikopter-Großeltern geworden

“Sobald sie selbst Kinder haben, bemerken junge Erwachsene, dass ihre eigenen Eltern genaue Vorstellungen über Kindererziehung haben”, sagt Liz Higgins, eine Paartherapeutin aus Dallas, der HuffPost.

“Das kann zum Problem werden, wenn Menschen sich verpflichtet fühlen, die Meinungen ihrer Eltern über die ihrer Partner oder ihre eigenen zu stellen. Am besten geht es, wenn die Menschen sich an ihre individuellen Erziehungswerte halten und ihnen sagen, wo ihre Grenzen sind, empfiehlt sie. 

5. Meine Eltern mischen sich zu sehr in meine Finanzen ein

Fehlende Grenzen sieht auch Jennifer Stone, eine New Yorker Therapeutin, kritisch. “Eines der großen Probleme ist, wenn Eltern keine Grenzen anerkennen und sich zu sehr in die Leben ihrer Kinder einmischen, besonders in ihre Finanzen”, so Stone. 

Eltern glauben, sie haben ein Recht auf Informationen, weil sie häufig auch finanzielle Hilfe leisten. Zum Beispiel fragen Eltern oft ohne Rücksicht auf die Privatsphäre ihrer Kinder nach dem Inhalt von Therapiesitzungen, wenn sie diese bezahlen. Sie wenden sich an mich, um die Schwierigkeiten ihrer Kinder zu schildern, auch wenn es keinen therapeutischen Bedarf für diese Informationen gibt”, erklärt die Expertin der HuffPost.

“Wenn Patienten ihren Eltern Grenzen setzen, behaupten die Eltern manchmal, dass das unabhängige Verhältnis vom Therapeut zum Kind die Beziehung zu den Eltern belastet. Es ist für sie als sei die Therapie, die sie bezahlen, eine Gefahr für die Beziehung zwischen Eltern und Kind”, erklärt Stone.

6. Meine Eltern haben mir nicht beigebracht, wie man mit negativen Gefühlen umgeht

“Eine weitere Konstante ist die fehlende Anleitung für den Umgang mit negativen Gefühlen und Erfahrungen”, so Duley.

“Immer wieder sehe ich junge Frauen gewaltig mit der Bewältigung ihrer negativen Gefühle kämpfen. Sie haben gelernt, negative Gefühle zu jedem Preis zu vermeiden. Ihnen wird eingetrichtert, dass Angst ein normaler Teil des täglichen Lebens einer Frau ist und dass sie dagegen einfach eine Tablette schlucken oder diese Gefühle durch andere ungesunde Methoden komplett ausblenden sollen.”

Doch das hält die Therapeutin für alles andere als sinnvoll.

“Ich glaube, das ist die schädlichste Botschaft, die man seinem Kind mitgeben kann”, warnt sie. “Es verändert für diese Frauen alles, wenn sie verstehen, dass negative Gefühle normal sind, man mit ihnen rechnen muss und sie sogar sinnvoll sein können. Am meisten arbeite ich mit dieser Generation daran zu lernen, ihren Gefühlen nicht hilflos ausgesetzt zu sein, sondern gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln.”

Dieser Text erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost, wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt und dem Verständnis angepasst. 

(kap)