ELTERN
20/04/2018 12:20 CEST | Aktualisiert 20/04/2018 13:08 CEST

Großbritannien: Muslim lässt Baby beschneiden – Land diskutiert über Verbot

Die britische Mutter wusste nichts von dem Eingriff.

P Deliss via Getty Images
Die Mutter hat das alleinige Sorgerecht für das Kind – und war mit dem Eingriff nicht einverstanden (Symbolbild).
  • Im britischen Nottingham hat eine Mutter den Arzt verklagt, der ihren Sohn ohne ihr Einverständnis beschnitten hat
  • Der Fall hat in Großbritannien eine neue Debatte über Beschneidungen bei Jungen ausgelöst

Die Beschneidung von Mädchen ist in der gesamten EU verboten. Anders ist  das bei Jungen. In vielen Ländern gibt es noch immer einen Streit um die Rechtmäßigkeit der Entfernung der Vorhaut.

Die Beschneidung aus religiösen Gründen ist in Europa durchaus üblich. Viele Politiker, Ärzte und Experten kritisieren seit Jahren, dass die Verstümmelung der Jungen ebenso verboten gehöre, wie die der Mädchen.  

In Großbritannien könnte ein genau solches Verbot bald in Kraft treten. Anlass ist die Klage einer 29-jährigen Britin gegen den Arzt, der ihren Sohn beschnitten hat.  

Der Junge habe nach der Prozedur so schlimme Schmerzen gehabt, dass er nicht mal seine Windel habe tragen können, berichtet die britische Wochenzeitung “The Sunday Times”. 

Der muslimische Vater holte sich nicht die Erlaubnis der Mutter

Das Brisante an dem Fall: Die Mutter wusste nichts von der Beschneidung.

Die Großmutter des Jungen – also die Mutter des muslimischen Vaters – hatte den Jungen während des Festes zum Fastenbrechen am Ende des Ramadan beschneiden lassen. Der Vater hatte sein Einverständnis gegeben, die britische Mutter nicht. 

Die Mutter habe außerdem das alleinige Sorgerecht für den Jungen, der aus einer lockeren Affäre mit dem muslimischen Mann stammt. Die Zeitung berichtet, dass die Frau in Nottingham lebe und keinerlei Bezug zu irgendeiner Religion habe.

Der Vater wiederum sei nicht in der Geburtsurkunde des Jungen eingetragen, habe aber gelegentlichen, von der Mutter geförderten, Kontakt zu seinem Vater.

Nun geht die Frau vor Gericht. Jungen solle der gleiche Schutz zugestanden werden wie Mädchen, wenn es um Genitalverstümmelung gehe, sagt die Frau laut “Sunday Times”. “Irgendjemand muss zur Rechenschaft gezogen werden, dafür, was sie kleinen Jungs antun”, sagt die Mutter der Zeitung. 

“Barbarisch oder nützlich?”

Sowohl im Islam als auch im Judentum steht die Beschneidung für den Eintritt in den Bund Gottes.

Beide Religionen berufen sich auf den Stammvater Abraham. Im Judentum entscheidet die Beschneidung zwar nicht über die Zugehörigkeit zur Religion. Trotzdem kann es nicht beschnittenen Männern in Israel passieren, dass sie nicht auf einem jüdischen Friedhof beigesetzt, werden, ohne nach dem Tod noch beschnitten zu werden.

Im Islam berufen sich die Gläubigen zudem auf den Propheten Mohammed, der ohne Vorhaut zu Welt gekommen sein soll. 

Zwischen Beschneidung von Mädchen und Jungen gebe es aber noch weitere Unterschiede, als den, dass die eine Prozedur verboten und die andere erlaubt ist, schreibt der Medizin Niall McCrae, Professor am Londoner King’s College, auf der Plattform “The Conversation”. “Es gibt auch mythologische Unterschiede. Während die eine Art als barbarisch angesehen wird, gilt die andere als nützlich.”

In Island könnte es bald vorbei sein mit den Beschneidungen

Es sei nicht weniger unethisch und missbräuchlich, Teile der Genitalien wegzunehmen, wenn das Kind männlich sei, findet McCrae. Die Beschneidung habe häufig schwere physische und psychische Folgen, Nutzen sei nur in sehr seltenen Fällen vorhanden.

Ein medizinischer Grund für eine Beschneidung kann zum Beispiel eine Vorhautverengung sein. 

Der Mythos, dass ein beschnittener Penis hygienischer sei, könne nicht bestätigt werden, schreibt McCrae. Die Mutter aus Nottingham hat seiner Meinung nach gute Chancen vor Gericht.

Dann würde immerhin die Beschneidung ohne Einverständnis beider Eltern illegal sein. Und solch ein Präzedenzfall könnte helfen, die Beschneidung von Jungs in Großbritannien genauso illegal zu machen wie die von Mädchen. 

Ein Hoffnungsschimmer, dass das bald eintritt, ist für McCrae außerdem Island. Denn dort soll Beschneidung – auch von Jungs – bald verboten werden. Die isländische Abgeordnete Silja Dögg Gunnarsdóttir beruft sich Empfehlungen von Kinderombudsmännern. Beschneidung ohne medizinische Indikation und bei einem Kind, das seine Einverständnis dafür nicht geben kann, seien mit der ärztlichen Ethik nicht vereinbar, heiße es dort. 

Der Vorstoß der Abgeordneten stieß auf viel Unverständnis von Religionsvertretern des Judentums aber auch der katholischen Kirche.

Auch in Deutschland wurde 2012 über ein Verbot von rituellen Beschneidungen diskutiert. Der Bundestag stimmte dem Gesetz, das die Entfernung der Vorhaut aus religiösen Gründen erlaubt, mit großer Mehrheit zu. Der Grund: Beschneidungen seien durch die Religionsfreiheit gedeckt.