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19/04/2018 16:03 CEST | Aktualisiert 19/04/2018 16:03 CEST

Julia unterwegs - Graubündner Sportsgeist in Arosa

Schneesicher noch im April - ein Blick über Arosa

Rund um Ostern ist doch eigentlich die schönste Zeit in den Bergen. Trotz der mit Sehnsucht erwarteten wärmeren Temperaturen liegt oft noch genug Schnee um die Pisten ein letztes Mal für die Saison zu erobern. Gleichzeitig sind die ersten Passstrassen eisfrei und erlauben Zwei- wie Vierradfans die ersten Ausfahrten des Jahres. Der perfekte Zeitpunkt also, um einen möglichst umfangreichen Eindruck davon zu bekommen, wie sportlich so ein Bergdorf eigentlich übers ganze Jahr gesehen ist; und vor allem was den aktiven Urlauber dort erwartet. Und genau das will ich in Arosa herausfinden.

Erste Sonnenstrahlen auf der Passstrasse

Den Nissan Qashqai mit seinen 1.513 Litern Stauraum bis unters Dach mit Sportequipment beladen starte ich also meine Recherche. Schon die Anreise mit dem SUV über die zahlreichen Nadelöhrkurven von Chur über Castiel erweist sich als sportlich. Von unvorbereiteten Flachland-Touristen mit heckgetriebenen Fahrzeugen keine Spur; die Straßen sind frei von Schnee und Stau - zügiger als gedacht komme ich zu dieser Jahreszeit ans Ziel. Und mit mir bereits die ersten Urlaubsgefühle. Die Erkundungstour kann also losgehen.

Das Loipennetz ist nicht nur gut gespurt, sondern auch bestens beschildert

Das gekoppelte Skigebiet Arosa-Lenzerheide ist schneesicher und überzeugt mit 225 präparierten Pistenkilometern aller Schwierigkeitsgrade. Ich konzentriere mich vor allem auf die Aroser Seite, die sich trotz einer großen Varianz an Abfahrten etwas heimeliger und überschaubarer anfühlt. Früh am Morgen jage ich meine Langlaufski über die Loipen von Isel und Maran; insgesamt rund 30 Kilometer Strecke stehen mir in nächster Nähe dafür zur Verfügung. Ich gehe joggen, wandern, schlitteln, walken, informiere mich über Bike-Trails, Gleitschirmsprünge und das Fliegenfischen am Bergsee. Peu a peu bekomme ich die ersten Sommersprossen des Jahres, gewinne geistigen Abstand zum Joballtag und atme so viel frische Bergluft ein, wie ich nur kann. Arosa besteht den Sportort-Check wie erwartet mit Leichtigkeit. Doch darüber hinaus bietet der Bündner Ort etwas sehr viel kostbareres, mit dem ich in einem so populären Urlaubsgebiet gar nicht mehr gerechnet habe: ursprünglichen sportlichen Teamgeist in Reinform.

Evelyn Gorgos, Tschuggen und Julia Bauer (Outfit - Bogner)
Alleinsein war gestern - Hüttengaudi mit Cremeschnitte auf Berghütte Alpenblick

So komme ich auf kaum einer Sesselliftfahrt nicht mit Einheimischen, Ortskundigen oder Stammgästen ins Gespräch; kaum ein Essen muss ich alleine einnehmen. Wer hier aktiv unterwegs ist, findet Gleichgesinnte, die bereitwillig die schönsten Pisten und ihre Lieblingsrestaurants mit einem teilen. Ehe ich mich versehe, gibt mir der Betreiber eines lokalen Sportgeschäfts Tipps zum besseren Trocknen meiner Skistiefel. Und plötzlich stehe ich mitten in den heimeligen Produktionshallen des Regionalgetränkes Hustee. „Wir freuen uns über deinen Besuch und laden Dich ein, mit uns zusammen etwas Grosses zu schaffen, Spuren zu hinterlassen und Teil von etwas zu sein, das die Menschen verbindet,“ steht auf der Website der Getränkeproduzenten. Das Team aus Großvater, Vater, Ehefrau und zwei Kleinkindern stellt in viel Detailarbeit einen Farbstoff- und Aromafreien Eistee nach Opas Rezept her - in einer ehemaligen Garage. Dass sie während meines Besuches auch noch einen zufällig angetroffenen verunglückten Skifahrer aus England mit gebrochenem Arm temporär Asyl geben, fällt mir bei aller Geselligkeit erst später auf.

Foto: Hustee
Die Hustee-Familie vor ihren Zutaten. Das Rezept des Getränks ist Familientradition.

Dass Sport verbindet, weiß auch Stefan Noll, Direktor des Fünf-Sterne-Traditionshauses Tschuggen Grand Hotel mit eigener Bergbahn. Fast schon nebenbei erzählt der Spitzenhotelier beim gesunden Apero aus lokalen Bergkräutern, dass er seine Leidenschaft fürs Rennradfahren selbstverständlich auch mit seinen Gästen teilt. Das leidenschaftliche Mitglied des internationalen Rennrad-Clubs Rapha organisiert für diesen Sommer gleich mehrere gemeinsame Ausfahrten - die längste geht in drei Tagen und Etappen über 3.900 Höhenmeter bis zum 250 Kilometer entfernten Partnerhotel in Ascona. Seine Stellvertreterin lädt den aktiven Gast gerne mal zu Wanderungen mit Wellness-Kost ein. Eine durchaus sportliche Leistung, wenn man bedenkt, dass ein Direktorenteam eines Spitzenhauses nicht selten sieben Tage die Woche, 12 Stunden am Tag zu arbeiten hat.

"Passion 4 Herbs" heißt der Kräutercocktail im Tschuggen Grand Hotel. Gesundes Essen nach dem "Clean Eating" Prinzip steht hier neben Sternekost und Sportsbar auf Spitzenniveau hoch im Kurs.
Der Tschuggen Express im Anmarsch - direkt vom Frühstück auf die Piste

Auch im etwas zentraler gelegenen und erst im Dezember 2017 eröffneten Valsana Hotel begegnet mir eine gehörige Portion Teamspirit, angeleitet von Fitnesstrainer Julian. Der passionierte Skitourengeher gibt hier Personal Trainings nach dem Konzept des Münchner R1 Sportclubs - und zwar gerne auch in Gruppen von bis zu sechs Personen. „Im Team geht es eben doch manchmal leichter“, sagt er während er mich beim Faszientraining anleitet. Auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Hausgäste und Tagesbesucher einzugehen und trotz Gruppenerlebnis einen individuellen Trainingsplan zu erstellen sei für den versierten Coach kein Problem. In seiner Vergangenheit hat er schon mit verschiedenen Spitzensportlern gearbeitet. Seinen Geschichten lauschend gehen mir die zugegebenermaßen sonst eher nicht so favorisierten Kraftübungen fast unbemerkt von der Hand. Der Muskelkater am nächsten Tag ist jedoch Zeuge ihrer Effizienz.

Zwischen Gipfelerlebnis und Fitnessstunde - Trainer Julian ist hier in seinem Element

Es sind die menschlichen Erlebnisse, die den Sport hier zu etwas Verbindendem machen. Um diesen Effekt zu unterstützen, hält das -übrigens CO2-neutrale- Valsana Hotel noch eine ganz besondere Herausforderung parat: ein kleines Puppenbett fürs Smartphone. Zugegeben, ein etwas mulmiges Gefühl, das Handy unter seiner kleinen Decke ruhen zu lassen - wer sich aber auf das Experiment des Nicht-Erreichbarseins einlässt, erlebt das Teamgefühl noch intensiver. Beispielsweise bei einer vom Hotel organisierten abendlichen Mitfahrt bei der offiziellen Pistenkontrolle. Oder einem Besuch auf der Trainerbank des lokalen Eishockeyteams während einem seiner Spiele. Mitten drin, statt nur dabei: Arosa scheint der authentische Teil Graubündens zu sein. Anders als im nahe gelegenen Engadin ist die Bergwelt hier nicht die Kulisse für viel Glanz und Gloria, sondern Hauptschauplatz und verbindendes Element.

Sleep tight, little iPhone...