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07/06/2018 11:27 CEST | Aktualisiert 07/06/2018 11:57 CEST

G7-Gipfel: Das fordern junge Menschen aus aller Welt von den Staatschefs

"Aber am Ende zählen keine schönen Worte, sondern nur Ergebnisse. Wir werden wachsam sein und nicht lockerlassen."

Bloomberg via Getty Images
Die G7-Finanzminister hatten sich bereits am Montag getroffen.

In dem kleinen Dorf La Malbaie in Charlevoix, Teil der ostkanadischen Provinz Québec, wird man unruhig. Eine Hochsicherheitszone ist errichtet, elektronische Zäune schneiden durch die für ihre Idylle bekannte Landschaft. Mit Beton-Barrieren beladene Lastwagen durchqueren die schmalen, von bunten Holzhäusern gesäumten Straßen.

Inmitten der hügeligen Küstenlandschaft laufen hier seit Monaten die Vorbereitungen für den anstehenden G7-Gipfel, der am 8. und 9. Juni stattfindet. Dieses Jahr hat Kanada die Präsidentschaft des Treffens der sieben größten Industrienationen inne. Dazu gehören die USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Japan.

Die EU ist auch immer dabei – mit Beobachterstatus. Einige kritisieren die elitäre Zusammensetzung des Gremiums, das die Geschicke der Welt beeinflussen möchte (warum ausgerechnet diese Länder und warum nicht 10 Länder oder 15?). Andere werfen der G7 vor, mit großem Aufwand ein Treffen vorzubereiten, deren Ergebnisse den betriebenen Aufwand kaum rechtfertigen.

Kann man die G7 also als ineffektiven Elite-Club westlicher Staaten abtun?

Nicht ganz. Die Sache ist wie so oft – nicht wirklich schwarz und weiß. Mehr denn je sollten wir in nächsten Wochen einen kritischen Blick über den Atlantik werfen. Ich war nämlich dort. Nicht beim G7-Gipfel, sondern beim G7-Jugendgipfel, auch Y7-Gipfel (Youth Seven) oder Weltjugendgipfel genannt.

Dieser fand im April in der kanadischen Hauptstadt Ottawa statt. Dort war ich die Leiterin einer vierköpfigen deutschen Jugenddelegation. Gemeinsam mit den sieben anderen Delegationen haben wir konkrete Forderungen der Jugend an die G7 Staats- und Regierungsoberhäupter formuliert.

Und hier kommen vier Dinge, die ihr dazu wissen solltet:

1. Die G7 ist zwar ein Eliten-Club, aber einer, der wichtige Prozesse anstößt

Die G7, die in den 1970er-Jahren zum ersten Mal zusammengekommen sind (damals noch als G4 ohne Japan, Italien und Kanada), bot zu Zeiten der weltweiten Öl-und Finanzkrise ein informelles Forum, damit die damals wirtschaftlich dominierenden Länder über gemeinsame Strategien beraten konnten. Zusätzlich hielt der Iran-Irak Krieg die Welt in Atem und verlangte einen engen Austausch.

Auch heute gibt es immer mehr Herausforderungen, die kein Land alleine lösen kann.

Oft hatten die G7 (bzw. G8 – Russland war bis 2014 noch mit dabei) hier wichtige Initiativen angestoßen. Beispiele dafür sind der geplante Schuldenerlass bei gleichzeitigen Investition in die Entwicklung afrikanischer Länder im Jahr 2005 oder die Maßnahmen zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, die 2007 in Heiligendamm beschlossen wurden.

2010 wurde in Kanada die sogenannte Muskoka-Initiative beschlossen, die die Verringerung der weltweiten Mütter- und Kindersterblichkeit zum Ziel hatte.

Und bei dem letzten deutschen G7-Gipfel vor zwei Jahren auf Schloss Elmau einigte man sich darauf, bis 2030 500 Millionen Menschen aus chronischem Hunger zu befreien.

All das sind wichtige Prozesse, die von der G7 bzw. G8 angestoßen wurden.

2. Trump testet die G7

Jeder Gastgeber eines Gipfels hat ein Interesse daran, sich als erfolgreicher Ausrichter zu präsentieren und sein Heimatland auf der weltpolitischen Bühne erfolgreich zu positionieren.

Zugegeben, der US-amerikanische Präsident Donald Trump macht es dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau mit seinen Alleingängen nicht gerade einfach. Beim Klima und beim Handel fährt Trump eine ganz eigene Linie.

Vor Kurzem hat der Präsident der USA, die wie kein zweites Land für freie Marktwirtschaft standen, Zölle auf Produkte unter anderem aus Kanada und Europa erhoben.

Und den Atomdeal mit dem Iran, der zuvor lange zwischen dem iranischen Regime und seinem Amtsvorgänger Barack Obama sowie Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und China ausgehandelt wurde und als diplomatische Meisterleistung galt, hat er kurzerhand gekündigt.

Trump einzuhegen und eine gemeinsame Erklärung der G7 am Ende des Gipfels zu erreichen, wird keine leichte Aufgabe für die um Harmonie bemühten kanadischen Gastgeber sein.

Bei den wichtigen Themen ist man leider noch weit voneinander entfernt. Hier sind eher Boxhandschuhe als Samthandschuhe gefragt.

Erfolgreich ist der Gipfel erst dann, wenn die G7 konkrete Handlungsansätze und nächste Schritte für eine bessere Welt formulieren, die sie auch wirklich bereit sind anzugehen – auch nach Ende des Blitzlichts in Kanada.

3. Trudeaus Feminismus wird auf die Probe gestellt

Justin Trudeau inszeniert sich gerne und erfolgreich als Verfechter von Frauenrechten. Sein Kabinett besteht zu 50 Prozent aus Frauen, er setzt sich für geschlechtsneutrale Sprache ein und lässt keine Gelegenheit aus, sich öffentlich als stolzer Feminist zu präsentieren.

Beim G7-Gipfel wird sich zeigen, ob er es wirklich ernst meint mit seinem Kampf für die Gleichberechtigung oder ob seine Worte lediglich PR sind. Dort sollten wir genau hinschauen, was Trudeau zusammen mit den anderen Staats- und Regierungschefs in Punkto Stärkung von Frauen und Mädchen auf die Beine stellt.

Eine gemeinsame Anstrengung ist längst überfällig. Weltweit haben eine Milliarde Frauen kein Bankkonto. Über 130 Millionen Mädchen haben keinen Zugang zu Bildung. Jeden Tag werden 39.000 Mädchen gegen ihren Willen verheiratet.

Nirgendwo auf der Welt verdienen Frauen so viel wie Männer. In über 150 Ländern gibt es Gesetze, die das ökonomische Potential von Frauen einschränken. Rund 100 Länder haben sogar Gesetze, die Frauen bestimmte Berufe schlichtweg verbieten.

Je ärmer ein Land ist, desto stärker werden Frauen und Mädchen diskriminiert und desto weniger Chance haben sie, sich aus der Armut zu befreien.

Wir stellen also fest: Armut ist sexistisch. Dabei haben Frauen und Mädchen das größte Potential, der weltweiten Armut den Garaus zu machen. Erhielten Mädchen den gleichen Zugang zu Bildung wie Jungen, hätten Entwicklungsländer mindestens 112 Milliarden US-Dollar mehr in den Staatskassen. Dies könnten sie wiederum in Schulen, Universitäten und Lehrpersonal investieren.

Bekämen Frauen in der Welt den gleichen Zugang zu landwirtschaftlichen Produktionsmitteln (Saatgut, Düngemitteln oder technischer Ausrüstung), würde dies die landwirtschaftlichen Erträge um 20 bis 30 Prozent und die Wirtschaftsleistung um 2,5 bis 4 Prozent steigern. Damit könnten bis zu 150 Millionen Menschen dauerhaft von chronischem Hunger befreit werden.

Die Liste ließe sich ewig fortsetzen. Fakt ist: Werden Frauen gestärkt, profitieren alle. Ausnahmslos.

Wenn das kein Ansporn ist, eine Initiative zur Stärkung von Frauen auf den Weg zu bringen, dann muss ich Trudeau die Frage gefallen lassen, wie ernst er es mit der Gleichberechtigung tatsächlich meint. Feministen reden nicht, sondern handeln.

4. Egal wo, junge Menschen in den G7-Staaten haben überraschend ähnliche Vorstellungen von der Welt, in der wir leben wollen

Wie bringt man nun die mächtigsten Menschen der Welt zu konkreten Handlungszusagen? Man wird laut. Und präzise. Und vor allem: direkt.

Der Weltjugendgipfel in Kanada war genau dafür da. Jeweils vier junge Menschen aus den G7-Ländern und der EU (die auch einen Sitz bei den G7 hat) sind vor der großen Konferenz zusammengekommen, um der Jugend eine Stimme beim G7-Gipfel zu geben, die auch gehört wird.

Insgesamt waren wir also 32. Wir haben uns getroffen, um Forderungen zu formulieren, die konkrete, durchsetzbare und nachhaltige Handlungen in den nächsten fünf Jahren verlangen.

Das war kein leichter Prozess. Wir alle hatten zuvor in unseren eigenen Ländern durch über 40 Konsultationen junge Menschen befragt, was sie sich von den G7 wünschen – und in was für einer Welt sie leben wollen. Da kamen einige Forderungen zusammen.

Doch was wir nicht gedacht hätten: Im Groben und Ganzen haben junge Menschen in den G7-Ländern ganz ähnliche Visionen von der Welt von morgen.

Wir wollen auf einem Planeten leben, auf dem Öko-und Klimasysteme geschützt werden,

auf dem die Meere frei von Plastik sind und Trinkwasser für alle erreichbar ist,

auf dem Menschen jeglicher sexueller Orientierung und Geschlecht gleichberechtigt sind und

► extreme Armut Geschichte ist.

Diese und weitere Grundwerte, so unsere Feststellungen, finden große Zustimmung in allen G7-Ländern.

Damit aus diesen Visionen einer inklusiven, gerechten und grünen Zukunft etwas Handfestes wird, haben wir beim Y7-Gipfel an einen sogenannten Call to Action gearbeitet.

Darin formulieren wir auf einer Seite, welche drei Handlungsschritte wir als junge Menschen der G7 fordern.

Da fordern wir zum Beispiel, dass sich die Außenpolitik der G7 explizit der Förderung von Frauen und Mädchen weltweit verschreibt, und Maßnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen von allen Staaten konkretisiert werden.

Beim G7 wird dieser Call to Action den Staats- und Regierungschefs offiziell überreicht.

Wir erwarten gehört zu werden. Entscheidungen, die die G7 treffen, betreffen in erster Linie die Jugend. Schließlich sind wir diejenigen, die Probleme, die heute ignoriert werden, morgen ausbaden müssen.

Im Gespräch mit den G7-Sherpas, das sind die Chef-Unterhändler der Staats-und Regierungschefs, wurde uns bei vielen Punkten zugestimmt und unterstrichen, wie wichtig unser Beitrag ist.

Das hat uns natürlich gefreut. Aber am Ende zählen keine schönen Worte, sondern nur Ergebnisse. Wir werden wachsam sein und nicht lockerlassen.

Falls du Justin Trudeau auch auffordern möchtest, sich für die Stärkung von Frauen und Mädchen einzusetzen, unterschreibe die aktuelle Petition der Entwicklungsorganisation ONE. Bisher fordern etwa 113.000 Menschen eine G7-Initiative, die 100 Millionen Frauen die Chance gibt, zu lernen, zu arbeiten und unabhängiger zu sein.

(ujo)